Tödliche Fallen
«Uns war nicht bewusst, wie gross das Tierleid ist»: Wie sich vier HSG-Studenten gegen Weidenetze und Stacheldrähte einsetzen

Unsachgemässe Weidenetze und Stacheldrähte fordern jedes Jahr den Tod Hunderter Wildtiere. Auch auf Stadtgebiet sind sie ein Problem. Zwei Studentinnen und zwei Studenten der Universität St.Gallen haben nun ein Meldesystem entwickelt, mit Hilfe dessen die Bevölkerung gefährliche Zäune melden und entfernen lassen kann.

Luca Ghiselli
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Ein Rehkitz, das sich in einem Weidenetz verfangen hat und sich nicht mehr selbstständig befreien kann. Oft kommt jede Hilfe zu spät.

Ein Rehkitz, das sich in einem Weidenetz verfangen hat und sich nicht mehr selbstständig befreien kann. Oft kommt jede Hilfe zu spät.

Bild: PD

Ein Rehkitz, das sich in einem Weidenetz verfängt und kläglich verendet. Ein Steinbock, dessen Hörner sich in einem vergessen gegangenen Stacheldrahtzaun verheddert und hilflos auf den Tod wartet. So schlimm diese Bilder anzusehen sind, so häufig kommen sie vor. Auch im Kanton St.Gallen, sogar auf Stadtgebiet. So hat die Jagdgesellschaft Schaugen-Guggeien unlängst an mehreren Hegetagen im Goldachtobel mit freiwilligen Helfern tatkräftig angepackt, um Zäune und Netze einzusammeln und zu entsorgen.

In den vergangenen Jahren ist das Thema, das zuvor hauptsächlich in Jäger- und Wildhüterkreisen präsent war, auch aufs politische Parkett gekommen. Die kantonale Gesetzesinitiative «Stopp Tierleid – gegen Zäune als Todesfalle für Wildtiere» will Stacheldraht verbieten und strenge Regeln für das Aufstellen von Weidenetzen einführen (siehe Zweittext).

Auch Schafe können dieses Schicksal erleiden.

Auch Schafe können dieses Schicksal erleiden.

Bild: PD

Aber nicht nur politisch wurden den vernachlässigten Zäunen in der Natur der Kampf angesagt. Die HSG-Studierenden Leon Zacharias, Vivienne Zeder, Alexandra Heck und Darius Rosenkranz haben im Rahmen eines Moduls ihres Masterstudiums ein Meldesystem für diese Zäune und Netze entwickelt. Damit können Wanderer, Spaziergänger, Mountainbiker oder Jogger solche Installationen schnell und unkompliziert melden. Und die Jagdvereine helfen, damit sie auch entfernt werden. Wie sind die Masterstudenten auf die Idee gekommen? Wie nachhaltig ist das Projekt? Und wie funktioniert das System?

Regionaler Mehrwert ohne grossen Aufwand

Vivienne Zeder.

Vivienne Zeder.

Bild: PD

Im Kurs «Nachhaltige Start-ups» geht es darum, mit einer Gründungsidee oder einem Projekt – möglichst regional – einen Mehrwert zu schaffen. Wo ansetzen? Leon Zacharias und Alexandra Heck, die beide aus Deutschland stammen, begaben sich mit den Zentralschweizern Vivienne Zeder und Darius Rosenkranz zu Kursbeginn auf einen Spaziergang im Appenzellerland. Brainstorming war angesagt. «Da begegneten wir einem Jäger», sagt Zeder. «Einige von uns hatten Berührungspunkte zur Jagd, haben sich aber nie eingehend damit beschäftigt.»

Also begannen die vier, sich nach möglichen Projekten zum Thema Jagd umzusehen. «Unser Ziel war es, eine möglichst grosse Wirkung mit möglichst wenig bürokratischem Aufwand zu erzielen», sagt Leon Zacharias. Bald sei man in Rechercheinterviews mit Jägern aus der Schweiz und Deutschland auf die Problematik mit den Weidezäunen gestossen. «Uns war nicht bewusst, dass dadurch hundertfach Tierleid verursacht wird. Und wir wollten dazu beitragen, dass sich das ändert.»

Per QR-Code zum Meldeformular

Leon Zacharias

Leon Zacharias

Bild: PD

Das Ganze funktioniert so: Die vier Studierenden haben 1000 Flyer drucken lassen, die im Tourismusbüro, in Bergbahnstationen oder Gastronomiebetrieben aufliegen. Darauf abgebildet ist ein QR-Code, der auf dem Smartphone gespeichert werden kann. Wer ihn scannt, wird auf ein Formular weitergeleitet. Dort kann die Bevölkerung dann ein im Zaun verfangenes Tier oder einen vernachlässigten Zaun melden, Bilder davon hochladen und den Fundort, zum Beispiel mit genauen Koordinaten, beschreiben. Die Angaben werden dann im Schnellverfahren verifiziert und an den zuständigen Wildhüter sowie an die lokalen Jagdvereine weitergeleitet. «Wir haben das Projekt so aufgezogen, dass es möglichst lang weiterbestehen kann, ohne dass wir über Jahre selbst einen grossen Aufwand haben», sagt Zacharias. Dank der breiten Abstützung sei dies gelungen.

Projekt ist nicht politisch motiviert

Politisch wollen die vier Studierenden nicht in Erscheinung treten. «Wir haben erst hinterher erfahren, dass im Kanton eine Initiative hängig ist.» Man wolle sich in dieser Beziehung nicht einmischen, sondern lediglich eine pragmatische, niederschwellige Lösung schaffen. «In erster Linie geht es darum, das Bewusstsein in der Bevölkerung für dieses Problem zu schärfen», sagt Vivienne Zeder.

Diese ist im Übrigen nicht gewinnorientiert. «Wir sind nicht dazu verpflichtet, ein gewinnorientiertes Business-Modell zu erarbeiten. Das Projekt sollte aber kostendeckend sein.» Um das zu erreichen, habe man die Kosten bewusst sehr tief gehalten. Die Gruppe setzt auf ein Google-Formular und hat auch Sponsoren gefunden. Ausserdem hat sich der Jagdverein Hubertus bereiterklärt, den Link auf das Formular auf seiner Website zu publizieren. «Damit erreichen wir 1400 Jägerinnen und Jäger.»

Kantonale Gesetzesinitiative fordert Verbot von Stacheldraht

Kantonsrat gehen Forderungen zu weit

Die aus Jagdkreisen unterstützte kantonale Gesetzesinitiative «Stopp Tierleid – gegen Zäune als Todesfalle für Wildtiere» wurde im Juni 2019 eingereicht. Sie fordert:

  • Ein grundsätzliches Verbot von Stacheldraht.
  • Das Abräumen von Weidenetzen und elektrischen Zäunen. Diese sollen nur aufgestellt werden dürfen, sofern auch tatsächlich Tiere auf den Wiesen weiden. 
  • Ein grundsätzliches Verbot von Zäunen im Wald. Einzige Ausnahme: forstliche und ökologische Schutzeinrichtungen.

Der Regierungsrat empfahl dem Kantonsrat, die Initiative so umzusetzen. Die vorberatende Kommission war anderer Meinung: Ihr gingen die strengen Verbote und Auflagen zu weit. Deshalb beauftragte sie die Regierung mit der Ausarbeitung eines Gegenvorschlags, die Ratsmehrheit folgte der vorberatenden Kommission. Der Gegenvorschlag der Regierung muss folgende Punkte berücksichtigen: 

  • Neue Anlagen von Stacheldraht sind verboten, mit Ausnahme an Absturzstellen.
  • Ungenutzte Stacheldrähte an Waldrändern sowie in Weiden sind zu beseitigen.
  • Weidenetze müssen unter Strom stehen und für das Wild klar (blau-weiss) markiert sein; nach Ende der Beweidung müssen sie entfernt werden.
  • Zäune im Wald sind verboten, mit Ausnahmen aus forstwirtschaftlicher Sicht oder zum Schutz wertvoller Lebensräume.

Der Kantonsrat muss bis im Juni 2021 über den Gegenvorschlag der Regierung entscheiden. (ghi)