«Tischlein deck dich» in Steinach: Der etwas andere Einkaufsladen

Armutsbetroffene Menschen in Steinach können seit einem Monat bei «Tischlein deck dich» jeden Mittwoch Lebensmittel beziehen – für einen Franken. Das Angebot wird dankend angenommen.

Sandro Büchler
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Freiwillige bereiten die Abgabe der Lebensmittel in einem Gruppenraum der evangelisch-reformierten Kirche vor. (Bild: Sandro Büchler)

Freiwillige bereiten die Abgabe der Lebensmittel in einem Gruppenraum der evangelisch-reformierten Kirche vor. (Bild: Sandro Büchler)

Mittwoch, 9.30 Uhr: Die ersten Kunden treten ein. Doch bevor sie mit ihrem Einkauf beginnen können, müssen sie eine Wäscheklammer mit einer Nummer ziehen. Nicht wer zu erst kommt, sondern wer die tiefste Zahl hat, darf beginnen. «Fair für alle», sagt Sabine Rheindorf.

Sie leitet die Lebensmittelabgabestelle des gemeinnützigen Vereins Tischlein deck dich. In einem Raum der evangelisch-reformierten Kirche in Steinach erhalten Menschen, die am oder unter dem Existenzminium leben, einmal pro Woche einwandfreie Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden.

Sabine Rheindorf, Co-Leiterin der Abgabestelle Steinach (Bild: Sandro Büchler)

Sabine Rheindorf, Co-Leiterin der Abgabestelle Steinach (Bild: Sandro Büchler)

Nur wer eine von den Sozialfachstellen ausgestellte Bezugskarte vorweisen kann, darf zur Abgabestelle. Bezahlt wird mit einem symbolischen Franken. «Bunt gemischt» sind die Kunden, sagt Rheindorf. Es seien mehrheitlich Familien, die vorbeikommen würden. Ein Familienvater kommt allein, zwei Mütter kommen mit ihren Kindern. Neugierig läuft die Tochter um die Tische. Das zweite Kind schläft im Kinderwagen.

Es kommen aber auch Einzelpersonen, Flüchtlinge, eine ältere und eine junge Frau sind da. Das Sprichwort, dass man einem Menschen die Armut nicht ansieht, trifft voll und ganz zu. «Armut kann auch vorübergehend sein, aufgrund von speziellen Lebensumständen oder einem Schicksalsschlag», sagt Rheindorf, die als Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Goldach tätig ist.

Was geliefert wird, ist immer eine Überraschung

Eine Stunde bevor die Bezüger in das Gotteshaus kommen, ist ein Kühlfahrzeug vorgefahren. Es liefert die gespendeten Lebensmittel. Einige haben eine kurze Resthaltbarkeit oder stammen aus Überproduktionen und Falschdisposition. «Es ist für uns auch immer eine Überraschung, was geliefert wird», sagt Rheindorf. Heute ist der Gabentisch reich gedeckt: verschiedene Brote, Konfitüre, Zimtsterne, Joghurt, Pommes-Chips, Nüsschen, dazu Äpfel, Birnen, Kaki-Früchte, einige Bananen und Lauch.

Verschiedene Brote, Gemüse, Früche und Pommes-Chips kommen auf die Tische - auch eine Schachtel Pralinen gibt es heute. (Bild: Sandro Büchler)

Verschiedene Brote, Gemüse, Früche und Pommes-Chips kommen auf die Tische - auch eine Schachtel Pralinen gibt es heute. (Bild: Sandro Büchler)

«Mehrheitlich Grundnahrungsmittel, aber auch einige Luxusprodukte sind dabei», erläutert Rheindorf. Die Süssigkeiten sind beliebt. Heute liegen speziell auch Pralinen bereit, jeder Bezüger erhält eine Schachtel.

«Die Bezüger nehmen nur so viel, wie sie brauchen.»

In einem Behälter bei der Tür sind tiefgefrorene Ravioli erhältlich – und Glace. Doch längst nicht alle nehmen davon. Sie sind genügsam, niemand hamstert. «Wer kommt, ist dankbar dafür», sagt die Co-Leiterin.

Die Abgabestelle gleicht einem Pop-up-Store

Heinz Bosshard greift zur Scherre auf dem Klavier. Er ist einer der Helfer und schneidet einen Karton auf. Er legt die Packungen sauber angeordnet auf die Tische des kurzzeitigen Verkaufslokals, das einem Pop-up-Store ähnlich sieht. Neben jedem Produkte notiert Bosshard auf einer Karte die Menge, die man erhält – je nach Grösse der Familie.

«Die Abgabe ist sinnvoll und dient den Leuten.»

Bevor es losgeht, kontrolliert er die Haltbarkeit der Lebensmittel. Einige Getränke sind abgelaufen. «Die Hersteller garantieren aber, dass sie übers Datum hinaus unbedenklich geniessbar sind.» Bosshard hat sich mit seiner Frau für die ehrenamtliche Arbeit gemeldet. Für ihn, der pensioniert ist, eine sinnvolle Sache: «Früher haben wir gut verdient, jetzt will ich etwas zurückgeben.»

Der Nüsslisalat bleibt stehen

Heinz Bosshard, freiwilliger Helfer (Bild: Sandro Büchler)

Heinz Bosshard, freiwilliger Helfer (Bild: Sandro Büchler)

Gerade erklärt er einer Frau, dass in den Tortellini kein Schweinefleisch drin sei. Kulturelle Unterschiede kämen zum Vorschein. So würden Ausländer Kopf- und Eisbergsalate bevorzugen. Den Nüsslisalat, den sie nicht kennen, überlassen sie deshalb anderen, erläutert Rheindorf. Auch die Babynahrung hat keine Abnehmer gefunden, selbst bei den Familien nicht. «Eritreische Mütter ernähren ihre Kinder anders.»

Heute haben 15 Personen Lebensmittel für sich und ihre 28 Angehörigen bezogen. Die Taschen voller Lebensmittel seien ein guter Zustupf – nicht nur an Weihnachten, meint Bosshard. Er wünscht schöne Festtage: «Bis im Januar.» Die Verabschiedung ist aufrichtig und herzlich.