Tiefere Quote als der Regelfall - Weniger Sozialfälle in Gossau als in anderen Zentrumsgemeinden

Gossau liegt mit einer Sozialhilfequote von 1,4 Prozent unter dem kantonalen Wert und tiefer als andere Zentrumsgemeinden. Wittenbach ist das Gegenbeispiel der Region.

Roger Fuchs
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Verschiedene persönliche Notlagen können Menschen in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Verschiedene persönliche Notlagen können Menschen in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Städte ziehen tendenziell Sozialfälle an − aber es gibt auch Ausnahmen. In Gossau wurden im vergangenen Jahr total 352 Personen unterstützt. Das ergibt eine gegenüber dem Vorjahr unveränderte Sozialhilfequote der Gesamtbevölkerung von 1,4 Prozent. Zum Vergleich: Kantonale Spitzenreiterin ist die Stadt St. Gallen mit einer Sozialhilfequote von 4,6 Prozent gefolgt von Rorschach und Wil mit je 4,5 Prozent. («Tagblatt» vom 18. Juni)

Die für das Ressort Soziales zuständige Gossauer Stadträtin Helen Alder Frey sagt:

«Unsere tiefe Quote ist natürlich eine Wunschsituation. Es sind wohl verschiedene Umstände, die uns entgegenkommen.»

Erklärungen für diese Faktoren basieren auf Annahmen und nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen. Alder spricht von einer guten Durchmischung aller sozialer Schichten in Gossau. So existierten auch keine Quartiere, in denen ausschliesslich finanziell schwache Einwohner leben. Mit hineinspielen dürfte ebenso die Arbeitsmarktsituation. Gossau verfüge über viele Arbeitsplätze, wo auch Leute mit tieferem Bildungsgrad eine Anstellung fänden. Bei der Gemeinde legten sie überdies grossen Wert auf eine konsequente und ressourcenorientiert angewendete Arbeitsintegration. Ein weiterer Faktor sei der Wohnungsmarkt. Viel günstiger Wohnraum dürfte gemäss Helen Alder in anderen Zentrumsgemeinden dazu beitragen, dass diese stärker Sozialhilfebezüger anziehen.

Ein mit Scham verbundenes Thema

Thomas Knill, Dozent im Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen, kann solche Überlegungen unterschreiben. Gleichzeitig fügt er an, dass das Thema Sozialhilfe immer noch stark mit Scham verbunden sei. Folglich schliesst er nicht aus, dass Betroffene sich aus dem nach wie vor überschaubaren Gossau eher in die Anonymität der Stadt St. Gallen flüchten. Oder dass umgekehrt das soziale Auffangnetz in einer dörflichen Struktur eben doch ausgeprägter sei als in einer Stadt.

Bei der Aufschlüsselung auf die Bevölkerungsgruppen ist Thomas Knill ein weiterer Punkt ins Auge gestochen: Im Vergleich zu Städten wie Wil oder Rorschach ist die Sozialhilfequote bei Kindern und Jugendlichen in Gossau deutlich kleiner. Dies könne ein Hinweis darauf sein, dass die Familien dort in besseren ökonomischen Verhältnissen leben und auch bei Trennungen die Einelternfamilien weniger schnell in ein finanzielles Loch stürzen.

Es gilt Niederlassungsfreiheit

Anders die Situation in Wittenbach, wo die Sozialhilfequote bei 3 Prozent liegt. Der zuständige Gemeinderat Stefan Bacher hält fest, dass der Wert zu akzeptieren sei. Es gelte die Niederlassungsfreiheit. Dazu könne jeder und jedem passieren, dass man in eine Notlage gerate.

Wittenbach hat gemäss Bacher viel günstigen Wohnraum. Natürlich lege man grossen Wert auf die Reintegration der Sozialhilfebezüger; dieser Prozess hänge aber auch vom Potenzial und Gesundheitszustand der Menschen ab.