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«Ich habe nie krampfhaft nach etwas gesucht»: Der St.Galler Kostümbildnerin Johanna Weise flogen die Ideen zu

Über 30 Jahre arbeitete Johanna Weise als Kostümbilderin am Theater St. Gallen. Nun steht sie für einmal auf statt hinter der Bühne: Sie erzählt in der Denk-Bar aus ihrem Leben.
Diana Hagmann-Bula
Johanna Weise in ihrer Wohnung im Fünfeckpalast in Trogen: «Ich liebe sie und gehe deshalb selten auf Reisen.» Bild: Michel Canonica

Johanna Weise in ihrer Wohnung im Fünfeckpalast in Trogen: «Ich liebe sie und gehe deshalb selten auf Reisen.» Bild: Michel Canonica

Johanna Weise weiss, was sie will. Sie hat schon immer gewusst, was sie will: Kostümbildnerin werden. Als Fünfjährige besucht sie mit ihren Eltern die Oper «Hänsel und Gretel». «Die waren alle falsch angezogen», sagt sie danach. Jahre später macht Weise ihr Gespür für das richtige Bühnentenue zum Beruf. Über dreissig Jahre lang arbeitet sie als Kostümbildnerin am Theater St.Gallen.

«Ich habe nie krampfhaft nach etwas gesucht. Die Ideen kamen stets zu mir», sagt die 91-Jährige. Nachts liest sie die Werke, für die sich die Theaterleitung entschieden hat, im Auto auf dem Weg zur Arbeit hört sie die Musik dazu, in der Probe studiert sie die Bewegungen der Tänzerinnen. «Und schon sah ich die Darsteller in meiner Fantasie in den passenden Kostümen auf der Bühne stehen.»

Zwischen Don Carlos und drei Kindern

Eine Kostümbildnerin müsse sich auf das Stück einlassen, auf den Autor, den Komponisten, auf den Regisseur, den Bühnenbildner, den Schauspieler, den Sänger, die Tänzerin.

«Versteht man sie alle, versteht man das Kostüm. Es ist ein wichtiger Teil der Produktion.»

Weise hat mit ihren Entwürfen Opern und Operetten bereichert wie «Don Carlos» von Giuseppe Verdi und «Die Fledermaus» von Johann Strauss. Sie hat auch Schauspiele, Tanz- und Kinderstücke ausgestattet. Auf dem Tisch in ihrer historischen Wohnung liegt eine Mappe mit Skizzen, jede ein kleines Kunstwerk und doch nur der erste Schritt zum Kostüm.

Weise legt ihre Hand unter das Kinn, guckt aus dem Fenster, dann zum Fotografen hinter der Linse, wechselt die Stellung ihrer Arme, lächelt, flirtet mit der Kamera. «Warum ich das so brav mache? Weil mein Mann auch Fotograf war», sagt sie. Kennen gelernt hat sie den Orchestermusiker in Solothurn, an ihrer ersten Stelle in der Schweiz.

Die beiden bemerken, dass sie sich sympathisch sind. Und dass sie beide einen Vertrag für St.Gallen in der Tasche haben. Aus Bekanntschaft wird Liebe, es folgt die Hochzeit. «Dann war ich in neun Jahren viermal schwanger.» Ihr erstes Kind stirbt noch im Bauch. «Es war ein Bub. Ich kann ihn nicht vergessen.» Ein Gynäkologe prophezeit ihr daraufhin, dass sie nie mehr Kinder werde haben können. Weise bekommt dennoch drei Mädchen.

Keine Zeit, sich zu beschweren

Nach den Geburten arbeitet sie gleich wieder. Au-pair-Mädchen und später eine Hausdame betreuen die Kinder. 1972 lässt sie sich scheiden. Die gesprächige Frau wird plötzlich wortkarg: «Ich denke nicht gerne an diese Zeit.» Um den anspruchsvollen Beruf mit dem Familienleben zu vereinbaren, steht Weise täglich um sechs Uhr auf. Vor der Probe um zehn Uhr besorgt sie Knöpfe, Stoffe oder was immer sie braucht für die Kostüme. In ihrer Zeit am Theater St.Gallen legt sie einen Fundus mit mehreren tausend Stücken an, erlebt neun Direktoren.

«Einer wollte mir eine Medaille verleihen, weil ich mich nie beschwerte. Dabei hatte ich als berufstätige Mutter einfach keine Zeit dafür.»

Ihre Grossmutter sei eine Bäuerin mit vier Kindern gewesen, erzählt Weise. «Kaum war das letzte Kind geboren, starb ihr Mann. Sie führte den Hof alleine weiter. Ich habe den Durchsetzungswillen im Blut, zum Glück», sagt sie. Zudem habe sie die Kindheit im Vorkriegsdeutschland geprägt.

Sie wächst zunächst in Gotha in Thüringen auf, erledigt unter dem Konzertflügel ihrer Mutter, einer Sängerin, die Hausaufgaben. Mit sechs Jahren besucht sie selber das Konservatorium. Als die Nazis kommen, schlagen sie ihren Vater, einen Dirigenten, der sich zum Militärmusikmeister ausbilden liess, blutig. «Weil er sich weigerte, eine Sturmabteilung-Kapelle zu gründen», sagt sie.

Fussballwissen im Theater

Der Vater wird nach Jena beordert, die Familie zieht mit. In der Bombennacht brennt die ganze Innenstadt. Pflegepersonal fehlt. Johanna Weise erhält die Möglichkeit, den Beruf der Zahnarzthelferin zu erlernen. Später flieht sie aus der DDR nach Berlin, kommt als Ost-West-Migrantin kurz in ein Auffanglager, schliesslich wird sie an der Meisterschule für Kunsthandwerk immatrikuliert und kann Kostümbild studieren. Um etwas Geld zu verdienen, verkauft sie Kämme, liest Gaszähler ab, hütet Kinder und Hunde, verkauft Limonade im Olympiastadion.

«Deshalb verstehe ich so viel von Fussball. Das ist für Theaterleute unüblich.»

Sie jobbt auch bei der Liga für Menschenrechte, tröstet DDR-Mädchen, die Heimweh haben. Dort im Büro stösst sie in einer Theaterzeitung auf das Stelleninserat aus der Schweiz.

Dieses Leben! Kein Wunder geniesst Weise mit 91 nun die Ruhe in Trogen. Sie spaziert jeden Morgen zum Café nebenan, um in der Zeitung zu schmökern. Für ganze Bücher sind die Augen zu schwach. Weise bliebe sich nicht treu, hätte sie nicht auch dafür eine Lösung organisiert: Sie lässt sich von einer Frau vorlesen. «Sie macht Pausen und erst noch an den richtigen Stellen. Ich behalte sie.» Die Liebe für Farben und Stoffe lebt sie nun im Kleinen aus. Mit der violetten, raffinierten Bluse etwa, die sie trägt und die ihre grünen Augen hervorhebt. Augen, die sagen: Ich habe noch lange nicht genug vom Leben.

Hinweis

Johanna Weise erzählt am Mittwoch, 23. Oktober, von 18 bis 20 Uhr im Feierabend-Talk in der Denk-Bar aus ihrem Leben.

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