Teure Träume und Fusionsgelüste: Die Fraktionschefs von SP, CVP und GLP haben sich im Palace um Visionen für die Stadt St.Gallen gestritten

Soll die Stadt mit Wittenbach fusionieren? Muss St.Gallen eher sparen oder investieren? Und wohin soll sich die Gallusstadt bis in zehn Jahren entwickelt haben? Diese und andere Fragen diskutierten Daniel Kehl (SP), Patrik Angehrn (CVP) und Jacqueline Gasser-Beck (GLP) am Donnerstagabend im Palace.

Luca Ghiselli
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Die Diskussionsrunde (von links): Moderator Reto Voneschen, die Fraktionspräsidenten Patrik Angehrn (CVP/EVP), Jacqueline Gasser-Beck (GLP) und Daniel Kehl (SP/Juso/PFG).

Die Diskussionsrunde (von links): Moderator Reto Voneschen, die Fraktionspräsidenten Patrik Angehrn (CVP/EVP), Jacqueline Gasser-Beck (GLP) und Daniel Kehl (SP/Juso/PFG).

Bild: Michel Canonica

Im städtischen Wahlkampf 2020 ging es bisher vor allem um Köpfe. Wer schafft den Sprung ins Stadtpräsidium? Wie setzt sich der neue Stadtrat zusammen? Auf der Strecke bleiben zum Teil die grossen Visionen für die Stadt St.Gallen der Zukunft. Deshalb hat die Erfreuliche Universität am Donnerstag die Fraktionschefs von SP, CVP und GLP zur Diskussion um genau diese Visionen gebeten. «Tagblatt»-Stadtredaktor Reto Voneschen moderierte die Diskussion.

Auf den ersten Blick – das wurde schon eingangs klar – unterscheiden sich die Visionen von Patrik Angehrn (CVP), Jacqueline Gasser-Beck (GLP) und Daniel Kehl (SP) nicht wesentlich voneinander. Der Sozialdemokrat will starke Quartiere, einen starken Bildungsstandort und eine grüne Stadt. Gasser-Beck wünscht sich eine grüne, smarte und liberale Stadt. Und Angehrn hofft auf eine stark ausgebaute Tagesbetreuung, moderne Unterrichtsformen und attraktive Bildungsräume. So weit, so gut.

Patrik Angehrn, Fraktionspräsident CVP/EVP.

Patrik Angehrn, Fraktionspräsident CVP/EVP.

Michel Canonica

Ein Glück, dass sich die Diskutanten vor allem in der zweiten Hälfte des Podiums doch noch in die Haare gerieten. Zum Beispiel bei der Frage nach einer möglichen Fusion – etwa mit Wittenbach. Patrik Angehrn, der dort als Grundbuchverwalter arbeitet, sagte:

«Mir fehlen die Argumente, um einen Wittenbacher von einer Fusion zu überzeugen.»

Solche Bestrebungen müssten von der kleineren Gemeinde ausgehen, sagte Angehrn. «Sonst sendet man falsche Signale.» Kehl widersprach: «Jene, die es nötig haben, wollen auch fusionieren. Vor 100 Jahren war das Wittenbach, heute ist es eher umgekehrt.» Und Gasser-Beck gab zu bedenken, dass es ohnehin zu viele Gemeinden gebe, die Dorfidentität aber eine wichtige Rolle spiele.

Sparen und Visionen als Zielkonflikt

Daniel Kehl, Fraktionspräsident SP/Juso/PFG.

Daniel Kehl, Fraktionspräsident SP/Juso/PFG.

Michel Canonica

Zu reden gab in der Folge vor allem, wie man diese Visionen finanzieren soll. Daniel Kehl bezeichnete bürgerliche Voten in der kantonsrätlichen Debatte um den Finanzausgleich als «erschütternd». Der Graben zwischen Stadt und Umland sei «riesig», die Hoffnung auf Kooperationen oder gar Fusionen gering. Und er nahm vorweg, dass die Bürgerlichen an der Budgetsitzung im Stadtparlament dann «kreative Sparvorschläge» vorbrächten. Das alles sei verfehlt, zeigte sich Kehl überzeugt. «So kann man eine Stadt nicht entwickeln. Die Bürgerlichen im Kantonsrat lassen uns aushungern, und die Bürgerlichen in der Stadt wollen immer mehr sparen. So wird die Stadt totgespart.»

Man müsse derzeit einfach mehr Geld ausgeben als man habe, um vorwärts zu kommen. Patrik Angehrn widersprach vehement. Bei einem 600-Millionen-Budget gebe es immer Stellschrauben, an denen man drehen könne. Und Jacqueline Gasser-Beck meinte, man sei in der Pflicht, flächendeckend zu sparen. Das wiederum brachte den Fraktionschef von SP/Juso/PFG auf die Palme.

Jacqueline Gasser-Beck, Fraktionspräsidentin GLP.

Jacqueline Gasser-Beck, Fraktionspräsidentin GLP.

Michel Canonica

Die Zusammenarbeit mit der GLP sei in einigen Fragen «ernüchternd» gewesen, weshalb auch keine Rede sein könne von einer links-grün-grünliberalen Mehrheit im Parlament. «Um wirklich linke Politik zu betreiben, braucht es eine Mehrheit mit SP und Grünen.» Gasser-Beck räumte ein, dass bei umstrittenen Geschäften «immer jemand wütend auf uns ist». Aber: «Wir stehen zu unserer Haltung und können gut damit leben.»

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