Teddy muss mal ins Spital: Neues Projekt von St.Galler Medizinstudenten

Dem Plüschtier das Herz abhören: Damit wollen Medizinstudenten Kindern die Angst vor dem Arzt nehmen.

Diana Hagmann-Bula
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Dr. Ted spielt mit – und erklärt dabei die medizinischen Geräte sowie die Abläufe bei Untersuchen.

Dr. Ted spielt mit – und erklärt dabei die medizinischen Geräte sowie die Abläufe bei Untersuchen.

Bild: PD

Das Mädchen betritt mit der Mutter die Praxis und beginnt sofort zu weinen. Da steht die Ärztin schon mit der Nadel zur Blutentnahme im Gang. Glaubt es. Dabei ist es nur ein Fiebermesser, und erst noch vom verohergehenden Untersuch. Das Mädchen schreit und tobt. In der Aufregung merkt die Siebenjährige nicht einmal, dass sie den Pieks schon überstanden hat.

Solche Fälle hat Medizinstudentin Luisa Stöckli schon viele erlebt. Sie hat Verständnis für die Reaktion der Kinder:

«Wer krank ist, ist verletzlicher
und reagiert emotionaler.»

Und dann kommt einem dieser Mensch im weissen Kittel auch noch so nahe, obwohl man ihn nur alle paar Monate oder noch seltener sieht. Da wird auch Erwachsenen mal mulmig. «Am meisten fürchten sich die kleinen Patienten vor Nadeln und anderen Geräten, die schmerzen», sagt die 21-jährige St.Gallerin, die neben dem Studium in einer Kinderarztpraxis jobbt. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter will sie Mädchen und Buben die Panik vor Herr und Frau Doktor nehmen. Und lässt sie selber in die Rolle des Arztes schlüpfen.

Ultraschallgel mit dem Deo auftragen

Am 10. und 11. März ziehen Mädchen und Buben deshalb selbst weisse Kittel über. Ihr Arbeitsort: das Ostschweizer Kinderspital. Ihre Patienten: Teddybären, flauschige und abgewetzte. Teddybärspital heisst das Projekt. Stöckli kennt es aus Zürich. «Ich und mein Studienkollege Jonathan Heinimann wollten diese gute Sache in unsere Stadt holen. Wir gehören beide zum ersten Jahrgang, der den Joint Medical Master hier absolviert.»

Luisa Stöckli, St.Galler Medizinstudentin und Initiantin Teddybärspital

Luisa Stöckli, St.Galler Medizinstudentin und Initiantin Teddybärspital

Bild: PD

Dem Teddy mit dem Stethoskop das Herz abhören, ihn zum MRI auffordern oder den gebrochenen Arm röntgen: Im Teddybärspital lernen Kinder die medizinischen Geräte kennen. Je eingehender sie diese erkunden, desto kleiner wird die Angst, hoffen die Organisatoren. Ein teurer Magnetresonanztomograf in den Händen junger Abenteurer? Luisa Stöckli verneint: «Wir haben ihn aus Holz nachgebastelt. Authentizität ist uns dennoch wichtig.» So ertöne das laute, typische Geräusch einfach aus dem Computer. Das Ultraschallgel wiederum ist echt. Die Kinder tragen es mit einem Deo auf. Das tönt nach viel Spass. Tauchen Unklarheiten auf, ist Dr. Ted da. Ein Medizinstudent, der das Kind durch den einstündigen Parcours begleitet. «Jüngere Mädchen und Buben werden eher spielen, ältere gut beobachten und sich fragen, warum sich im Labor das Blut in der Zentrifuge in verschiedene Bestandteile trennt.» Bereits zum zweiten Mal öffnet das Teddybärspital in St.Gallen. «Letztes Jahr hatten wir noch wenig Anmeldungen», sagt Luisa Stöckli. Dieses Jahr waren die Termine für Kindergartengruppen sofort ausgebucht. Für Private gibt es nach wie vor Plätze.

Doch was, wenn der Besuch des Teddybärspitals nicht wirkt wie geplant und die Angst vor dem Arzt bleibt? Geduldig bleiben mit dem Kind, auch wenn es nicht kooperiere beim Untersuch, sagt die Medizinstudentin. «Und es ablenken.» Die Punkte auf dem Pullover zählen oder über die anstehenden Ferien reden, während die Ärztin ins entzündete Ohr guckt.

Die Kinder mit einem Buch zum Thema auf den Arzt vorbereiten, rät Anette Lang-Dullenkopf, Leiterin der Entwicklungspädiatrie am Ostschweizer Kinderspital. «Ausserdem belegen Studien, dass Kinder, deren Eltern Untersuch und Behandlung bejahen, weniger ängstlich reagieren.» Seien Mutter und Vater kritisch, sei es der Nachwuchs auch. «Kinder spüren mehr, als wir annehmen.»

Kinderärzte, die keine Spritze mehr geben

Anette Lang-Dullenkopf, Leiterin Entwicklungspädiatrie am Ostschweizer Kinderspital

Anette Lang-Dullenkopf, Leiterin Entwicklungspädiatrie am Ostschweizer Kinderspital

Bild: PD

Lang-Dullenkopf beginnt jeweils nicht sofort mit dem Untersuch. Zuerst spielt sie mit dem Kind. «Kontakt aufnehmen, eine Beziehung aufbauen», sagt sie. Ausserdem trage sie keinen weissen Kittel. «Viele Kinderärzte verzichten heute auf die typische Arbeitskleidung. Impfungen und Blutentnahme delegieren sie an die Pflege, um nicht der zu sein, der wehtut. Das könnte die Beziehung belasten.» Ehrlich sein, rät sie ausserdem. «Wenn etwas wehtut, soll man das nicht wegreden. Besser das Kind beruhigen.» Sagen, dass der Schmerz vorbei geht, dass man ihn mit Eisspray lindern kann, dass man für das Kind da ist, ihm die Hand hält. Lang-Dullenkopf sieht das Teddybärspital als kreative Art der Angstbewältigung:

«Es hilft, spielerisch zu verstehen, was beim Arzt passiert. Das nimmt die Angst.»

Spätestens im Schulalter nehme diese ohnehin ab. «Das Kind verarbeitet die Behandlung dann logischer.»

Teddy hat sie auch ausgehalten. Ganz ohne Zittern. Er, immer da, wenn Kinder ihn brauchen, im Bett, im Auto, sogar in der Badewanne. «Was man ihm zumutet, kann man selbst auch ertragen», sagt Luisa Stöckli. Und ist sicher, dass in Zukunft weniger Tränen fliessen.

Hinweis: Teddybärspital: 10. und 11. März. Anmeldung unter www.tbs-sg.ch