Talkreihe
Viertes Stadtgespräch in der St.Galler Grabenhalle: An der Olma gibt es Wichtigeres als das Säulirennen

An der vierten Ausgabe des Stadtgesprächs sassen am Donnerstag die Olma-Direktorin, eine profilierte SP-Politikerin, ein Aussteiger und ein Fussballultra auf dem Podium. Diese Mischung bescherte dem zahlreich aufmarschierten Publikum einen spannenden und unterhaltsamen Abend. Dabei ging’s auch ums Bratwurstimage von Olma und Stadt.

Reto Voneschen
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Diskutierten am vierten Stadtgespräch in der Grabenhalle: Olma-Direktorin Christina Bolt, Moderatorin Julia Kubik, FCSG-Capo Maurizio Mammone, SP-Politikerin Bettina Surber, Moderator Matthias Fässler und Künstler Bobby Moor (von links nach rechts).

Diskutierten am vierten Stadtgespräch in der Grabenhalle: Olma-Direktorin Christina Bolt, Moderatorin Julia Kubik, FCSG-Capo Maurizio Mammone, SP-Politikerin Bettina Surber, Moderator Matthias Fässler und Künstler Bobby Moor (von links nach rechts).

Bild: Ralph Ribi (29. September 2022)

Das Stadtgespräch in der Grabenhalle etabliert sich erfreulicherweise im St.Galler Veranstaltungskalender. Am Donnerstagabend ging es in die vierte und bisher stärkste Runde. Matthias Fässler und Julia Kubik durchleuchteten im «VIP-Bereich der St.Galler Alternativkultur» (Eigenwerbung) wieder vier stadtbekannte Persönlichkeiten. Dabei wären die ungewöhnliche Biografie von Punk, Aussteiger, Künstler und Stadtoriginal Bobby Moor sowie der Ausflug in die Fankultur des FC St.Gallen mit Maurizio Mammone schon abendfüllend gewesen.

Zusätzlich ging’s aber auch noch um Politik: Mit SP-Fraktionspräsidentin Bettina Surber sass die Kantonsrätin «mit der derzeit grössten Medienpräsenz» auf dem Podium. Und Christine Bolt wurde – natürlich – mit der Umwandlung der Olma-Messen in eine AG und mit Vorurteilen zur «Kuh- und Bratwurstmesse Olma» konfrontiert. Die Olma-Direktorin parierte die Kritik mit einer Mischung aus Schlagfertigkeit und entwaffnender Offenheit. Ihre Argumente für die Olma als Wirtschaftsfaktor wurden «in der Höhle des alternativen Kulturlöwen» offensichtlich zur Kenntnis genommen.

Was macht eigentlich ein Capo?

Überraschendste Person am Stadtgespräch war Maurizio «Mauri» Mammone, Capo der FCSG-Fans und Wirt im Restaurant Ritter an der Oberstrasse. Er ist einer der Chefs der Fankurve und bei Bedarf auch Friedensstifter oder Vermittler zu Klub und Behörden. Selber bezeichnete er seine Rolle als «Vorsänger», der Fangesänge angepasst auf den Verlauf eines Spiels anstimmt, ums eigene Team «nach vorne zu bringen». Einst im Espenmoos sei hochdeutsch gesungen worden, heute «in der Arena» bestehe das Repertoire aus 20 bis 25 Dialektliedern.

Dezidiert distanzierte sich Maurizio Mammone am Stadtgespräch von Rassismus im Fussball. Der Spielbetrieb sei eine ausgesprochene Multikulti-Angelegenheit. Rechtes Gedankengut, wie es einst von Hooligans und teils auch Ultras vertreten worden sei, habe da keinen Platz im Stadion. Affenrufe und Bananenwürfe gegen schwarze Spieler habe es im Espenmoos noch gegeben; das werde nicht mehr toleriert. Die Fans selber seien damals im Espenmoos dagegen aktiv geworden – einzelne bei Bedarf durchaus mit den Fäusten.

Immer wieder «extrem abgestürzt»

Das vierte Stadtgespräch in der Grabenhalle war lebendig und über die ganze Länge spannend. Viel zur Dynamik trug Bobby Moor bei, der sich nicht scheute, den anderen selber Fragen zu stellen, am Schluss ein lautmalerisches Gedicht vorzutragen und einen der FCSG-Fangesänge anzustimmen. Heute arbeitet er als Künstler mit Atelier und kleiner Galerie an der Langgasse.

Seine Biografie liest sich wie ein Roman: Aufgewachsen ist er als Sohn eines Vaters, der viel mitgemacht hatte – vom Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg über die Fremdenlegion in Nordafrika. Bobby galt als musisches und kunstturnerisches Talent. Die Scheidung seiner Eltern, als er zwölf war, warf ihn aus der Bahn. Er wurde zum Punk, zum rebellischen Aussenseiter. Er geriet in Kontakt mit Drogen und rutschte in die Szene ab, lebte schliesslich «auf der Gasse». Mit 18 folgte der erste Entzug. Danach sei er immer wieder «extrem abgestürzt».

1992 wurde bei Bobby Moor Aids diagnostiziert, er überlebte die Krankheit aber dank Medikamenten, die im Laufe der Jahre immer wirkungsvoller wurden. Ihm sei damit und später mit dem Heroinprogramm der Stadt St.Gallen ein zweites Leben geschenkt worden, sagte er am Donnerstagabend in der Grabenhalle. Für Bettina Surber, die während des Jus-Studiums in der Genossenschaftsbeiz «Schwarzer Engel» kellnerte und Moor von dort kannte, war er schon damals ein Symbol für den medizinischen Fortschritt.

Projektionsfläche für Kritik

Viel Raum nahm am vierten Stadtgespräch die Diskussion um die Olma ein. Was nicht verwundert: Das Thema ist einerseits wegen der Finanzprobleme der St.Galler Messegesellschaft aktuell. Anderseits hat die Olma als Grossveranstaltung gerade in ihrem unmittelbaren Umfeld nicht nur Freunde. Und drittens bietet Christine Bolt als einstige Tourismusdirektorin, als ehemalige Managerin beim «St.Galler Tagblatt» (und damit dessen Palliativbegleitung, wie Matthias Fässler diesen Abschnitt im Berufsleben von Bolt bezeichnete) viel Projektionsfläche für linke Vorbehalte und Kritik.

In der Höhle des Löwen: Am Stadtgespräch gab’s für Messedirektorin Christine Bolt (links) viele kritische Fragen zur Zukunft der Olma.

In der Höhle des Löwen: Am Stadtgespräch gab’s für Messedirektorin Christine Bolt (links) viele kritische Fragen zur Zukunft der Olma.

Bild: Ralph Ribi

Bei der Unterstützung der Olma durch die öffentliche Hand gehe es darum, die finanziellen Löcher von 2020 und 2021 zu stopfen. Die Olma-Messen hätten keine Härtefallgelder bekommen, hielt Christine Bolt fest. Die Messegesellschaft brauche jetzt eine Finanzspritze, um überleben zu können; wenn die Olma weiter existieren solle, müssten die Darlehen der öffentlichen Hand von 2021 in Aktienkapital umgewandelt werden. Dabei gehe es nicht allein um die Olma, dabei gehe es um insgesamt 120 bis 130 Anlässe pro Jahr, um Arbeitsplätze und Aufträge fürs einheimische Gewerbe.

Olma-Zukunft braucht mehr als Säulirennen

Der Kritik, das Image der Olma sei an Bratwurst und Kühe gebunden, konnte Christine Bolt durchaus etwas abgewinnen. St.Gallen und die Olma böten definitiv mehr als das. Wenn man mit dem Messeplatz erfolgreich bleiben wolle, muss man künftig andere Stärken in den Vordergrund rücken. Etwa die Kompetenz der Olma-Messen bei aktuellen Themen, Ernährung oder E-Mobilität. Das Säulirennen sei zwar lustig und ziehe auch Publikum an, sagte Bolt. Als alleinige Säule für die Zukunft der Messe reiche es aber ganz sicher nicht aus.

Unterstützung erhielt Bolt dann aus einer unerwarteten Ecke: Bettina Surber, deren Partei weiteren kantonalen Geldern für die Olma skeptisch gegenübersteht, konnte der Messe auch positive Aspekte abgewinnen. Der Anlass sei verbindend, man treffe während den elf Olma-Tagen auf Leute, die man sonst nicht in der Stadt sehe. Zur kantonalen Unterstützung für die Olma will Surber Ja sagen. Es bleibe einem da ja auch kaum etwas anderes übrig. Gehe der Messeplatz bachab, sei das Geld ja auch weg – ganz abgesehen vom volkswirtschaftlichen Schaden in Stadt, Region und Kanton.