Tag der Arbeit
Rund 400 Personen an der 1.-Mai-Feier in St.Gallen: Friedlich, aber kämpferisch für die soziale Wende demonstriert

Die 1.-Mai-Feier in St.Gallen fand mit rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in etwas kleinerem Rahmen als in anderen Jahren statt. Die Veranstaltung verlief wie üblich von Anfang bis Schluss friedlich. Sie stand unter dem Motto «Zeit für die soziale Wende».

Reto Voneschen
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Der Demonstrationszug startet zum Marsch durch die St.Galler Innenstadt.
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Weil es eine politische Veranstaltung war, gab's keine Begrenzung der Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Allerdings war das Tragen von Hygienemasken vorgeschrieben.
Die CS schütze das Erdgeschoss ihres St.Galler Sitzes durch Metallwände.
Die Stadtpolizei markierte während der 1.-Mai-Feier Präsenz, musste aber nicht wirklich eingreifen.
Der Demonstrationszug war bunt gemischt.
Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter mit Fahnen auf dem Bahnhofplatz.
Ein kurzer Schwatz am Rand der 1.-Mai-Demo.
Stark präsent auch an dieser 1.-Mai-Feier: Vertreterinnen des Frauenstreiks und ihre Anliegen.
Zigarettenpause im Nieselregen beim Vadian-Denkmal.
Die St.Galler Juso markieren im Demonstrationszug Präsenz.
Ein zentrales Anliegen des Tags der Arbeit: gerechte und gleich hohe Löhne für gleiche Arbeit für alle.

Der Demonstrationszug startet zum Marsch durch die St.Galler Innenstadt.

Bild: Benjamin Manser

Im St.Galler Stadtzentrum hat am Samstag die traditionelle 1.-Mai-Feier stattgefunden. Der Demonstrationszug von der Grabenhalle durch die Innenstadt zur Marktgasse verlief genau wie die folgende Kundgebung friedlich. Mit 400 Personen war der Anlass etwas weniger gut besucht als in anderen Jahren; Ursachen waren wohl das garstige Wetter und die Coronapandemie. An der 1.-Mai-Demo in St.Gallen sind normalerweise 500 bis 700 Personen unterwegs.

Der Umzug durch die Innenstadt war in diesem Jahr wie üblich bunt gemischt. Speziell aufgefallen sind zwei Gruppen: Die Spitze des Zuges bildete eine starke kurdische Delegation mit Fahnen, Transparenten und den obligaten Porträts von PKK-Chef Abdullah Öcalan. Das Ende des Zugs wiederum machten junge Leute, die der autonomen Szene zuzuordnen sind. Auf ihren Transparenten war unter anderem zu lesen «St.Gallen gehört allen» oder «Mehr Punk statt Bank».

Mattea Meyer fordert «linken Aufbruch» für eine gerechterer Gesellschaft

Die Gewerkschaften hatten für den 1. Mai in diesem Jahr schweizweit das Motto «Zeit für die soziale Wende!» herausgegeben. Diesem Thema waren auch die Ansprachen an der Kundgebung in der Marktgasse gewidmet. Das Wort ergriffen diesmal ausschliesslich Frauen. Es sei Zeit «für einen linken Aufbruch», gab SP-Schweiz-Co-Präsidentin Mattea Meyer den Takt vor:

«Jetzt werden die Weichen gestellt für die Schweiz und die Welt nach Corona. Unsere Antwort heisst mehr Solidarität.»

Anzustreben sei eine Gesellschaft, die niemanden mehr alleine und zurück lasse. Es brauche eine Wirtschaft, in der nicht mehr die Maxime «Profite zuerst», sondern «Menschen zuerst» gelte. Die Bewältigung der Coronakrise und wie das unsere Gesellschaft verändere, sei eine politische Frage, hielt Mattea Meyer fest. Eine andere Welt sei möglich. Links zu sein, bedeute 2021 mehr denn je, sich für diese Hoffnung zu entscheiden.

System stürzen und Superreiche zur Kasse bitten

Noch kämpferischer brachte es Juso-Rednerin Anna Miotto auf den Punkt: «Das System muss gestürzt werden.» Es sei Zeit, die Neoliberalen in die Knie zu zwingen sowie die Reichen und Superreichen endlich zur Kasse zu bitten. Nur dann, so Miotto, könne man darauf hoffen, irgendwann in einer Welt zu leben, in der «es keine Blochers mit einem Vermögen von 16 Milliarden Franken gibt» und «in der Pflegefachkräfte nicht mehr für einen pervers tiefen Lohn» die Gesellschaft tragen müssten.

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter mit Transparent und Fahnen beim Bärenplatz.

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter mit Transparent und Fahnen beim Bärenplatz.

Bild: Benjamin Manser (1. Mai 2021)

Für «das Stimmrecht für alle», votierte Era Shemsedini von den SP-Migrantinnen und -Migranten. Sie sei genauso Kosovarin wie Schweizerin. Vor allem aber sei sie ein Mensch, der Dinge verändern wolle, die ihn störten. Die politischen Rechte dafür fehlten ihr aber. Und 1,5 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln gehe es gleich, und zwar auch jenen, die hier aufgewachsen seien, sei Jahrzehnten hier lebten. Das sei stossend, denn die 1,5 Millionen seien Teil von Stadt, Kanton und Land.

Der Kampf um die Rechte der Frauen geht weiter

Die Fortsetzung des Kampfs um die Gleichberechtigung der Frauen forderte Ronja Stahl vom Frauenstreik St.Gallen. Die Forderungen des Frauenstreiks 2019 - «Lohn, Zeit, Respekt»- seien zwei Jahre später immer noch nicht erfüllt. Die vielen Worte und Versprechungen bürgerlicher Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf jenes Jahres hätten sich« als heisse Luft» erwiesen. Die versprochene Frauenförderung sei verpufft.

Vor dem Start des Demo-Umzugs werden vor der Grabenhalle die Transparente ausgepackt.

Vor dem Start des Demo-Umzugs werden vor der Grabenhalle die Transparente ausgepackt.

Bild: Benjamin Manser (1. Mai 2021)

Daher, so forderte Stahl, müssten die Frauen am 14. Juni auch in diesem Jahr auf die Strasse gehen. Jetzt müsse endgültig fertig sein mit Geduld, Abwarten und leeren Versprechungen. Das Patriarchat habe gerade in der Coronkrise gezeigt, «wie beschissen und widerstandsfähig» es sei. Den Schluss der Kundgebung gestaltete der Liedermacher Simon Hotz mit eigenen Kampf- und Liebesliedern sowie altbekannten politischen Liedern von den Moorsoldaten bis zur Internationalen.

Friedliche 1.-Mai-Feier

Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht

(vre) Nach den Krawallen von Ende März und Anfang April hatte es im Vorfeld der St.Galler 1.-Mai-Feier Befürchtungen gegeben, diese könnte erneut zu Ausschreitungen führen. Die derzeit stark in der öffentlichen Kritik stehende Grossbank CS verbarrikadierte deswegen sogar auf den Samstag hin das Erdgeschoss ihres St.Galler Sitzes.

Die Befürchtungen bewahrheiteten sich allerdings nicht. Wie gewohnt verlief die 1.-Mai-Feier auch in diesem Jahr friedlich. Einzig eine Gruppe junger Autonomer, die nach Schluss der Kundgebung mit einer Musikanlage und Bier hinter dem Vadian-Denkmal zu feiern begann, musste von der Polizei speziell aufgefordert werden, sich auch zu entfernen. Was die Gruppe gegen 16.45 Uhr tat.

Die von Gewerkschaften und Linken organisierten 1.-Mai-Anlässe in der Stadt St.Gallen haben eine lange, friedliche Tradition. So ist es in den vergangenen 30 Jahren in ihrem Umfeld nie zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Das höchste der Gefühle für die Boulevardmedien war vor einigen Jahren ein Feuerwehreinsatz während den Ansprachen in der Marktgasse, weil auf der Toilette eines benachbarten Cafés ein Abfallkübel brannte.