Stützstrümpfe anziehen, Medikamente liefern oder Rücken schrubben: Freiwillige sollen der Spitex Regio Wittenbach während der Coronakrise unter die Arme greifen

Die Spitex Regio Wittenbach bereitet sich wegen des Coronavirus auf mehr Klienten vor und rekrutiert Freiwillige. Was diese tun könnten, erklären die Verantwortlichen bei einem Kurs im Werkhofsaal.

Perrine Woodtli
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Stefanie Berges (links) von der Spitex Regio Wittenbach erklärt, wie Hygienemasken richtig getragen werden.

Stefanie Berges (links) von der Spitex Regio Wittenbach erklärt, wie Hygienemasken richtig getragen werden.

Nik Roth

Die Stühle im Wittenbacher Werkhofsaal stehen weit auseinander. Vier Frauen haben Platz genommen. Sie alle haben einen Beruf, verfügen wegen der Coronakrise derzeit aber über viel Zeit. Zeit, die sie sinnvoll nutzen wollen. Schon bald könnten sie Stützstrümpfe anziehen, Medikamente liefern oder Rücken schrubben: Die Spitex Regio Wittenbach sucht Freiwillige, die ihr unter die Arme greifen.

Stefanie Berges, Geschäftsleiterin der Spitex Regio Wittenbach

Stefanie Berges, Geschäftsleiterin der Spitex Regio Wittenbach

Nik Roth

Der Verein hat mittels Inserat im Wittenbacher Gemeindeblatt einen Aufruf gestartet. Gut ein Dutzend Leute hätten sich gemeldet, so Stefanie Berges. Die 50-Jährige leitet die Spitex Regio Wittenbach. Sie sagt:

«Ich bin überwältigt von der Flexibilität und Solidarität.» Alle Freiwilligen wurden nun anfangs Woche in kleinen Gruppen geschult.

Die Idee von Berges ist es, dass die Frauen und Männer Aufgaben übernehmen, für die man nicht vom Fach sein muss. Nebst Stützstrümpfen anziehen, Medikamente bringen oder beim Duschen helfen, kann dies auch nur ein Besuch sein. «Die Freiwillige geht vorbei, plaudert mit dem Klienten und fragt, wie es ihm geht», sagt Berges.

Einsätze werden den Klienten nicht verrechnet

Gerade in dieser Zeit, in welcher vor allem Ältere nicht nach draussen gehen sollen, seien soziale Kontakte wichtig. Ebenfalls möglich wäre, eine Spitex-Mitarbeiterin bei einem aufwendigeren Besuch zu unterstützen. «Dann bräuchte es nicht zwei Fachpersonen vor Ort, sondern nur eine.» Die ehrenamtlichen Einsätze werden den Klienten nicht verrechnet.

Die Stühle im Werkhofsaal stehen weit auseinander.

Die Stühle im Werkhofsaal stehen weit auseinander.

Nik Roth

Dank der Freiwilligen könnten sich die 23 Mitarbeiterinnen der Spitex Regio Wittenbach auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, wie zum Beispiel Insulin spritzen, Verbände machen oder Schwerkranke und Sterbende betreuen.

Vom Blumenladen in die Pflege

Die vier Frauen erfahren an diesem Nachmittag im Werkhofsaal nicht nur, wie ihr Engagement aussehen könnte. Stefanie Berges und ihre Mitarbeiterin Ayleen Fleckner erklären auch, wie man richtig Hände desinfiziert und Hygienemasken trägt. «Sie muss schön satt über dem Gesicht liegen», sagt Berges und zieht sich eine blaue Maske an. Mit dieser sollen vor allem die Klienten, die oft zur Risikogruppe gehören, geschützt werden.

Spitex-Mitarbeiterin Ayleen Fleckner zeigt, wie man Stützstrümpfe anzieht.

Spitex-Mitarbeiterin Ayleen Fleckner zeigt, wie man Stützstrümpfe anzieht.

Nik Roth

Auch Stützstrümpfe anziehen muss gelernt sein. Ayleen Fleckner krempelt ihre Jeans an einem Bein hoch. Beim Anziehen des engen Strumpfes müsse man einiges beachten, sagt die 27-Jährige. So darf es unter anderem keine Falten geben und der Strumpf sollte rund zwei Zentimeter unterhalb der Kniekehle enden. «Sonst könnte das Bein einschlafen.» Interessiert schauen die Frauen zu. Und was mit Handschuhen sei, will eine wissen. Diese ziehe man nur bei der Körperpflege an, antwortet Berges.

Momentan ist die Lage noch ruhig

Am Ende der Schulung sagt eine Teilnehmerin, sie habe grosse Lust auf diese Aufgabe. «Ich stelle es mir spannend vor und habe keine Berührungsängste.» Der Blumenladen, in dem sie arbeitet, sei derzeit geschlossen. Zeit hätte sie also. Auch Sarah Bünter würde sich über einen Einsatz freuen. Die 27-jährige Studentin ist einigen als Präsidentin der Jungen CVP Schweiz ein Begriff. Bünter sagt:

«Ich finde, wer helfen kann, sollte dies auch tun.»

Sie habe «überhaupt keine Erfahrung» in der Pflege. «Das wäre etwas ganz Neues für mich.» Ob die Frauen und Männer tatsächlich zum Einsatz kommen, wird sich zeigen. Denn die Rekrutierung dient bis jetzt erst dazu, parat zu sein. «Wir haben noch nicht mehr Arbeit als sonst», sagt Berges. Das könnte sich aber ändern. Viele Menschen könnten aufgrund der fehlenden Kapazitäten früher aus den Spitälern entlassen werden.

Mit Zivilschützern kann die Spitex nur bedingt rechnen

Einige seien dann vielleicht auf die Spitex angewiesen. Genau so wie ältere Menschen, die am Coronavirus erkranken und nicht ins Spital wollen, sagt Berges. Und fügt an:

«Auch manche Menschen, die alleine leben, sind in dieser Zeit vielleicht froh, wenn jemand von der Spitex ab und zu nach dem Rechten schaut.»

Stefanie Berges will gewappnet sein für diesen Fall. Mit Zivilschutzleuten kann sie nur bedingt rechnen. Die Priorität des regionalen Führungsstabs liege auf den Spitälern. «Das ist wichtig und auch nachvollziehbar», sagt Berges. Sie habe sich aber dann dazu entschieden, sich selber zu helfen. «Ich bin deshalb froh, dass wir nun auf gut zwölf Leute zurückgreifen können, wenn wir sie brauchen.»

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