«Stümperhaft», «stossend», «unprofessionell»: Kampf um jeden Vogel – Hickhack zwischen dem Naturschutzverein St.Gallen und Birdlife

Die Vogelschützer Birdlife gründen eine Sektion in der Stadt St.Gallen. Das ärgert den örtlichen Naturschutzverein.

Sandro Büchler
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Vögel sind vielen Menschen ein Anliegen – in St.Gallen sind Tierschützer nun in einen Streit geraten.

Vögel sind vielen Menschen ein Anliegen – in St.Gallen sind Tierschützer nun in einen Streit geraten.

Leserbild: Toni Sieber

Christian Zinsli ist wütend: «Es ist doch gar nicht möglich, dass man uns einfach übersehen kann, die grösste lokale Umweltschutzorganisation der Schweiz», regt sich der Ehrenpräsident des Naturschutzvereins Stadt St.Gallen und Umgebung (NVS) auf. In Rage bringt Zinsli Birdlife, die nationale Vogelschutzorganisation.

Diese gab Anfang Woche bekannt, in der Stadt eine eigene Sektion zu gründen. Im Rosenbergsaal der Migros Klubschule im Hauptbahnhof St.Gallen findet am Freitagabend die Gründungsversammlung der Birdlife Sektion St.Gallen-Bodensee statt.

Am Dienstag sagte Jerry Holenstein, Präsident von Birdlife St.Gallen, dem kantonalen Verband:

«Es ist natürlich seltsam, dass St.Gallen der einzige Kanton ist, dessen Hauptstadt nicht Mitglied von Birdlife ist.»

Laut Holenstein seien viele Gebiete vom Naturschutzverein bereits gut abgedeckt, etwa das Fürstenland, Toggenburg, Sarganserland und Rapperswil. «Mit dem Verein in St.Gallen wird nun die grösste Lücke im Kanton gefüllt.»

«Stümperhaft, stossend und unprofessionell»

Es sei geradezu lächerlich, wenn Birdlife die Stadt als weissen Fleck punkto Naturschutz ansehe, sagt Christian Zinsli. Das sei eine Geringschätzung der «gewaltigen» Arbeit, die der Naturschutzverein in den vergangenen 50 Jahren erbracht habe.

Christian Zinsli, Ehrenpräsident Naturschutzverein St.Gallen und Umgebung.

Christian Zinsli, Ehrenpräsident Naturschutzverein St.Gallen und Umgebung.

Bild: Sandra D. Sutter

Fast auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 16. Februar 1970, gründet Zinsli den Natur- und Vogelschutzverein St.Gallen und Umgebung. «Damals im europäischen Jahr der Natur hatte ich die Idee, den Naturschutzverein zu gründen.» Sechs Jahre nach der Gründung wird in einer Statutenänderung der Name geändert, der Vogelschutz wird aus dem Namen gestrichen. Der Erfolgsgeschichte des Naturschutzvereins von Stadt und Umgebung tut das keinen Abbruch. «Heute zählen wir 3000 Mitglieder», sagt der NVS-Ehrenpräsident.

Von den Vereinsmitgliedern haben sich einige beim aktuellen Vereinspräsident über das Auftreten von Birdlife beschwert. Robert Schmid berichtet von erbosten Anrufen. Als stümperhaft, stossend und unprofessionell würden die Anrufer das Vorpreschen von Birdlife empfinden.

«Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was am Telefon gesagt wurde.»

Besonders sauer stosse den Vereinsmitgliedern offenbar auf, dass der Naturschutzverein mit keinem Wort in der Berichterstattung erwähnt wird – nur der WWF und Pro Natura werden als ähnliche Naturschutzorganisationen genannt. So sei der Eindruck entstanden, Birdlife habe keine Ahnung vom Gewicht des St.Galler Naturschutzvereins.

Robert Schmid, Präsident Naturschutzverein St.Gallen und Umgebung.

Robert Schmid, Präsident Naturschutzverein St.Gallen und Umgebung.

Bild: Urs Bucher

Ehrenamt versus Spendenaufrufe

Präsident Schmid versucht nun, die Wogen zu glätten und die Situation zu klären. «Denn Birdlife hat bei uns wegen einer allfälligen Fusion angeklopft. Doch wir haben – zum wiederholten Mal – abgelehnt.» Es käme immer wieder vor, das grosse Natur- und Umweltverbände sich den NVS «einverleiben wollen». So wie Birdlife: «Dass dieser Verein nun aber so tut, als gäbe es keinen Natur- und Vogelschutz in St.Gallen, ist doch sehr erstaunlich.» Schmid besänftigt seine betupften Mitglieder und erklärt ihnen, dass man bisher keine Probleme mit Birdlife hatte und «jede helfende Hand für die Natur» zu begrüssen sei.

Es geht aber nicht nur um Vögel und Nistkästen, sondern auch ums Geld. «Denn unsere grosse Anzahl Mitglieder erscheint verlockend», sagt Schmid. Der Mitgliederbeitrag beim Naturschutzverein beträgt jährlich zehn Franken. «Davon geht bei uns jeder Franken in die Natur. Niemand, weder der Vorstand, der Präsident noch das Sekretariat, verdient einen Rappen.» Auch alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Der Verein ist laut Schmid stark in der Region verankert, habe Mitglieder aus allen Schichten und mit allen politischen Prägungen.

«Ich bin überzeugt, dass eben diese Ehrenamtlichkeit auf viel Wohlwollen in der Bevölkerung stösst.»

Birdlife hingegen verstehe unter «aktiv werden» etwas anderes, wenn er sich auf deren Internetauftritt umsehe. Schmid sagt: «Nacheinander erscheinen die Begriffe Gönnerschaft, Spenden, Legate, Geschenkurkunden, Newsletter und Zeitschrift abonnieren – und erst als letzte Position die Freiwilligenarbeit.» Beim NVS heisse «aktiv werden» in erster Linie «Hand anlegen» und sich für die Natur einsetzen – «im Grossen und im Kleinen».

Der Vorwurf der Massenabfertigung

«Wir haben doch beide das gleiche Interesse, nämlich die Natur», sagt Jerry Holenstein von Birdlife St.Gallen. Er versteht die Aufregung des Naturschutzvereins nicht. «Wir haben uns über Jahre hinweg bemüht, mit dem NVS zu fusionieren.» Sie hätten jedes Mal klar nein gesagt. Deshalb habe man sich bei Birdlife dazu entschieden, eine eigene Sektion für die Stadt St.Gallen zu gründen.

«Wir nehmen ihnen nichts weg und tun einander nicht weh.»
Jerry Holenstein, Birdlife St.Gallen.

Jerry Holenstein, Birdlife St.Gallen.

Bild: Urs M. Hemm.

Sehr wohl kenne Birdlife die Vereinslandschaft in St.Gallen. «Lokal gibt es natürlich noch weitere Akteure, die sich für die Natur einsetzen – nicht nur den Naturschutzverein.» Holenstein erwähnt das Naturmuseum und den botanischen Garten. «Der Naturschutzverein ist mit seinen 3000 Mitgliedern ein starker Verein für die Region.» Jedoch sei eine gewisse «Massenabfertigung» zu erkennen. Birdlife beschreite einen anderen Weg: «Weniger Mitglieder, dafür aber besonders aktive.» Zudem sei Birdlife nicht nur in der Region aktiv, sondern sei auf nationaler und internationaler Ebene tätig.

Die St.Galler Sektion des Vogelschutzverbands sei in einer grösseren Organisation eingebettet. Holenstein gibt offen Auskunft über die Strukturen: «Der Mitgliederbeitrag beträgt 50 Franken. Davon gehen 13 Franken an den kantonalen Verband, 12 an Birdlife Schweiz.»

Einige sind in beiden Vereinen aktiv

Bei Jerry Holenstein ist eine gewisse Resignation herauszuhören. Birdlife hätte gerne enger mit dem Naturschutzverein zusammengearbeitet. «Bei uns standen die Türen immer offen – aber ein Stück weit ist der Zug nun abgefahren.» Für gemeinsame Projekte, wie man dies mit Pro Natura und dem WWF regelmässig tue, sei Birdlife aber weiterhin zu haben.

«Es gibt auch einige Personen, die bei Birdlife und beim NVS Mitglied sind.» Einige hätten auch bei der heutigen Sektionsgründung mitgeholfen, sagt Holenstein. «Sie sind möglicherweise froh, wenn es jetzt einen zweiten Verein in St.Gallen gibt.» Auch Robert Schmid vom Naturschutzverein gewinnt der neuen Birdlife-Sektion Positives ab. «Ihre Broschüren und Kurse sind insbesondere für Schulen gut geeignet.» Denn dafür habe der NVS zu wenig Ressourcen.