Streuner aus dem Ausland adoptiert: Familie wird glücklich mit «kleinem Schlumpf»

Mischling Pitufi aus Mallorca wurde einem Tierquäler entrissen und landete bei Familie Thurnheer in St.Gallen-Winkeln. Im Prinzip ist es eine gute Sache, einem herrenlosen Hund aus Süd- oder Osteuropa ein neues Zuhause zu geben. Doch die gut gemeinte Hilfsaktion kann auch schief gehen. 

Melissa Müller
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Pitafi wurde in Mallorca von einem Kutscher als Touristenattraktion für Kinder benutzt. Umso mehr geniesst er heute sein Zuhause bei Andreas und Wilma Thurnheer in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Hanspeter Schiess)

Pitafi wurde in Mallorca von einem Kutscher als Touristenattraktion für Kinder benutzt. Umso mehr geniesst er heute sein Zuhause bei Andreas und Wilma Thurnheer in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Hanspeter Schiess)

Pitufi hatte keine einfache Welpenzeit auf Mallorca. Viel zu früh der Mutter entrissen, landet er bei einem Kutscher, der das Hundebaby als Lockmittel für Touristen benutzt. Polizisten nehmen dem Kutscher den viel zu kleinen Hund weg. Eine St. Gallerin, die auf Mallorca lebt, erbarmt sich seiner – und schenkt das Tier im Sommer 2015 ihrer Mutter Wilma Thurnheer.

Die Atemtherapeutin schliesst den quirligen Podenco-Mischling mit den kaffeebraunen Augen und den etwas zu gross geratenen Fledermausohren sofort ins Herz. Sie tauft ihn Pitufi - «kleiner Schlumpf» auf Spanisch.

Im Prinzip ist es eine gute Sache, einem herrenlosen Hund aus Süd- oder Osteuropa ein neues Zuhause in der Schweiz zu geben. Allerdings gibt es auch Argumente, die gegen die gut gemeinte Hilfsaktion sprechen.

Odysse durch den Behördendschungel

Wilma Thurnheer musste einige Hürden überwinden. Ihr Pitufi hat ein coupiertes Schwänzchen – vermutlich wegen eines Unfalls. Darum konnte sie ihn zunächst nicht nach St. Gallen-Winkeln mitnehmen. Das Veterinäramt fordert damals Unfallfotos, Röntgenbilder sowie eine Bestätigung der spanischen Tierärztin, dass sie wirklich Tierärztin ist. Eine viermonatige Odyssee durch den Behördendschungel beginnt. Wilma Thurnheer beteuert, dass Pitufi «ein armer Kerl» sei, dem sie ein neues Daheim schenken wolle. Doch ihr Antrag wird abgewiesen. «Viele gehen den illegalen Weg. Wir wurden dafür bestraft, dass wir ehrlich waren», sagt sie rückblickend. In der Schweiz sind coupierte Schwänze bei Listenhunden verboten. «Pitufi ist aber ein Mischling, kein Listenhund.» Erst als sie dies den Behörden begreiflich macht, darf sie den Hund in die Schweiz nehmen.

Heute tänzelt Patufi im Garten um sein Frauchen herum. Ein aufgewecktes Kerlchen, das aber auch ein Problem mit Nähe habe und die Ohren einzieht, wenn Fremde ihn streicheln wollen. «Ich habe aber noch nie einen Hund mit einer solchen Lebensfreude gesehen», sagt Wilma Thurnheer. Sie spüre seine Dankbarkeit, dass er bei ihnen einen guten Platz gefunden hat.

Auch Bello hat 
einen ­Kulturschock

Nicht alle aus Ferienländern importierten Hunde haben Glück: Viele landen ängstlich, verhaltensgestört und traumatisiert im Tierheim.

Die Wittenbacher Hundetrainerin Manuela Albrecht hat selbst zwei Hunde aus Spanien «adoptiert», die sie aus einem Thurgauer Tierheim geholt hat.

Die Wittenbacher Hundetrainerin Manuela Albrecht mit ihren Podenco-Mischlingen Jacky und Limon.  Jacky wurde in Spanien im Müll gefunden. (Bild: PD)

Die Wittenbacher Hundetrainerin Manuela Albrecht mit ihren Podenco-Mischlingen Jacky und Limon.  Jacky wurde in Spanien im Müll gefunden. (Bild: PD)

Auch ein Strassenhund könne einen Kulturschock bekommen, wenn er plötzlich in einem Haus leben muss, sagt Hunde-Expertin Manuela Albrecht. «Alles ist ihm fremd.» Er müsse an der Leine gehen und könne nicht wie gewohnt vor Autos oder Pferden fliehen. «Er versteht nicht, was wir Menschen von ihm wollen», sagt Manuela Albrecht. 

«Solche Tiere sollten besser schon als Welpen vermittelt werden.»

Nach einem Lebensjahr hätten sich viele Verhaltensweisen schon gefestigt. «Diese in andere Bahnen zu lenken, ist mit grossem Aufwand verbunden.»

Das mussten auch der St. Galler Grafiker Wilko Nuber und seine Freundin erfahren, als sie über das Internet ihre Mischlingshündin Sidney aus Rumänien kauften. Sie erlebten Hürden und Hochgefühle.

«Sidney hat uns oft an die Grenzen gebracht mit ihrem Temperament, dass wir uns fragten: Bringts’ das wirklich?»

Sie war anfangs nicht stubenrein, hatte Angst vor Männern und hielt es allein nicht aus. Dann heulte sie zum Leidwesen der Nachbarn. Doch das junge Paar blieb dran und besuchte mit Sidney jeden Samstag die Hundeschule. «Am Anfang liess sie sich nicht einmal von mir anleinen», sagt Wilko Nuber. «Ich musste Schritt für Schritt ihr Vertrauen gewinnen.»

Wilko Nuber mit seiner Hündnis Sidney aus Rumänien. (Bild: PD)

Wilko Nuber mit seiner Hündnis Sidney aus Rumänien. (Bild: PD)

Sidney hat ein glänzendes Fell bekommen

Jetzt ist Sidney ein Jahr bei ihnen – und hat grosse Fortschritte gemacht. «Sie gehorcht uns gut und kann auch mal allein daheim chillen.» Nur den Jagdtrieb konnten sie ihr nicht abgewöhnen. War sie vorher abgemagert, hat sie nun ein glänzendes Fell. Wilko Nuber und seine Freundin verbringen fast jede freie Minute mit ihrer vierbeinigen Gefährtin. «Es ist ein schönes Miteinander. Sie weiss jetzt, dass sie zu uns gehört.»