Strafrechtspodium mit ehemaligen Friedberglern zeigt: «Wir sind alle potenzielle Kriminelle»

Harte Strafe oder Resozialisierung? Fachleute diskutieren in Gossau den richtigen Umgang mit Verbrechern.

Vanessa Mengel
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Gesellschaft und Medien rufen regelmässig nach härteren Strafen für Verbrecher.

Gesellschaft und Medien rufen regelmässig nach härteren Strafen für Verbrecher.

Bild: Benjamin Manser

Kriminalfälle üben seit jeher eine Faszination auf die Gesellschaft aus. Nicht nur in Büchern oder im sonntäglichen Tatort wird gefragt: «Wer ist der Täter?» Auch bei realen Straftaten ist diese Frage zentral. «Der Mensch will schnellstmöglich einen Verantwortlichen finden», sagt Hannes Nussbaumer, Journalist und Moderator des Themenabends «Strafe: Sühne oder Rache?» im Gymnasium Friedberg in Gossau.

Hannes Nussbaumer

Hannes Nussbaumer

PD

Im Angesicht eines erschütternden Tatbestands träten die Fakten dabei oft in den Hintergrund.

«Abnormales Verhalten fordert die Gesellschaft heraus, denn sie ist eine Bedrohung der Sicherheit und soll bestraft werden.»

Aber kann unser Rechtssystem diesem Anspruch gerecht werden? Gibt es eine «gerechte Strafe» oder sollte die Strafe gar nicht im Fokus einer Verurteilung stehen? Diese und weitere Fragen wurden am Podium vom Dienstag von drei ehemaligen Friedberg-Schülern diskutiert.

Der Zürcher Strafverteidiger Andrea Taormina nimmt die Rolle der Verteidigung ein.

«Mir ist egal, ob jemand eine Tat begangen hat oder nicht. Ich hole immer das Beste für den Mandanten raus.»

Dem entgegen argumentiert Lorenzo Rienzo, der stellvertretende Leitende Staatsanwalt des Kantons St.Gallen: «Im Auftrag des Staates suche ich be- oder entlastende Beweise und eruiere die Hintergründe», sagt er. Auch ein Freispruch könne ein Resultat sein.

Eine übergeordnete Perspektive liefert Michael Rüegg, Philosoph und Lehrer am «Friedberg». «Meine Aufgabe ist, allgemeingültige Theorien und Erklärungen zu finden», sagt Rüegg. Aus philosophischer Sicht steht für ihn fest:

«Wir sind alle potenzielle Kriminelle.»

Heute Opfer, morgen Täter

Dass jeder zum Täter werden kann, betont auch Taormina: «Vor allem Beziehungsdelikte können schnell geschehen.» Als Verteidiger lernt er die Hintergründe einer Tat kennen. «Oftmals denke ich: Ja, das hätte so auch anderen passieren können.»

Dass der Mensch ein Hang zum Bösen habe, würden auch die Lehren im Juden- und Christentum unterstreichen, so Rüegg:

«Wir alle haben diese böse Seite in uns. Es gilt, dieser zu widerstehen.»

Doch wie verhindern wir das Begehen einer Straftat? In den Medien und der Gesellschaft wird oft die Forderung nach härteren Strafen laut. «Menschen schätzen das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, irrational hoch ein und wollen diesen Umstand so vermeiden», vermutet Taormina.

Hohe Strafen bedeuten hohe Rückfallquoten

«Eine Erhöhung des Strafmasses kann aber nicht die Lösung sein», sagt Rienzo. «Die USA haben irrational hohe Strafen und dennoch steigende Kriminalitätsraten sowie hohe Rückfallquoten. Das schreckt also nicht ab.» Entscheidender seien wirksame Präventions- und Rehabilitationsmassnahmen.

Dem pflichtet Rüegg bei: «Kriminelle Prävention beginnt beim Einzelnen.» Bereits in den Schulen würden wichtige Weichen für eine korrekte Wahrnehmung von Recht und Unrecht gestellt. Rechtskonform zu handeln, sei auch eine anerzogene Haltung. Doch wenn Kriminalität nicht hart bestraft wird, wie empfinden das Opfer?

Die Opfer gehen vergessen

«Die Opferrolle gerät im Zuge der Tatverdachtsklärung oft vergessen. Das ist natürlich belastend für die Betroffenen», sagt Rienzo. Als Staatsanwalt sei es jedoch seine Pflicht, die Wahrheit rauszufinden. Wie das Urteil ausfällt, bestimme allein der Richter.

«Wir dürfen auch die Person des Täters und sein Leben nicht vergessen», sagt Rüegg. «Unser Rechtssystem verurteilt heute nach Verhältnismässigkeit, es gab eine Verschiebung von der Tat auf den Täter.» Das sei ein grosser Fortschritt zu früher.

Rüegg verlässt sich auf eine angemessene Strafe durch das Rechtssystem. «Wer Christ ist, hat zudem die Sicherheit, dass nicht ein Richter, sondern Gott das letztliche Strafmass bestimmt.» Dieser Gedanke könne für Opfer entlastend sein.