Stillstand an der St.Galler Felsenstrasse: Die Anwohner sind wütend

Teile der Bevölkerung an der Felsenstrasse sind verärgert, weil es mit den Neubauten nicht vorwärtsgeht. Und das, obwohl vier Gebäude, die ihnen weichen sollen, seit längerem geräumt sind. Grund für die Verzögerung ist ein Rechtsverfahren.

Christina Weder
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Die Situation an der mittleren Felsenstrasse: Vorne die Baugrube der ersten Etappe des Projekts Haldenhof, dahinter die vier für den Abbruch vorbereiteten Gebäude des Projekts Felsenstrasse. Sie können wegen eines Rechtsverfahrens und aus Sicherheitsüberlegungen zum Leidwesen eines Teils des Quartiers vorläufig noch nicht abgebrochen werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Situation an der mittleren Felsenstrasse: Vorne die Baugrube der ersten Etappe des Projekts Haldenhof, dahinter die vier für den Abbruch vorbereiteten Gebäude des Projekts Felsenstrasse. Sie können wegen eines Rechtsverfahrens und aus Sicherheitsüberlegungen zum Leidwesen eines Teils des Quartiers vorläufig noch nicht abgebrochen werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die mittlere Felsenstrasse gleicht derzeit einem Geisterquartier. Unterhalb der Strasse klafft eine Baugrube, oberhalb stehen vier bereits für den Abbruch bereitgemachte Gebäude mit den Hausnummern 57 bis 67. Die letzten Mieterinnen und Mieter sind vor einem Jahr ausgezogen. Die Wohnungen sind längst ausgeräumt, die Fenster bereits entfernt. Manche Läden sind geschlossen, andere schlagen bei einem Windstoss laut gegen die Hausmauer. Irgendwo steht eine ausrangierte Waschmaschine. Die Hausnummern sind in pinker Farbe an die Fassaden gesprayt.

Eine Nachbarin sagt:

«Es fühlt sich an wie in einem heruntergekommenen Quartier einer süditalienischen Stadt.»

Eine andere nervt sich über die holprige Strasse mit provisorisch erstelltem Belag. Sie müsse jeweils sehr gut aufpassen, wenn sie mit dem Velo durchfahre. Andere Quartierbewohner finden den rund 200 Meter langen Strassenabschnitt mit den leer geräumten Häusern unheimlich, wenn sie nachts unterwegs sind. «Es handelt sich um Niemandsland», sagt Brigitte Kemmann, Präsidentin des Vereins Felsenstrasse. Sie rätselt, was los ist und wann es weitergeht. Die vier Gebäude sollten längst abgerissen sein. Seit einem Jahr tut sich nichts mehr.

Rechtsverfahren ist hängig

An der mittleren Felsenstrasse stehen radikale Veränderungen an. Zwei neue Grossüberbauungen werden das Gesicht des Quartiers künftig prägen. Unterhalb der Strasse sind die Arbeiten an der Überbauung Haldenhof in vollem Gang. Oberhalb plant die Bauherrin «Mettler2invest» anstelle der vier Abbruchhäuser die Wohnüberbauung Felsenstrasse. Gemäss Brigitte Kemmann wäre es für die Quartierbewohner ideal gewesen, wenn beide Überbauungen zeitgleich in Angriff genommen worden wären, um die Bauzeit möglichst kurz zu halten.

Doch daraus wird nichts. Zwar liegt seit vergangenem Sommer eine Baubewilligung für die Überbauung Felsenstrasse vor, doch ist diese noch nicht rechtskräftig. Der Eigentümer einer Nachbarliegenschaft hat dagegen Rechtsmittel ergriffen, wie Ivan Furlan, Leiter des städtischen Amts für Baubewilligungen, im Gespräch bestätigt. Der Fall ist derzeit beim kantonalen Verwaltungsgericht hängig. Wegen des laufenden Verfahrens könne er sich nicht weiter dazu äussern, sagt Ivan Furlan.

Im Quartier kursieren Gerüchte, die ahnen lassen, dass es sich hier um einen verzwickten Rechtsfall handeln dürfte. Der benachbarte Hauseigentümer sei mit den Rahmenbedingungen des Bewilligungsverfahrens nicht einverstanden, heisst es. Er sei der Ansicht, nicht richtig informiert worden zu sein. Zudem zweifle er den Sondernutzungsplan an, der im Sommer vor zwei Jahren bewilligt worden ist. Nun muss das kantonale Verwaltungsgericht klären, ob es überhaupt zulässig ist, diesen an sich rechtskräftigen Plan nach zwei Jahren noch in Frage zu stellen. Wegen des laufenden Verfahrens wollen weder die Stadtbehörden noch die Bauherrin zu den Gerüchten Stellung nehmen. Stillschweigen herrscht auch darüber, wer der Rekurrent ist.

Die Häuser könnten schon jetzt abgebrochen werden

«Wir wissen nicht, wie lange es noch dauert, bis wir loslegen können», sagt Roland Ebneter, Projektleiter bei «Mettler2invest». Der Zeithorizont sei völlig offen. Es sei ihm bewusst, dass die vier Abbruchhäuser fürs Quartier kein schöner Anblick seien. «Grundsätzlich könnten wir sie jetzt schon abreissen», sagt Ebneter. Die Abbruchbewilligung liege vor. Aus Sicherheitsgründen, nämlich wegen der Hangstabilität, verzichte man jedoch auf den Abbruch und warte zu, bis die rechtskräftige Baubewilligung vorliege. Denn es wäre gemäss Projektleiter ein Risiko, die Liegenschaften abzubrechen, ohne umfangreiche Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen. Die nötige Hangstabilisierung werde mit dem Baustart erfolgen.

Anstelle der vier Gebäude an der Felsenstrasse 57 bis 67 sind drei Ersatzbauten mit insgesamt 29 Wohnungen geplant. Diese verfügen je über 1,5 bis 4,5 Zimmer und einen Abstellplatz in der Tiefgarage. Wie Roland Ebneter sagt, sollen sie im Stockwerkeigentum verkauft werden. Die Nachfrage sei gross. Auf der Interessentenliste fänden sich schon jetzt dreimal so viele Namen wie Wohnungen. Nach ursprünglicher Planung hätte die Überbauung im Frühling 2021 bezugsbereit sein sollen. Schon jetzt steht fest: Bis es so weit ist, wird es länger dauern.

Auch die Strassensanierung «hängt in der Luft»

Das laufende Rechtsverfahren verzögert auch ein anderes Projekt, auf das Teile des Quartiers entlang der Felsenstrasse sehnlich warten: die Sanierung der Strasse. Die Stadt hat in Teilen der Strasse bereits neue Leitungen verlegt und die Gräben dieser Arbeiten provisorisch verschlossen. Auch der Strassenbelag ist erst provisorisch wieder instand gestellt. Dies, weil eine Strassensanierung erst Sinn ergibt, wenn das Bauprojekt der «Mettler2invest» abgeschlossen oder mindestens so weit fortgeschritten ist, dass nicht mehr mit intensivem Baustellenverkehr gerechnet werden muss, wie Stadtingenieur Beat Rietmann sagt. Solange das Rechtsverfahren nicht abgeschlossen ist, «hängt» also auch das städtische Tiefbauamt. Es bleibe nichts anderes übrig als abzuwarten, bis die juristischen Entscheide gefallen seien, sagt Beat Rietmann dazu. Erst dann könne man eine Neubeurteilung der Situation vornehmen und einen verbindlichen Fahrplan für die Sanierung der Felsenstrasse erarbeiten. Vorgesehen ist unter anderem eine Aufwertung der Strasse mit Bauminseln.