St.Galler Wirte rufen beim Stadtrat nach Hilfe: Ohne Ausfallentschädigungen drohen Schliessungen

Der Staat müsse 70 Prozent der Ausfälle übernehmen, die den Wirten durch die Coronaregeln entstehen, fordert Gastro Stadt St.Gallen. Sonst drohen Betriebsschliessungen – und das RAV müsse für die vollen Kosten aufkommen.

Johannes Wey-Eberle
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Die neuerlichen Verschärfungen der Coronaregeln bringen für viele Gastrobetriebe das Fass zum Überlaufen.

Die neuerlichen Verschärfungen der Coronaregeln bringen für viele Gastrobetriebe das Fass zum Überlaufen.

Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

Es ist dicke Post, die der Stadtrat vom Wirteverband Gastro Stadt St.Gallen in einem eingeschriebenen Brief erhalten hat:

«Wir fordern und brauchen Soforthilfe, ansonsten sehen wir uns leider gezwungen, all unsere Mitarbeiter dem RAV und dem Staat alleine zu überlassen.»

Screenshot: PD

Die Wirte schildern in drastischen Worten ihre wirtschaftliche Lage und verlangen eine Entschädigung von 70 Prozent auf die Umsätze, die ihnen durch die Coronamassnahmen entgehen, sofern die Ausfälle noch nicht anders abgegolten werden. Darüber hinaus soll ihnen die Mehrwertsteuer für das laufende Jahr erlassen werden.

Unterzeichnet ist der eingeschriebene Brief, den «FM1Today» publik gemacht hat, nicht nur von Vorstandsmitgliedern des Wirteverbands, sondern auch von über 20 Wirten namhafter Betriebe (darunter «Netts», «Seeger», «Schlössli Haggen») und von SVP-Nationalrat Lukas Reimann.

Wirte schlagen Alarm vor dem Lichterlöschen

Mit dabei ist auch Florian Reiser, Inhaber der Focacceria AG.

«Ich brauche bis nächste Woche einen Funken Hoffnung.»
Florian Reiser

Florian Reiser

Ralph Rii

Sonst müsse er als verantwortungsvoller Unternehmer Mitarbeiter entlassen. Denn in den letzten Monaten sei das Geschäft nicht nur «nicht gewinnbringend», sondern schlicht nicht kostendeckend gewesen. Die Gastronomen hätten jeden Tag draufgelegt.

Die Kurzarbeit sei für die Branche, die mit am dringendsten auf Unterstützung angewiesen sei, das falsche Instrument. «Der Koch, das Servicepersonal, sie alle sind hier, auch wenn wir nur einen Drittel des Umsatzes machen.» So habe man von dieser Unterstützung kaum Gebrauch machen können.

«Am Freitag hat es geknallt»

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St. Gallen

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St. Gallen

PD

Bis letzte Woche hätten die Zeichen auf Entspannung gestanden, sagt René Rechsteiner, «Bierfalken»-Wirt und Präsident von «Gastro Stadt St.Gallen». Die Umsätze hätten sich wieder der Vor-Corona-Ära angenähert und die Wirtinnen und Wirte konnten noch mit vielen verschobenen Anlässen rechnen. «Und dann hat es am Freitag geknallt.»

Der Bund empfiehlt Homeoffice, auch die Kantone zogen die Schraube wieder an. Schon zuvor hatte eine Expertin des Bundes gar abgeraten, essen zu gehen. Nun hätten die Gastronomen schlicht keine Reserven mehr. «Wir können nur noch den Notausgang nehmen», sagt Rechsteiner. Sprich: Entlassungen und Betriebsschliessungen.

70 Prozent oder alles zahlen

Mit der Forderung nach einer Ausfallentschädigung habe man das Allgemeinwohl im Auge, sagt Reiser. 50 Prozent des Umsatzes entfielen auf ungedeckte Mitarbeiterkosten, 20 Prozent auf übrige Betriebskosten.

«Wenn die Restaurants und Hotels wirklich schliessen müssten, würde der Staat über die Arbeitslosenkasse 100 Prozent bezahlen und die Arbeitsplätze wären langfristig verloren.»

Auch die Zulieferer würden Schaden nehmen. Für ihren Ansatz hätten sie von Gastrosuisse Zuspruch erhalten, auch der nationale Verband wolle dahin gehend aktiv werden.

Stadtrat kann Gastronomie nicht selber helfen

Den Wirten sei bewusst, dass der Stadtrat ihre Forderung nach Mehrwertsteuererlass und finanzieller Unterstützung nicht selber nachkommen könne, sagen Rechsteiner und Reiser. Aber die Stadt könne sich beim Kanton dafür starkmachen. Kaum sei der Brief im Rathaus angekommen, habe der Stadtrat den Gastroverband schon zum Gespräch eingeladen. Der Exekutive sei gar nicht bewusst gewesen, dass die Kurzarbeit in der Gastronomie kaum greife. Dieser Irrtum sei weit verbreitet, sagt Reiser.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin

Stadtpräsident Thomas Scheitlin

Benjamin Manser

Auch Stadtpräsident Thomas Scheitlin spricht von einem «sehr konstruktiven und auf gegenseitigem Verständnis basierenden Austausch». Allerdings seien die Massnahmen, welche «Gastro Stadt St.Gallen» vorschlägt, in erster Linie Sache des Bundes. Grundlage müsste das neue Covid-19-Gesetz sein, zu dem es noch keine Verordnung gibt. Der Stadtrat sei aber mit dem Kanton im Kontakt, um Lösungen für die Gastrobetriebe zu finden.