Rekurs und Online-Petition: Das Graffiti an der Offenen Kirche soll bleiben

Das Aus für das Graffiti an der Offenen Kirche in St.Gallen stösst in der Bevölkerung auf Unverständnis. Der St.Galler Marcel Baur lanciert nun eine Online-Petition. Das Ziel: Der kantonale Denkmalschutz soll das Gesuch nachträglich doch noch bewilligen. Gleichzeitig will ein Verein einen Rekurs gegen den Kantonsentscheid einlegen.

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(lim/seh/tn) Das Aus für das Graffiti an der Fassade der Offenen Kirche in St.Gallen bewegt und stösst auf Unverständnis – das zeigen zahlreiche Wortmeldungen von Stadtparlamentariern («Tagblatt» von gestern). Der kantonale Denkmalschutz hat entschieden, das unbefristete Gesuch des Vereins Wirkraum Kirche nicht zu bewilligen; das Wandbild muss deshalb weg.

Nun unternimmt der bekannte St. Galler Stadt-Blogger Marcel Baur etwas gegen den Entscheid – dies in Form einer Online-Petition, wo sich Befürworter des Wandbild-Erhalts eintragen können. In der Petition heisst es: «Wir fordern die verantwortlichen Stellen auf, das Gesuch für die unbefristete Bewilligung zu erteilen.» Die vom Kanton verfügte Entfernung des Graffiti an der Fassade der Offenen Kirche in St. Gallen hat vor allem in den Sozialen Medien Ärger ausgelöst. «Dies hat mich nun dazu bewogen, eine Online-Petition für den Erhalt dieses Farbtupfers zu starten», schreibt Baur in einer Mitteilung. Ziel der Petition: Der kantonale Denkmalschutz soll das Gesuch nachträglich doch noch bewilligen und auf die Entfernung verzichten.

Er will den Verein unterstützen

Marcel Baur, Vorstandsmitglied der städtischen glp, will mit seiner Petition den Verein Wirkraum Kirche unterstützen «und an die Solidarität der Stadtbewohner appellieren». Es könne nicht sein, dass eine Wandmalerei nach drei Jahren aufgrund «seltsamer Begründungen» entfernt werden müsse. «Drei Jahre lang hat uns das Gesicht gezeigt, dass es mehr gibt als graue Betonfassaden. Es hat tägliche Menschen begrüsst und ist zu einem Erkennungsmerkmal für den Unteren Graben, nein für die ganze Stadt geworden.»

Über 200 Unterschriften in wenigen Stunden

Die Petition scheint bei der Bevölkerung anzukommen – knappe zwei Stunden nach der Aufschaltung am Dienstagmittag waren es bereits über 100 Unterzeichnende, um 16 Uhr bereits doppelt so viele.

Wie lange Baur die Petition laufen lassen will, steht noch nicht fest – genauso wenig, wann und in welcher Form diese dem Leiter des Amtes für Denkmalschutz, Michael Niedermann, überreicht wird. Marcel Baurs Vorgehen sei mit dem Verein Verein Wirkraum Kirche abgesprochen.

Rekurs gegen Entscheid

Bauer ist nicht der Einzige, welcher das Bild retten will: «Das Frauengesicht steht für Weltoffenheit und Dialog», sagt Theodor Pindl, Intendant der Offenen Kirche, zu «FM1Today». Diese Botschaft solle nicht übermalt werden. Deshalb will der ökumenische Verein Wirkraumkirche St.Gallen, der die Offenen Kirche verwaltet, Rekurs gegen den Entscheid des Kantons einlegen.

Der Kanton lehnte kürzlich ein Baugesuch des Vereins ab. Im Gesuch forderte der Verein, dass das Graffiti auf unbestimmte Zeit die Fassade schmückt. Die Denkmalpflege des Kantons argumentierte aber, dass die Bemalung «keinerlei Respekt gegenüber dem historischen Gebäude» zeige. Deshalb soll das Wandbild bis spätestens Ende Mai verschwinden.

Pindl von der Offenen Kirche kann den Entscheid nicht nachvollziehen und sagt zu «FM1Today»: «Da das Gebäude vermutlich nur noch wenige Jahre stehen bleibt, ist es unsinnig, das Wandbild kurz vor Abriss zu übermalen.» Falls nämlich am Unteren Graben der neue HSG-Campus gebaut wird, wird das bemalte Gebäude wahrscheinlich abgerissen. Darüber hinaus habe das schöne Frauengesicht eine symbolische Wirkung für die Stadt, findet Pindl. «Das Kunstwerk verkörpert unsere interkulturelle Gemeinschaft.» Wer genauer hinsieht, sieht im grossen Gesicht noch zahlreiche weitere Gesichter.

Kommentar

Rechtsstreit um Graffiti an der Offenen Kirche St.Gallen: Farbe ist nicht gleich Farbe

Verschönert oder verschandelt dieses Graffiti die Stadt? Diese Frage steht im Kern des Rechtsstreits um das Graffiti an der Offenen Kirche. Niemand hätte gedacht, dass es drei Jahre lang dort prangen würde. Weder die Betreiber, die das Sujet ursprünglich jedes Jahr wechseln wollten. Auch nicht die Behörden, die dem Gesicht an der Fassade nur eine befristete Bewilligung erteilten.
Roger Berhalter