St.Galler Stadtrat sagt Kinderfest 2021 ab: Eine überraschend rasch lancierte Petition will den Traditionsanlass noch «retten»

Es war absehbar: Für die meisten St.Gallerinnen und St.Galler ist das Kinderfest eine emotionale Angelegenheit. Entsprechend heftig sind die Reaktionen auf die Meldung, dass es erst 2024 wieder stattfinden soll. Massive Kritik daran kommt von der SVP. Und inzwischen wurde im Internet gar eine Petition fürs Kinderfest 2021 lanciert.

Reto Voneschen und Daniel Wirth
Drucken
Teilen
Kinderfest 2018: Am Umzug durch die Innenstadt. Wie viel Spass die Teilnahme den Kindern macht, ist ein ewiger Diskussionspunkt. Er gehört inzwischen irgendwie zur Tradition und Folklore rund um den Grossanlass.

Kinderfest 2018: Am Umzug durch die Innenstadt. Wie viel Spass die Teilnahme den Kindern macht, ist ein ewiger Diskussionspunkt. Er gehört inzwischen irgendwie zur Tradition und Folklore rund um den Grossanlass.

Bild: Mareycke Frehner (24.7.2018)

Die erste offizielle Reaktion auf die Absage des Kinderfests 2021 kam am Dienstag von der städtischen SVP. Sie bedauere die Massnahme «auf dem Rücken der Kinder», schreibt Parteipräsident Donat Kuratli in einer Mitteilung: «Bei den Kindern zu sparen sollte nicht die erste, sondern die letzte Massnahme sein.»

Kinderfest 2021 hätte pädagogischer Aufbruch sein können

Donat Kuratli, Stadtparlamentarier und Präsident der SVP der Stadt St.Gallen.

Donat Kuratli, Stadtparlamentarier und Präsident der SVP der Stadt St.Gallen.

Bild: PD (17.9.2019)

Pädagogische Gründe lässt die SVP für die Absage nicht gelten: «Die Durchführung des Kinderfestes 2021 hätte auch ein Zeichen des Aufbruchs sein können, welchen man den Kindern durchaus hätte pädagogisch vermitteln können. Die Absage ist daher als reine Sparmassnahme zu betrachten.»

Das Kinderfest «als einer der Leuchttürme dieser Stadt» bringe Wertschöpfung für das lokale Gewerbe. Das investierte Geld sei ein Multiplikator, der den lokalen Unternehmen ein Mehrfaches an Wertschöpfung einbringe, heisst es in der SVP-Mitteilung: «Dass man nun genau bei ihm ansetzt, finden wir ein falsches Zeichen.» Und es schmerze besonders, wenn man bedenke, dass es noch andere Massnahmen zur Gesundung der Stadtkasse gäbe, welche effektiver wären.

Bedauerlich, aber andere Massnahmen schmerzen genau so

Peter Olibet, Stadtparlamentarier und Präsident der SP der Stadt St.Gallen.

Peter Olibet, Stadtparlamentarier und Präsident der SP der Stadt St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi (8.3.2020)

Dass das Kinderfest 2021 abgesagt werde, sei bedauerlich, sagt auch Peter Olibet von der SP. Er will den Verzicht aber nicht losgelöst vom Massnahmenpaket für die Stadtkasse politisch diskutieren. Dieses Paket bestehe aus vielen verschiedenen Massnahmen, es auf eine einzige zu reduzieren, sei nicht sachgerecht, sagt der Stadtparlamentarier und Präsident der SP-Stadtpartei auf Nachfrage.

Die Absage des Kinderfests sei nur eine Massnahme, die Familien und Kinder betreffe. Die Überprüfung der Gebühren für familienergänzende Betreuungsangebote für Kinder sei beispielsweise nichts anderes als eine Reduktion der Subventionen.

«Unter dem Strich müssen die Eltern mehr bezahlen!»

Olibet bedauert auch die Streichung des schulischen Angebots «Kunst und Handwerk». Gerade Kinder, die in diesem Bereich besondere Fähigkeiten hätten, würden etwas verlieren. Der SP-Politiker hat auch kein Verständnis für die vom Stadtrat beschlossene Verschiebung der Projekte zur Sanierung des Schulhauses Kreuzbühl und zum Ausbau des Kunstmuseums.

Petition verlangt die Durchführung des Kinderfests 2021

Inzwischen gibt es im Internet bereits eine Petition «Rettet das St.Galler Kinderfest!». Lanciert wurde sie von SVP-Stadtparlamentarierin Manuela Ronzani und FDP-Stadtparlamentskandidat Michael Bernasconi. Das Kinderfest sei Teil der St.Galler Identität - «und wir dürften uns wegen des Coronavirus nicht unsere Identität nehmen lassen», wird die Opposition gegen den Verzicht begründet.

Im Internet wurde bereits eine Petition für die Durchführung des St.Galler Kinderfest 2021 lanciert.

Im Internet wurde bereits eine Petition für die Durchführung des St.Galler Kinderfest 2021 lanciert.

Screenshot: Change.org

Für die teilnehmenden Kinder sei das Fest mit viel Vorfreude und schönen Erinnerungen verbunden. Zudem profitierten Gewerbebetriebe aus der Stadt vom Anlass. Dazu zählten Restaurants vor dem Umzug, Bratwürste liefernde Metzgereien, Kleidergeschäfte und viele mehr. Das seien alles Betriebe, die in diesem Jahr schon genug litten, heisst es im Text zur Petition. Zudem sei das St.Galler Kinderfest «ein touristisches Highlight».

«Nachdem 2020 aus der Offa, der Olma und dem Open Air St.Gallen nichts wird, lassen wir uns nicht auch noch das Kinderfest 2021 nehmen.»

Kinderfest 2021

Heftige Diskussion mit bekannten Argumenten

Natürlich wird über die Absage des St.Galler Kinderfests 2021 auch in den sozialen Medien heftig diskutiert. Die Lager, die sich dabei bilden, dürften jeder Städterin und jedem Städter bekannt vorkommen: Die Argumente pro und contra sind die Gleichen, die vor jedem Kinderfest aufs Neue zu hören sind.

Auf der einen Seite stehen dabei Liebhaberinnen und Liebhaber des Festes, die damit positive Erinnerungen an Kindheit und Jugend verbinden. Sie sei als Schulmädchen dabei gewesen und besuche zusammen mit ihren alten Freundinnen bis heute jedes Kinderfest, schreibt eine ältere Dame auf Facebook. Der Anlass gehöre untrennbar zu St.Gallen und seiner Geschichte. Er stifte Identität, argumentiert eine zweite Userin.

Auf der anderen Seite stehen jene, denen es schon in der Schulzeit ein Graus war, am Fest mitzumachen: Der Anlass sei doch eher etwas für die Erwachsenen und nicht für die Kinder, wenn sie sich an ihre eigenen Gefühle als Schulkind zurückerinnere, schreibt eine. Und die Aussicht, nicht mehr am Kinderfest mitmachen zu müssen, sei für ihn ein gutes Argument für den Wechsel an die «Flade» gewesen, hält ein zweiter fest.

Mehr zum Thema

Kinderfest erst im Jahr 2024, keine Lohnerhöhung, Ausgaben gestrichen: Mit diesen Massnahmen will der St.Galler Stadtrat den finanziellen Folgen von Corona entgegenwirken

Der Stadtrat hat die Budgetrichtlinien 2021 verabschiedet. Nebst dem bereits drückenden strukturellen Defizit von rund 30 Millionen Franken in der Laufenden Rechnung geht er aufgrund der finanziellen Folgen von Corona von «merklichen Auswirkungen» auf das Rechnungsergebnis 2021 aus. Um dem entgegenzuwirken, hat der Stadtrat einschneidende Massnahmen beschlossen.