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Kommentar

St.Galler Stadtangestellte wohnen oft ausserhalb: Der Lebensraum ist heute grenzenlos

Mehr als die Hälfte der Angestellten der Stadt St.Gallen wohnt heute ausserhalb. Muss die Stadt dagegen etwas tun? Daniel Wirth, Leiter der Tagblatt-Stadtredaktion, sieht in seiner Analyse keine Notwendigkeit dafür.
Daniel Wirth
Seine Kompetenz ist wichtig, nicht das Steuerdomizil: ein Stadtgärtner giesst die Blumen auf dem Unteren Brühl. (Bild: Ralph Ribi)

Seine Kompetenz ist wichtig, nicht das Steuerdomizil: ein Stadtgärtner giesst die Blumen auf dem Unteren Brühl. (Bild: Ralph Ribi)

Wer für die Stadt arbeitet und von ihr den Lohn bezieht, soll auch hier die Steuern bezahlen. Wer diesen Reflex entwickelt angesichts der Tatsache, dass über die Hälfte der Angestellten nicht in der Stadt, sondern auswärts wohnt, dürfte damit nicht alleine sein. Doch dieser Reflex greift nicht weit genug.

St.Gallen ist das Zentrum der Ostschweiz. Die Zahl der Arbeitsplätze übersteigt die Zahl der Erwerbsfähigen deutlich. Kein Wunder, ist die Stadt ein Magnet für Pendler. 2016 lebten rund 60 Prozent derjenigen, die in der Stadt ihr Geld verdienten, auswärts. Da schwingt die Stadtverwaltung mit einem Pendleranteil von 52 Prozent nicht obenaus. Im Gegenteil: Im Vergleich mit der Privatwirtschaft stehen bei der Stadt weniger Pendler im Lohn.

3500 Franken fürs Wohnen in der Stadt

Die Stadt hat Interesse daran, dass möglichst viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier wohnen. Sie schafft einen Anreiz mit einer Wohnsitzzulage von knapp 3500 Franken im Jahr. Bei einem Anteil von 48 Prozent der Angestellten, die auch in der Stadt Wohnsitz haben, macht das knapp 3,7 Millionen Franken im Jahr.

Klar: Der Stadtrat könnte die Wohnsitzzulage erhöhen. Unabhängig davon, ob das auch eine Wirkung zeitigte, dürfte es ein Antrag dafür im Stadtparlament sehr schwer haben. Es ist noch gar nicht lange her, da wurde dort beim Schnüren von Sparpaketen über die Abschaffung dieser Zulage diskutiert.

Niederlassungsfreiheit für alle

Schweizerin und Schweizer haben das Recht, sich an jedem Ort des Landes niederzulassen. So steht es in der Bundesverfassung. Die Einführung einer Wohnsitzpflicht für städtische Angestellte ist ein Ding der Unmöglichkeit und wäre für eine fortschrittliche liberale Gesellschaft ohnehin unangebracht. Wohn- und Arbeitsort müssen nicht eins sein; Lebensraum ist heute grenzenlos. Nicht nur bei uns.

Auch für Stadtsanktgaller Polizisten und Feuerwehrleute gilt beim Wohnsitz eine Rayonpflicht. Das heisst, sie müssen in einer bestimmten Frist am Arbeitsort sein können. (Leserbild: Pia Hollenstein - Linsebühl, 24. Mai 2018)

Auch für Stadtsanktgaller Polizisten und Feuerwehrleute gilt beim Wohnsitz eine Rayonpflicht. Das heisst, sie müssen in einer bestimmten Frist am Arbeitsort sein können. (Leserbild: Pia Hollenstein - Linsebühl, 24. Mai 2018)

Es gibt Schlüsselstellen in der Verwaltung, bei denen es sinnvoll ist, wenn Wohn- und Arbeitsort identisch sind. Dessen sind sich Stadtrat und Personalverantwortliche bewusst. Der Stadtingenieur, der Stadtbaumeister, der Stadtplaner – sie alle wohnen in der Stadt. Sie wissen, von was sie reden, wo sie planen, welche Areale sie entwickeln.

Der Leiter der Sozialen Dienste wohnt ebenfalls hier. Er kennt das soziale Gefüge der Stadt. Dass der Kommandant der Stadtpolizei und der Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz hier wohnen, ist selbstredend. Bei anderen Posten dagegen ist es völlig irrelevant, ob der Arbeits- und der Wohnort identisch sind.

Städtische Chefs erledigen regionale Aufgaben

Der Leiter des Finanzamts beispielsweise wohnt nicht in der Stadt. Das ist weder schlimm noch stossend. Auch der Leiter der Verkehrsbetriebe der Stadt St.Gallen wohnt in einer Agglomerationsgemeinde. Und? Der Öffentliche Verkehr macht auch nicht an den Stadtgrenzen Halt; er wird regional organisiert und finanziert. Da schadet es nichts, kennt der VBSG-Chef auch die Bedürfnisse der Nachbargemeinden.

Das Gleiche gilt für den Leiter von Entsorgung St.Gallen. Auch er lebt auswärts. Und auch das ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Das Entsorgungswesen wird wie der ÖV regional organisiert und finanziert. In der Verwaltungsarbeit ist es wie mit dem Lebensraum: Die Grenzen verschwinden je länger, je mehr.

Steuerhöhe ist nicht der Hauptgrund

Ein Wermutstropfen sind die Steuergelder, die abfliessen. Es wäre schön für den Leiter des Steueramtes, wenn alle rund 2200 Angestellte der Stadt auch hier Steuern bezahlten. Das entlastete den Haushalt. Im Steuerwettbewerb der Gemeinden hat St.Gallen mit einem Steuerfuss von 144 Prozentpunkten keine gute Position. Doch die Steuern sind nicht der Hauptgrund, weshalb das Gros der städtischen Angestellten in der Agglomeration daheim ist.

Mangelware sind Bauland und attraktiver Wohnraum zu erschwinglichen Preisen. Das erkannte der Stadtrat und hat in der Folge eine Wohnraumstrategie in Auftrag gegeben; die ersten Resultate folgen demnächst. Grund für das Erarbeiten dieser Strategie war indes nicht die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Stadtangestellten auswärts wohnt, sondern ein Rückgang der Einwohnerzahlen drei Jahre in Folge.

Auch dieser Trend belegt deutlich: Die Stadt St.Gallen ist mehr Arbeits- als Wohnort.

Und sie ist damit nicht alleine, auch andere Schweizer Städte haben mehr Zu- als Wegpendler, auch andere Stadt- und Kantonsverwaltungen locken Pendler an.

Die Kompetenz ist meist wichtiger als der Wohnsitz

Was zählt, ist die Kompetenz der Verwaltungsangestellten. Ausschlaggebend ist, dass sie einen guten Job machen und nicht, dass sie hier Steuern zahlen. Stadtrat und Personalamt tun gut daran, bei der Besetzung von Stellen nicht in erster Linie darauf zu schauen, ob der künftige Mitarbeiter hier wohnt. Wer mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten muss, den interessiert in erster Linie, dass er oder sie ernst genommen und gut beraten wird oder adäquate Hilfe erhält, sofern nötig.

Den meisten Städterinnen und Städtern ist nicht so wichtig, wo die Angestellten wohnen, die im Rathaus (hinten im Bild) ihren Arbeitsplatz haben. Kompetenz ist meist wichtiger. (Bild: Hanspeter Schiess)

Den meisten Städterinnen und Städtern ist nicht so wichtig, wo die Angestellten wohnen, die im Rathaus (hinten im Bild) ihren Arbeitsplatz haben. Kompetenz ist meist wichtiger. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Steuerzahler wollen Qualität in der Verwaltung. Was nützt es, wenn ein Stadtgärtner hier Steuern zahlt, aber Chrysanthemen und Rhododendren nicht auseinanderhalten kann. Was hilft es, wenn ein Bademeister hier Steuern zahlt, aber über keine Sozialkompetenz verfügt und das Rettungsschwimmen nicht beherrscht.

Den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt ist mehr gedient mit einem Buchhalter, der in Wittenbach oder Speicher wohnt und Steuern zahlt, dafür aber mit Kreditoren und Debitoren jonglieren kann, als ein Controller mit Wohnsitz in der Stadt, für den die Summe von Zwei plus Zwei Fünf ergibt.

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