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Kulturskandale in St.Gallen: Meienberg, ein Fass und eine Wäscheleine

Der diesjährige Kulturpreis der Stadt St.Gallen geht nicht an Theatermacher Milo Rau. Dass der Stadtrat sich damit über eine Empfehlung seiner eigenen Kulturkommission hinwegsetzte, löste im Frühsommer Wirbel aus. Was Erinnerungen weckt.
Reto Voneschen
Stadtammann Heinz Christen überreicht Niklaus Meienberg im November 1990 im Theater St.Gallen den Kulturpreis der Stadt. (Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde St.Gallen/Archiv Kühne+Künzler)

Stadtammann Heinz Christen überreicht Niklaus Meienberg im November 1990 im Theater St.Gallen den Kulturpreis der Stadt. (Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde St.Gallen/Archiv Kühne+Künzler)

Krach um den Stadtsanktgaller Kulturpreis? Da fällt einem natürlich sofort der umstrittenste, je damit Ausgezeichnete ein: Niklaus Meienberg. Ihm sprach die St.Galler Stadtregierung den Preis 1990 zu. Sie zeichnete damit eine Persönlichkeit aus, die wie kaum eine andere zu jener Zeit die öffentliche Meinung in St.Gallen polarisierte.

Für die einen war Meienberg ein Unbeugsamer, der den Finger auf gesellschaftliche, politische und historische Wunden legte. Für die anderen war er ein Nestbeschmutzer, der die Bewohner seiner Heimatstadt in Zusammenhang mit dem Autobahnbau auch einmal als «bohnenstrohdumm» gescholten hatte.

Viel und auch unflätige Post

Unter der Führung bürgerlicher Politiker taten sich Kritiker der Kulturpreisverleihung 1990 zusammen. Als vorerst ano­nymes «Kulturelles Aktions-Komitee» (KAK) verteilten sie Postkarten an die Haushaltungen der Stadt, mit denen man sich – frankiert mit 50 oder 35 Rappen – direkt beim Stadtrat beschweren konnte. Der erhielt daraufhin ziemlich viel und auch ziemlich unflätige Post.

Erst nach der Preisverleihung, der unter anderem die Kantonsregierung fernblieb, outeten sich die Drahtzieher. Darunter waren der heutige Stadtpräsident Thomas Scheitlin, Canisius Braun, der heutige Staatssekretär des Kantons St.Gallen, oder der spätere IHK-Direktor Kurt Weigelt.

Ein Stück Kultur- und Mentalitätsgeschichte

Die Auseinandersetzung um den Kulturpreis für Niklaus Meienberg ist gemessen an der Heftigkeit und Emotionalität, mit der sie geführt wurde, der grösste Kulturstreit in der Stadt in den vergangenen 50 Jahren. Er erfasste weite Kreise und erlaubt im Nachhinein auch einen tiefen Blick in die damalige Mentalität.

Beispiele für Zeitungstexte und Einsendungen an den Stadtrat in Zusammenhang mit einem umstrittenen Kunstwerk - im Bild aus dem Dossier zum Fassbrunnen von Roman Signer im Grabenpärklein. (Bild: Reto Voneschen)

Beispiele für Zeitungstexte und Einsendungen an den Stadtrat in Zusammenhang mit einem umstrittenen Kunstwerk - im Bild aus dem Dossier zum Fassbrunnen von Roman Signer im Grabenpärklein. (Bild: Reto Voneschen)

Der Streit um den Nicht-Kulturpreis für Milo Rau ist damit von Umfang und Bedeutung her nicht vergleichbar. Den Fall Rau diskutierten einige Politiker, Kulturschaffende und -engagierte. Der Kulturpreis für Niklaus Meienberg war 1990 eine Affäre weit über die Stadtgrenzen hinaus. Wobei übrigens der Stadtrat und der Geehrte am Schluss in Medien und Öffentlichkeit besser dastanden als die Kritiker.

Der Fall ist medial - unter anderem von Marcel Elsener im «St.Galler Tagblatt» gut aufgearbeitet. Und es liegt immer noch viel Material dazu im Stadtarchiv der politischen Gemeinde St.Gallen (siehe Zweittext).

Kulturelle Konflikte in Zeiten des Umbruchs

Sowieso: Die 1980er-Jahre waren reich an lokalen Auseinandersetzungen darüber, was in Kunst und Kultur richtig, was ungehörig und was zu verbieten ist. Zufall oder eine Überraschung ist das nicht. Auch auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene waren damals erhebliche Umwälzungen im Gang. Nach 1968 gerieten viele traditionelle Werte unter Druck.

Dies geschah beispielsweise im Zuge der Anti-AKW-Bewegung, der Bemühungen um die politische Gleichberechtigung der Frau, mit den Jugendunruhen der späten 1970er- und der 1980er-Jahre, die in St.Gallen stark zu spüren waren. Die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen, Friedens- und Umweltthemen, aber auch Obrigkeits- und Armeekritik dominierten über weite Strecken die öffentliche Diskussion.

Eine Kundgebung junger Leute im Umfeld der Besetzung des Hotels Hecht Ende 1988. Thema: Die Wohnungsnot und die drohende Zerstörung billigen Wohnraums hinter dem Hauptbahnhof. (Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde St.Gallen/Archiv Kühne+Künzler)

Eine Kundgebung junger Leute im Umfeld der Besetzung des Hotels Hecht Ende 1988. Thema: Die Wohnungsnot und die drohende Zerstörung billigen Wohnraums hinter dem Hauptbahnhof. (Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde St.Gallen/Archiv Kühne+Künzler)

In der Folge geriet auch lokalpolitisch etwas in Bewegung: Ab Mitte der 1970er-Jahre verloren im Stadtparlament CVP und FDP schrittweise ihre dominierende Rolle. Rechts entstand die Autopartei, später die SVP. Links der Mitte gewannen Grüne und SP an Einfluss.

Zwei dominierende Strickmuster

Die grossen Kulturskandale in der Stadt St.Gallen seit Anfang der 1970er-Jahre folgten einem von zwei Grundmustern. Im ersten Modell handelten Behörden oder Kulturinstitutionen, worauf Politiker oder Kulturbewegte Protest einlegten, der mehr oder weniger weite Kreise zog. Zu dem Modell gehört – mit viel Nachhall – der Kulturpreis für Niklaus Meienberg und – mit weniger Echo – der Nicht-Kulturpreis für Milo Rau.

Nach diesem Muster innert knapp zwei Jahrzehnten gleich zweimal betroffen waren Werke des Schriftstellers Thomas Hürlimann. Zuerst wurde dem Jugendtheater «Pupille» von Marco Giacopuzzi 1984 vom damaligen Stadtrat der Technischen Betriebe, einem CVP-Mann, die Erlaubnis zur Aufführung von «Grossvater und Halbbruder» im Freibad Dreilinden verweigert. Darauf wurden Zensurvorwürfe laut, die nationale Schlagzeilen auslösten. Erst auf eine Einfache Anfrage von Stadtparlamentarier (damals hiess das Gemeinderat) Paul Rechsteiner, heute St.Galler SP-Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, krebste der Gesamtstadtrat zurück.

Thomas Hürlimann liest 2001 im Theater St.Gallen aus seinem Buch «Fräulein Stark». Die Premierenlesung hatte hierhin verlegt werden müssen, nachdem sie auf Druck aus CVP-Kreisen in der Buchhandlung Rösslitor nicht möglich war. (Bild: Philipp Baer)

Thomas Hürlimann liest 2001 im Theater St.Gallen aus seinem Buch «Fräulein Stark». Die Premierenlesung hatte hierhin verlegt werden müssen, nachdem sie auf Druck aus CVP-Kreisen in der Buchhandlung Rösslitor nicht möglich war. (Bild: Philipp Baer)

Wirbel gab’s 2001 auch um den Roman «Fräulein Stark», der sich an Erlebnisse von Thomas Hürlimann bei seinem Onkel, dem St.Galler Stiftsbibliothekar Johannes Duft, anlehnt. Die Buchhandlung Rösslitor sagte auf Druck aus CVP-Kreisen eine Lesung zur Buchpremiere ab, worauf das Theater St.Gallen in die Bresche sprang.

Riesentheater um ein Kunstwerk im Theater

Im zweiten Grundmodell für den typischen Stadtsanktgaller Kulturskandal ist es – mehr oder weniger durch Drahtzieher oder Medien ausgelöst – «Volkes Stimme», die sich laut, emotional, polemisch, rabiat und manchmal deutlich unter der Gürtellinie gegen ein Kunstwerk erhebt. Nach diesem Modell verlief die Diskussion über das Kunstwerk «Gran Esquinçal» des Katalanen Antoni Tàpies im neuen Theatergebäude im Stadtpark.

Das Kunstwerk «Gran Esquinçal» von Antoni Tapies im Foyer des Theaters St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi - 20. Dezember 2017)

Das Kunstwerk «Gran Esquinçal» von Antoni Tapies im Foyer des Theaters St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi - 20. Dezember 2017)

1970/71 gingen die Wellen hoch: In Leserbriefen wurde ultimativ gefordert, die «Lümpen» müssten weg oder die «Wöschhäncki» müsse sofort abgehängt werden. Eine Motion, die das Kunstwerk vom Theaterfoyer ins Museum verlegen wollte, unterlag im Stadtparlament nur knapp mit 24 zu 29 Stimmen.

Ein rotes Fass und drei österliche Saurier

Die bekannteste Affäre nach dem Strickmuster «Volkes Stimme» ist immer noch der Krach um den Fassbrunnen von Roman Signer im Grabenpärklein. Das rote Fass auf den vier Stelzenbeinen war ein Geschenk des Gewerbevereins der Stadt. Nachdem es im Frühling 1987 aufgestellt worden war, brach ein Entrüstungssturm los. Die Leserbriefspalten der damals noch drei städtischen Tageszeitungen wurden mit Zuschriften überflutet. Und schliesslich gab’s gar eine von knapp 4500 Personen unterzeichnete Petition gegen «das Fass des Anstosses», wie ein Kulturjournalist den Brunnen nannte.

Die drei stählernen Saurier werden nach Ostern 1995 aus dem Grabenpärklein abtransportiert. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Die drei stählernen Saurier werden nach Ostern 1995 aus dem Grabenpärklein abtransportiert. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Damit war das Thema auch noch nicht ausgestanden: Im folgenden Jahrzehnt flackerte der Missmut ob des «Seicherfässlis» sporadisch immer wieder einmal auf. Etwa nach Ostern 1995, als ein Plastiker aus dem Rheintal drei stählerne Saurierskelette ins Pärklein stellte, die manchem Kritiker offenbar besser gefielen als der Jubiläumsbrunnen.

Die Kulturdossiers von Heinz Christen

Während der Wirbel um die Kulturpreisverleihung an Niklaus Meienberg gut aufgearbeitet ist, fehlt der Schritt bei vielen anderen Skandalen und Skandälchen, die die Stadtsanktgaller Kulturszene seit 1970 schüttelten. Hier schliessen Dossiers, die im Stadtarchiv der politischen Gemeinde St.Gallen liegen, eine Lücke.

Die Materialsammlungen zu verschiedenen Affären enthalten nicht nur Schriftliches aus den Tageszeitungen. Teilweise finden sich darin Originalakten, wie etwa das Gutachten, dass Stadtammann Alfred Hummler im Streit über das Tàpies-Kunstwerk im Foyer des neuen Stadttheaters von 1970/71 erstellen liess. Ebenfalls enthalten sind in den Dossiers Briefe an den Stadtrat zum jeweiligen Streitthema.

Wertvoll für die Geschichtsschreibung

Diese Unterlagen schliessen eine wichtige Lücke in der jüngsten Stadtgeschichte. Und sie stammen von keinem Geringeren als von Stadtammann Heinz Christen, der das Amt, das heute Stadtpräsidium heisst, von 1981 bis 2004 innehatte. Einige der Originalunterlagen zu älteren Fällen dürfte Heinz Christen sogar noch von Vorgänger Hummler «geerbt» haben.

Das halbe Dutzend Dossiers sei dem Stadtarchiv Ende des Jahres 2004, kurz vor dem Rücktritt von Heinz Christen übergeben worden, erzählt Stadtarchivar Marcel Mayer. Der damalige Stadtammann habe wohl den historischen Wert der Unterlagen erkannt. Es sei ihm auf jeden Fall ein Anliegen gewesen, dass sie der Nachwelt erhalten blieben. (vre)

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