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Interview

«Wir brauchen die 30-Prozent-Grenze»: St.Galler Schuldirektor und Flade-Präsidentin über den Losentscheid, enttäuschte Eltern und Werte

Der Losentscheid hat für Unruhe gesorgt. Nun äussern sich Flade-Schulpräsidentin Margrit Stadler und Schuldirektor Markus Buschor zu geschlechtergetrennten Klassen, zum Ruf der Flade als «Elite-Sek» und warum das Los auch künftig entscheiden soll.
Christina Weder, Daniel Wirth
Schuldirektor Markus Buschor und Flade-Schulpräsident Margrit Stadler im Gespräch im Tagblatt-Newsroom. (Bild: Urs Bucher)

Schuldirektor Markus Buschor und Flade-Schulpräsident Margrit Stadler im Gespräch im Tagblatt-Newsroom. (Bild: Urs Bucher)

Erstmals hat das Los entschieden, wer an der Flade zur Schule gehen darf. Nachdem der Kanton seinen Beitrag an die Flade gestrichen hatte, haben die Stadt und der Katholische Konfessionsteil eine Vereinbarung ausgehandelt. Diese tritt aufs neue Schuljahr hin in Kraft. Die Flade öffnet sich neu allen städtischen Schülern – auch Nichtkatholiken und Realschülern. Im Gegenzug übernimmt die Stadt das Schulgeld. In der Vereinbarung ist eine Obergrenze für die Schülerzahl festgelegt. So darf die Flade maximal 30 Prozent der städtischen Sechstklässler aufnehmen. Da sich auf der Sekundarstufe mehr angemeldet haben, kam es zum Losentscheid. Er hat für Unruhe und Kritik gesorgt. Nun nehmen Schuldirektor Markus Buschor und Flade-Schulpräsidentin Margrit Stadler gemeinsam Stellung.

Der Losentscheid an der Flade hat bei den betroffenen Familien zu Enttäuschungen geführt. Wie gehen Sie damit um?

Margrit Stadler: Ich habe erwartet, dass der Losentscheid für jene, die es trifft, einschneidend ist. Das tut mir ausserordentlich leid. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass die Flade neu auch interessierten Realschülerinnen und -schülern offensteht. Damit erfüllen wir einen lang gehegten Wunsch vieler Eltern.

Markus Buschor: Wir haben eine Vereinbarung mit einer Zulassungsbeschränkung. Es war allen Beteiligten schon im Vorfeld klar, dass die Flade auslosen will, wenn diese überschritten wird. Ich kann nachvollziehen, dass Emotionen im Spiel sind. Aber aus sachlicher Sicht sage ich:

Jedes Kind aus der Stadt hat einen Platz an einer gleichwertigen Oberstufe zugesichert.

Für Unverständnis sorgt, dass Kinder aus der Stadt Losglück brauchen, nicht aber jene aus den umliegenden Gemeinden. Ist das nicht ungerecht?

Buschor: Das werden viele so sehen. Wir haben bewusst gemeinsam eine Lösung gesucht, die für die Kinder aus der Stadt gilt. Für sie gibt es an der Flade nur ein bestimmtes Kontingent. Die anderen haben die Möglichkeit, an einer gleichwertigen Oberstufe zur Schule zu gehen. Kinder aus den umliegenden Gemeinden, die keine eigene Oberstufe haben, haben eine andere Ausgangslage.

Stadler: Für uns ist es kein Thema, die Verträge mit den Gemeinden anzupassen. Wir führen für sie schon Jahrzehnte die Oberstufe. Die Vertragsgemeinden haben keine eigene Oberstufe. Deshalb sind sie nicht gleichzuschalten mit der Stadt, in der die Schülerinnen und Schüler eine ebenbürtige Oberstufe besuchen können. Es ist eine andere Ausgangslage. Sie nehmen nicht den Städtern die Plätze weg, diese sind in der Planung der Flade separat vorgesehen.

Zugespitzt kann man sagen: Die Stadt hat die Flade gerettet, steht nun aber mit der 30-Prozent-Obergrenze in der Kritik. Zu Unrecht?

Buschor: Ja, ich bin entschieden dieser Meinung. Es hätte auch andere Lösungen gegeben, nachdem der Kanton seine Gelder gestrichen hat. Wir hätten die städtische Unterstützung verweigern und sagen können: «Liebe Flade, arrangez-vous!» Stattdessen haben wir uns relativ schnell zur Flade bekannt. Gleichzeitig war mir wichtig, dass es bei den Verhandlungen nicht um eine reine Finanzlösung, sondern um eine inhaltliche Lösung gehen sollte. Diese war nur mit der Zugangsbeschränkung möglich.

Stadler: Die Obergrenze ist eine politische Entscheidung und gibt uns immerhin Planungssicherheit. Ich kann unsere drei Schulhäuser nicht bis auf den Estrich füllen. Wenn die Obergrenze erhöht oder ganz fallen würde, müsste nach neuem Schulraum gesucht werden.

Nun haben sich mehr Kinder angemeldet. Mehr als die Hälfte der künftigen Sekundarschüler wollen an die Flade. Was macht die Flade anders als die städtische Oberstufe?

Buschor: Die Flade macht es auf ihre Weise. Wenn ich die Zahlen anschaue, erscheinen sie mir logisch. Es gibt zwei Schulträger auf der Sekundarstufe. Weil sie einen vergleichbaren Job machen, haben sich für beide genau gleich viele Kinder angemeldet.

Auf der Realstufe, auf der die Flade noch keine Erfahrung hat, sieht es anders aus. 75 Prozent der künftigen Realschüler haben sich für die städtische Oberstufe angemeldet.

Sie schenkten also jenem Schulträger Vertrauen, der schon bewiesen hat, dass er es kann. Ich kann die Zahlen sehr gelassen und sachlich einordnen. Wir sind gut und wollen besser werden.

Wie denken Sie, Frau Stadler: Warum hat die Flade so viel Zuspruch?

Stadler: Die Flade hat ein spezielles Profil. Sie besetzt eine Nische in der öffentlichen Schule. Man denke nur an die Mädchen- und Bubenbeschulung, die Eltern sehr schätzen. Hinzu kommen unsere Werthaltung und unsere religiösen Aktivitäten. Es kann bei uns familiärer zu- und hergehen. Zudem verbinden viele Familien mit der Flade eine lange Tradition.

Buschor: Da muss ich mich schon ein bisschen wehren. Die Tradition der Flade ist unbestritten, ebenso wenig wie die Tradition der städtischen Schulen. Wir zelebrieren das nur weniger. Was wirklich speziell ist an der Flade: Als reine Sekundarschule, die nicht allen unentgeltlich offen steht, unterrichtet die Flade leistungsbereitere Kinder. Das ist der entscheidende Faktor. Ich bin froh, dass es diese Asymmetrie gesamtstädtisch nicht mehr länger gibt.

Tatsächlich schicken viele Eltern ihre Kinder an die Flade, weil sie als «Elite-Sek» gilt...

Stadler: Man kann nicht von «Elite» sprechen. Auch wir haben das ganze Leistungsspektrum. Aber das Lernklima macht es aus. Die Flade kann auf Eltern zählen, die unsere Schule bewusst wählen und sich mit ihr identifizieren.

Wie hält es denn die städtische Oberstufe mit den Werten?

Buschor: Auch die öffentlichen Volksschulen sind «Werte-Schulen». Bundesverfassung und Volksschulgesetz fordern dies ein. Aber wir inszenieren das nicht. Für uns sind allgemeingültige Werte wichtig, die dem Zusammenleben und der Gesellschaft dienen. Man kann auch von Sozialkompetenz sprechen.

Die Flade will eine Schule katholischer Prägung bleiben. Wie soll das gelingen, wenn kaum noch die Hälfte der neuen Schüler katholisch ist?

Stadler: Schaut man den Losentscheid an, dann sind 70 Prozent Christen. Wir sind eine christliche Schule katholischer Prägung. Es ist wichtig, dass wir weiterhin Aktivitäten anbieten wie Feiern, Rituale oder eine Besinnung. Das Schlechteste, was wir jetzt tun könnten, wäre, unser Profil aufzugeben oder gar die Mädchen- und Bubenschule abzuschaffen. Es müssen nicht beide Schulträger gleich sein. Das ist ja der Mehrwert, dass man nun wählen kann.

Sind die religiösen Aktivitäten, die Sie angesprochen haben, obligatorisch?

Stadler: Man kann sich nicht einfach abmelden und nach Hause gehen. Bei einer Eucharistiefeier müssen nicht alle mitmachen, es wird ein paralleles Programm geben. Ein Schuleröffnungsgottesdienst, der in der Gemeinschaft gefeiert wird, wird aber mit allen möglich sein. Wir verlangen nicht, dass jemand ein Gebet sprechen muss. Aber wir pflegen Gefässe im Alltag, in denen die Schülerinnen und Schüler zur Ruhe kommen und sich vertieft Gedanken zu sich, zu den Mitmenschen und zu Gott machen können. Das ist ein Gewinn für unsere Schülerschaft. Von daher ist die Flade besonders.

Buschor: Es gibt auch bei uns Lehrpersonen, die mit der Klasse Rituale pflegen und Besinnlichem Raum geben. Rituale leisten einen grossen Dienst für die Gemeinschaft und den Schulbetrieb. Das muss nicht zwingend katholisch sein.

Nun haben sich viele Kinder genau für das entschieden, was viele Leute für konservativ und überholt halten: für eine Schule katholischer Prägung mit Geschlechtertrennung. Wie lässt sich das erklären?

Stadler: Das Konservative spüren wir nicht. Die Eltern, welche die Geschlechtertrennung suchen, stehen dahinter. Unser Schulbetrieb und der Umgang mit jungen Leuten gelten eher als progressiv.

Buschor: Ich stelle fest, dass oft die Eltern und nicht die Kinder die Geschlechtertrennung suchen. Wir leben in einer Zeit, in der viele Eltern ihre Kinder überbehüten. Das kann zur Überlegung führen, dass ein Mädchen einen Schonraum hat, wenn es eine Mädchenklasse besucht und sich nicht mit Buben auseinandersetzen muss. Für mich ein Trugschluss! Nur mit Mädchen zusammen zu sein schätze ich als anspruchsvoller ein, als eine gemischte Klasse zu besuchen.

Was halten Sie von der Geschlechtertrennung, Frau Stadler?

Stadler: Überbehütet ist absolut nicht das richtige Wort, wenn man die jungen, modernen Frauen kennt! Sie schätzen es, unter sich zu sein. Viele haben ihre Schwestern, Mütter und Nachbarinnen zum Vorbild, die auch schon an der Flade waren.

Auch Buben profitieren davon, unter sich zu sein. Was da erreicht wird, ist toll.

Sie werden in ihren Interessen abgeholt und gefördert. Ich bin ein Fan geschlechtergetrennter Beschulung und schätze es, dass wir an unserer Schule beides anbieten können.

Noch sind rund 30 Kinder im Ungewissen. Sie stehen auf der Warteliste. Wann können Sie ihnen Bescheid geben?

Stadler: Ende dieser Woche schicken wir allen, die nicht an die Flade können, den definitiven Entscheid. Das wird nochmals eine schwierige Zeit für alle.

Heisst das, dass Sie an der 30-Prozent-Grenze und am Losverfahren festhalten wollen?

Stadler: Solange es eine Obergrenze gibt, ist das Losverfahren die gerechteste Lösung, eine willkürfreie und chancengleiche Auswahl zu gewährleisten. Die Vereinbarung mit der Stadt ist auf mehrere Jahre abgeschlossen.

Buschor: Aus Sicht eines einzelnen Betroffenen ist die Obergrenze unverständlich. Aber mit Blick auf die gesamte Stadt ist sie der richtige Entscheid. Wir sind im ersten Jahr einer Veränderung. In fünf Jahren wird niemand mehr davon sprechen. Denn ohne Obergrenze hätten wir keine Planungssicherheit. Es wäre unverantwortbar für beide Seiten.

Den Losentscheid überlasse ich der Flade, ich würde sehr gut darüber schlafen.

Warum?

Buschor: Wenn ich mich für einen Losentscheid anmelde, habe ich kein Recht, irgendetwas in Frage zu stellen. Da gibt es kein Ermessen mehr. Das müssen sich Eltern bewusst sein. Wenn jemand nicht in diese Situation kommen will, gibt es nur einen Weg: Er meldet sich bei der städtischen Oberstufe an, dort gibt es einen Ermessensentscheid, den man in Frage stellen kann. Einen Losentscheid kann man annehmen oder ablehnen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

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