Worte sind ihre Waffe: Die Leiterin des St.Galler Schulamts steht in der Kritik – ein Porträt

Marlis Angehrn ist kompetent, eloquent – und sie polarisiert. Ein Annäherungsversuch an die Leiterin der Dienststelle Schule und Musik.

Daniel Wirth
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Marlis Angehrn ist seit knapp fünf Jahren Leiterin der Dienststelle Schule und Musik. (Bild: PD)

Marlis Angehrn ist seit knapp fünf Jahren Leiterin der Dienststelle Schule und Musik. (Bild: PD)

«Ich lasse mich gerne von besseren Argumenten überzeugen, mein Gegenüber muss sich allerdings warm anziehen.» Diesen Satz sagte Marlis Angehrn im Sommer 2014 im «Doppelpunkt», einer Publikation der Dienststelle Schule und Musik, deren Leitung sie wenig später übernahm. Vor wenigen Wochen geriet die Direktion Bildung und Freizeit und mit ihr Marlis Angehrn in die Schlagzeilen, weil zwei Lehrer gemäss Entscheid des Verwaltungsgerichts zu Unrecht fristlos entlassen worden waren. Der Lehrerverband hielt nicht zurück mit Kritik. Die Stadt musste die beiden Lehrer mit 300'000 Franken entschädigen. Von einem Klima der Angst war unter Lehrern die Rede. Sind diese Vorwürfe berechtigt? Wer ist die wohl umstrittenste Beamtin der Stadt?

Marlis Angehrn, die 1962 in St.Gallen zur Welt kam und in Gossau aufwuchs, war von 2001 bis 2014 Stadträtin in Wil. Die ausgebildete Primarlehrerin und promovierte Juristin stand dem Departement Bildung und Sport vor. Als die CVP-Frau in Wil ging, erhielt sie an ihrer letzten Parlamentssitzung eine Karte mit Stichworten, wie sie wahrgenommen worden war: geradlinig, eigenständig, schlagfertig, beharrlich. Oder: Worte sind ihre Waffe.

In Wil Spuren hinterlassen

In Wil erinnert man sich gut an Marlis Angehrn. Sie hinterliess Spuren. Selbst Weggefährten anderer politischen Parteien attestieren ihr hohe fachliche Kompetenz. Ihr bildungspolitischer Rucksack ist reich gefüllt. Sie war Präsidentin der Unterstufenkonferenz des Kantons St. Gallen, im Vorstand der Schweizerischen Primarschulkonferenz und Mitglied der ­Pädagogischen Kommission der Erziehungsdirektorenkonferenz.

Beharrlichkeit legte Marlis Angehrn in Wil an den Tag, als es um die Frage ging, wie stark die Stadt die private Mädchensekundarschule St.Katharina mitfinanzieren soll. Für Angehrn war klar: Das «Kathi» muss bei voller Kostenübernahme die gleichen Leistungen erbringen wie die öffentliche Schule, also auch Buben und schwächere Schülerinnen und Schüler aufnehmen. Von dieser Haltung wich sie nie ab – und machte sich damit nicht nur Freunde.

2010 empfahl der St. Galler Erziehungsrat unter SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker den Schulen, ein Kopftuchverbot zu verordnen. Es gab Gemeinden, die machten nur allzu gerne davon Gebrauch. Auch Wil machte mit. Nur: Angehrn ging einen etwas anderen Weg – und sie kam trotz Widerstand und Kritik nie davon ab. Machten junge Muslima glaubhaft, dass sie den Hauptpflichten des Korans, dem Beten, nachkommen, durften sie an den Wiler Schulen das Kopftuch tragen. Angehrn erlangte damit schweizweit Bekanntheit.

Sie stellt hohe Anforderungen
an die Lehrerinnen und Lehrer

Sie legte das Exekutivamt in Wil ab, weil es sie reizte, im Rahmen eines etwas komplexeren Umfelds beruflich nochmals einen Zahn zuzulegen, wie sie im «Doppelpunkt» sagte. In St.Gallen löste die Christlichdemokratin Christian Crottogini ab, einen Sozialdemokraten. Der parteilose Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Bildung und Freizeit, sagt, wenn Marlis Angehrn die Stelle nicht angetreten hätte, hätte er sie nochmals ausschreiben lassen.

Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben wie die Leiterin der Dienststelle Schule und Musik. Angehrn lasse keine andere Meinung gelten, wer sich kritisch äussere, werde zitiert und in den Senkel gestellt. Die Lehrer, die das behaupten, wollen nicht mit Namen hinstehen. Sie befürchten Repression. Ins gleiche Horn stösst der Lehrerverband.

Kann es sein, dass Marlis Angehrn, die stets mehr als 100 Prozent Einsatz leistet und auch von den 900 Lehrerinnen und Lehrern in der Stadt viel verlangt, diese schlicht überfordert? Auf die Frage, welche drei Eigenschaften eine Lehrperson haben sollte und weshalb, antwortete Marlis Angehrn schriftlich. Eine Begegnung mit dem «Tagblatt» als Grundlage für ein Porträt verweigerte sie genau so wie einen Fototermin.

«Wichtig ist ein bewusstes ‹Ja› der Lehrperson zur öffentlichen Volksschule als Schule für alle.»

Die Begründung: «Wir haben in jeder Generation jene Kinder und Jugendlichen, die wir haben, keine anderen. Als Schule für alle müssen wir fit sein, dieser Vielfalt mit gutem Unterricht zu begegnen.» Damit Lehrpersonen mit dieser Herausforderung nicht alleine seien, bedürfe es einer pädagogischen Leitung der jeweiligen Schule vor Ort, konkret: Einer Führungsperson, die führe, und Beteiligten, die sich führen liessen, schreibt Angehrn.

Gegen das Prinzip «Allen das Gleiche»

Zudem erachte sie von den Lehrpersonen ein bewusstes Ja zur Schule als «Potenzialentfalterin» als wichtig. Die Begründung: «In jeder heranwachsenden Generation schlummert erhebliches Humankapital. Als Schule des 21. Jahrhunderts noch immer zu glauben, man müsse primär herausfinden, was ein Kind nicht gut kann, um es hernach anzuhalten, ausgerechnet dort zu üben, ist ein folgenschwerer Irrtum und letztlich eine Potenzialvergeudung, die sich keine moderne Gesellschaft leisten dürfte.»

Die Aufgabe laute nicht, Schwächen zu suchen und daran Mass zu nehmen, sondern ein System zu implementieren, welches Stärken treffsicher identifiziere und gezielt fördere. Die dritte wichtige Eigenschaft von Lehrkräften sei ein bewusstes «Ja» zum Prinzip «Jedem das Seine». Ihre Begründung: «Ein im schulischen Kontext besonderes Paradox ist, dass ausgerechnet der Erfinder der Glühlampe, Thomas Alva Edison, in der Schule ‹keine Leuchte› war und Winston Churchill, Premier von England, mehrfach sitzen blieb.»

Die lange Liste solcher Beispiele belege, dass es zu den wirklich herausragenden Leistungen der Menschheit häufig nicht wegen der Schule gekommen sei, sondern dank vielfältigem Querdenken, das sich jedoch nicht in ein vorgefertigtes Schema pressen lasse. Unterricht müsse so sein, dass er nicht auf dem Prinzip «Allen das Gleiche» beruhe, sondern, wo immer möglich, dem Ansatz «Jedem das Seine» folge. – Uff. Durchschnaufen! Diese Antworten sind messerscharf formuliert, aber sie erschlagen einen schier. Wer von ihr sagt, Worte seien ihre Waffe, trifft es gut. Wer Marlis Angehrn etwas entgegenhalten will, muss sich offensichtlich warm anziehen. Sie deckt ihre Kritiker mit Argumenten zu.

Ihre Kritiker sprechen von
mangelnder Wertschätzung

Marlis Angehrn, die in ihrer Freizeit gerne im Garten arbeitet, wird mangelnde Wertschätzung gegenüber den Lehrkräften vorgehalten. Was versteht sie unter Wertschätzung? «Sie ist ein zentrales Bedürfnis der Menschen», antwortet sie. Richtig angewendet setze Wertschätzung enorme Kräfte frei und wirke motivierend. Falsch angewendet setze Wertschätzung eine unredliche Botschaft an Mitarbeitende. Angehrn nennt ein Beispiel «vorgelebter Wertschätzung»: «In einer Mitarbeitendenbefragung aus dem Jahr 2016 berichteten unsere rund 900 Lehrpersonen über eine hohe Arbeitszufriedenheit, sie wünschten aber mehr Nähe zur Verwaltungsspitze.»

In der Folge habe die Dienststelle zwei neue Austauschgefässe eingeführt: den sogenannten pädagogischen Dialog (ein ganztägiger Besuch von rund 15 Schulen jährlich) und vierteljährliche Grossgruppenworkshops mit jeweils rund 80 Personen aus allen Schulen. Inzwischen habe sie zusammen mit den Abteilungsleitungen und der pädagogischen Mitarbeiterin bereits über 160 Unterrichtslektionen bei fast 300 Lehrpersonen besucht. Es erfolgten zudem neun Grossgruppenworkshops. Angehrn sagt:

«‹Wertschätzung pur› sei das, wird uns regelmässig am jeweiligen Rückmeldegespräch berichtet. Das freut mich.»

Umgekehrt nennt sie ein Beispiel «bewusst unterlassener Wertschätzung»: «Seit meinem Amtsantritt musste ich bei elf von 900 Lehrpersonen verhaltensbezogene Mängel thematisieren. Mit so etwas ‹punktet› man naturgemäss nicht bei Betroffenen.» Selbst wenn so betroffene ehemalige Lehrpersonen wiederholt an die Medien gelangten: Fehlverhalten werde deswegen nicht zu einem Wert, der zu schätzen wäre.

Ein «Geschenk für die Stadt»

Für den Schuldirektor ist Marlis ­Angehrn ein «Geschenk für die Stadt», wie er dieser Zeitung sagte. Angehrn bezeichnet die Zusammenarbeit mit ihrem Chef so: «Ich erlebe sie als vertrauens- und respektvoll.» Die Zusammenarbeit sei geprägt von einem fachlich intensiven kritischen Hinschauen auf allen Ebenen, von Leidenschaft in der Sache und von Verlässlichkeit.

Ein ehemaliges Mitglied der Bildungskommission (Biko) des Stadtparlaments sagt, Angehrn habe ein «gesundes Selbstbewusstsein». Das lasse sie manchmal kalt wirken. Im Streitgespräch komme man nicht gegen sie an; das mache ohnmächtig. Doch die umstrittene Leiterin der Dienststelle Schule und Musik habe auch eine andere Seite. Sie habe Empathie. Als ihr Mann verstorben sei, habe Marlis Angehrn ihr ihre Anteilnahme mit Worten ausgedrückt, die sie tief bewegt hätten, sagt die ehemalige Parlamentarierin.