Interview

St.Galler Primarschule schafft zur Probe die Ufzgi ab – PHSG-Experte sagt dazu: «Hausaufgaben sind notwendig»

Bernhard Hauser von der Pädagogischen Hochschule St.Gallen ist gegen die Abschaffung der Ufzgi. Es benachteilige die starken Schüler und schade den schwachen.

Laura Widmer
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«Ob Kinder gut in der Schule sind, hängt massgeblich von den Eltern ab»: Bernhard Hauser forscht zum frühen Lernen.

«Ob Kinder gut in der Schule sind, hängt massgeblich von den Eltern ab»: Bernhard Hauser forscht zum frühen Lernen.

Bild: Ralph Ribi (Rorschach, 31. Januar 2020)
  • Die Primarschule Feldli-Schoren hat die Hausaufgaben versuchsweise für ein Jahr abgeschafft. Das Zwischenfazit fällt sehr positiv aus.
  • Hauptargument für die Abschaffung der Hausaufgaben auf Zeit ist gemäss Aussagen der Schulleitung die Chancengleichheit.
  • Auch bei den Schülerinnen und Schülern kommen die Änderungen gut an, sie schätzen, dass sie nun mehr Zeit für ihre Hobbys zur Verfügung haben.
  • Die Hausaufgaben wurden nicht ersatzlos gestrichen. Stattdessen findet viermal pro Woche eine 20- bis 30-minütige Lernzeit statt, die von einer Lehrerin oder einem Lehrer betreut wird.

Bernhard Hauser leitet an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG) den Master für Early Childhood Studies. Er steht einer Abschaffung der Ufzgi kritisch gegenüber.

Das Schulhaus Feldli-Schoren hat die Hausaufgaben probeweise abgeschafft. Braucht es sie überhaupt auf der Primarstufe?

Bernhard Hauser: Aus meiner Sicht sind Hausaufgaben notwendig, ja.

Wieso glauben Sie das?

Hausaufgaben erhöhen die Übungszeit. Dabei geht es weniger darum, etwas neu zu lernen, sondern vielmehr darum, etwas Verstandenes gut abzuspeichern, zum Beispiel durch Auswendiglernen und Repetieren. Das bewusste Üben ist eine der wirksamsten Lernformen überhaupt. Ausserdem bauen Kinder Selbstregulation auf, wenn sie Hausaufgaben machen. Das heisst zuweilen: Man übt etwas, obwohl man nicht wahnsinnig viel Lust darauf hat, und vielleicht lieber Fussball spielen würde. Dabei entwickelt man auch die Fähigkeit, sich für etwas zu motivieren.

Was wird angehenden Lehrerinnen und Lehrern an der PHSG zum Thema mitgegeben?

Besonders wichtig ist, dass alle Kinder verstehen, was von ihnen gefragt ist. Ausserdem sollen Lehrpersonen Inhalte und Tätigkeiten abwechseln. Auch ist es besser, regelmässig kleinere Aufträge mit nach Hause zu geben, statt einen grossen Brocken. Für Fünft- und Sechstklässler sind zwei Stunden in der Woche gut zu verkraften.

Ein Argument der Primarschule Feldli-Schoren für die Abschaffung der Ufzgi war die Chancengleichheit. Wird sie mit dieser Massnahme verbessert?

Wenn man die Ufzgi in die Schule integriert, kann das die Chancengleichheit erhöhen. Das geht jedoch sehr wahrscheinlich zu Lasten des mittleren Erfolgs für alle. Denn über die neun Jahre der Volksschule würden etwa 700 Stunden Lernzeit fehlen.

Zudem benachteiligt man die starken Schüler, wenn man ihnen keine Hausaufgaben mitgibt.

Welche Aufgaben haben die Eltern?

Sie sollen das Kind begleiten und ermuntern, bis es das alleine kann. Manchen gelingt das besser, anderen schlechter. Auf die Lernhaltung der Kinder sind die Eltern einflussreicher als die Schule. Das betrifft besonders die ersten Lebensjahre. Ob Kinder gut in der Schule sind, hängt massgeblich von den Eltern ab. Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, die extrem wirksame Ressource Familie zu wenig zu nutzen.

Sind Kinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, benachteiligt?

Nein, es gibt fremdsprachige Eltern, die das hervorragend machen. Vielmehr geht es darum: Kommt das Kind aus einem bildungsnahen oder bildungsfernen Haushalt? In einem bildungsnahen Haushalt lesen Eltern mit ihren Kindern, gehen ins Museum oder spielen in der Natur. Deren Kinder sind in der Regel sehr gut für Ufzgi motiviert.

Für viele Eltern ist das Lernen mit den Kindern aber eine Belastung. Sollen sie nicht entlastet werden?

Natürlich stresst es Eltern, die selber keine gute Schulerfahrung hatten, oder etwas bequem sind. Aber diesen Stress braucht es.

Eltern müssen wissen, dass sie eine grosse Mitverantwortung für den Schulerfolg ihrer Kinder haben.

Wie meinen Sie das?

Ich mache ein Beispiel: Manche Schüler lernen regelmässig. Andere sind «Saisonarbeiter», lernen vor allem auf Prüfungen und in der restlichen Zeit wenig. Sie schneiden tendenziell schlechter ab. Mit dieser Mentalität sollen Eltern ringen müssen. Diese Auseinandersetzung ist Teil des Spiels. Dann merkt ein Kind: «Mama hat vielleicht recht, da müsste ich regelmässiger lernen.»

Welche Lösungen gibt es, um Eltern miteinzubeziehen?

Es wäre wünschenswert, Mütter und Väter im Rahmen der Elternbildung zu unterstützen. Es wird aber immer Kinder geben, die bei der Ufzgi benachteiligt sind. Deshalb sollten Schulen möglichst gute Hausaufgabenhilfen einrichten, die regelmässig stattfinden, für Kinder mit zu wenig entwickelter Selbstregulation. Das würde der Bildungsfairness mehr zugutekommen.

Bei der Primarschule Feldli-Schoren gibt es eine Lernzeit, in der Schülerinnen und Schüler Aufgaben lösen. Wie beurteilen Sie das?

Das ist sicher sinnvoll. Vor allem bei Kindern, bei denen die Selbstregulation noch nicht gut ausgebildet ist. Es gibt hier grosse Unterschiede. Manche Kinder sind schon früh komplett selbstständig, teils schon ab der Unterstufe. Es wäre falsch, allen eine Betreuung aufzudrücken, die sie nicht brauchen. Das macht sie eher unselbstständig.

Genügt ein Jahr, um zu evaluieren, wie sich die Abschaffung der Hausaufgaben auf den Schulalltag und die Schülerinnen und Schüler auswirkt?

Aussagekräftig wäre eine Leistungsevaluation, bei der man die Leistungen von verschiedenen Jahrgängen miteinander vergleicht. Nur die Kinder und die Eltern zu befragen, wäre nicht besonders aussagekräftig.

Welchen Einfluss hat es langfristig auf Kinder, wenn sie in der Primarschule keine Hausaufgaben machen mussten?

Wenn man die Selbstständigkeit nicht gelernt hat, die es braucht, dann schadet das gerade den schwächsten. Musik ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es eine verfehlte Idee ist, die Ufzgi abzuschaffen. In der Musikstunde lernt man Neues, bekommt Feedback, zu Hause übt man regelmässig. Nur dann kann man Fortschritte machen. Das Entscheidende, um im Leben weiterzukommen, ist die Selbstregulation. Diese ist der beste Prädiktor für den späteren Erfolg in Schule und Beruf.

Man kann etwas nicht nur, weil man begabt ist, sondern viel mehr, weil man in vielen Situationen dem Bequemlichkeitsdrang widerstehen konnte.

Und was ist mit den Eltern?

Wenn die Hausaufgaben abgeschafft werden, reduziert man auch die Chance auf eine gute Unterstützung durch Mütter und Väter. Es gibt Eltern, die machen das mit grosser Freude und Interesse – erfolgreicher als Lehrerinnen und Lehrer. Die Idee, Schule und Familie zu trennen, ist Unsinn. Eine landesweite Abschaffung der Hausaufgaben würde das Bildungsniveau der Schweiz schlicht untergraben.