St.Galler Kirchen werden in der Corona-Krise digital: «So, wie Gott uns nicht im Stich lässt, wollen wir die Menschen auch nicht im Stich lassen»

Wegen des Corona-Virus suchen die reformierten und katholischen Kirchen der Stadt nach anderen Kontaktmöglichkeiten.

Dinah Hauser
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Vergangene Woche durfte die Cityseelsorge noch die Ängste vor der Kathedrale aufschreiben. Mittlerweile läuft alles digital.

Vergangene Woche durfte die Cityseelsorge noch die Ängste vor der Kathedrale aufschreiben. Mittlerweile läuft alles digital.

Bild: Benjamin Manser (20. März 2020)

Sonntagmorgen, die Kirchenglocken laden zum Gottesdienst ein, doch niemand erscheint. Jegliche Veranstaltungen im Gotteshaus sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Nichtsdestotrotz bleibt es in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St.Gallen Centrum dabei: «Die Glocken läuten weiterhin – das gibt ein Stück Normalität im Alltag und eine geistliche Verbindung unter den Menschen, auch wenn man sich nicht persönlich sieht», sagt Markus Unholz, Pfarrer von St.Georgen.

«Wir wollen bestmöglich für die Menschen da sein, auch wenn es nun andere Kanäle sind als bisher.»

So gibt es neu einen schriftlichen Sonntagsgruss auf der Website. Dieser werde auch auf Papier versandt für jene Personen, die keinen Computer hätten. Weiterhin plant die Kirchgemeinde ab 29. März jeden Sonn- und Feiertag einen Gottesdienst im Videoformat aus St.Laurenzen zu übertragen.

Seelsorge im Fokus des geistlichen Wirkens

Markus Unholz, Evangelischer Pfarrer in St. Georgen

Markus Unholz, Evangelischer Pfarrer in St. Georgen

Bild: PD

Was derzeit in den Vordergrund der geistlichen Arbeit rückt, ist die Seelsorge und das «Verbundenbleiben» mit den Gemeindemitgliedern. «Seit das Corona-Virus grassiert, sind die Möglichkeiten des direkten Kontakts eingeschränkt», sagt Unholz. Vielfach wird auf das Telefon gesetzt. Bereits hätten dies einige Personen in Anspruch genommen mit meist praktischen Anliegen: Wie kann ich den Alltag gestalten? Wer geht für mich einkaufen?

So konnte durch die Kirchgemeinde eine Schülerin und eine alleinstehende Frau zusammengeführt werden. Das Mädchen geht nun für die Frau einkaufen. Aber auch wirtschaftliche Sorgen seien präsent. «Einige fragen sich, wie sie über die Runden kommen oder ob sie eine neue Stelle überhaupt antreten können», sagt Unholz.

«Es gibt nicht immer Antworten. Man muss offene Fragen auch einmal aushalten – am besten gemeinsam.»

Nicht zuletzt kann die Kirchgemeinde auf ein grosses Netz von Freiwilligen zurückgreifen. «Erst kürzlich hat uns jemand auf eine persönliche Notlage eines Mitmenschen aufmerksam gemacht.» Die Pfarrer seien sehr dankbar für diese Hinweise; besonders in Corona-Zeiten, wo körperliche Distanz notwendig sei.

Unholz scheint es, als hätten manche Menschen ein paar Tage gebraucht, um die Situation zu realisieren. «Das Wetter war schön und die meisten kennen noch keine Direktbetroffenen. Die Gefahr ist abstrakt.» Inzwischen stelle er in den Gesprächen die Ernsthaftigkeit fest, mit der den Verordnungen des Bundes nachgelebt werde. Und manchmal sei es eben ein Ringen und Suchen nach sinnvollen Wegen und Möglichkeiten, sagt Unholz. Eine Suche nach sozialen Kontakten in einer Zeit, die diese in direkter Form grösstenteils verunmöglicht.

Keine Kreide auf dem Vorplatz der Kathedrale

Auch die Cityseelsorge, ein Angebot der katholischen Kirchgemeinde, sucht nach Möglichkeiten. Vergangene Woche ist die Aktion Hoffnung gestartet, bei der Menschen ihre Ängste mit Kreide auf das Pflaster vor der Kathedrale schreiben können.

Die Verschärfung der Verhaltensregeln machte allerdings Anpassungen notwendig: Die per Onlineformular eingereichten Ängste werden nicht mehr aufgeschrieben, sondern neu in den täglichen Livestream-­Gottesdienst der Kathedrale eingebunden. Aus St.Gallen, der Schweiz sowie aus Deutschland seien bereits 70 Meldungen eingegangen.

Seelsorge per Whatsapp

«Wir müssen nun mit viel Kreativität und flexibel auf die Situation reagieren», sagt Cityseelsorger Matthias Wenk. Die Seelsorger und Freiwilligen fragen regelmässig telefonisch bei ihren Kontakten nach deren Wohlbefinden. Vermehrt kämen auch Anliegen per Whatsapp rein. Er antworte darauf mit einer Sprachnachricht. «Es tut den Leuten gut, eine Stimme zu hören.»

Matthias Wenk, Cityseelsorge

Matthias Wenk, Cityseelsorge

Bild: Benjamin Manser

Im Aufbau sei ein Newsletter in den Pfarreien im St.Gallen Südosten. «Wir planen alle gemeldeten Haushalte anzuschreiben», sagt Wenk. Der Newsletter soll Impulse oder Worte der Hoffnung beinhalten. Die Angeschriebenen könnten frei entscheiden, ob sie den Newsletter wollen oder nicht und in welcher Form, per Post oder digital. Ausserdem sei angedacht, Aufnahmen von spirituellen Impulsen und von Musik über das Internet zu verbreiten. Besonders in Krisenzeiten sei es wichtig, die Seelsorge weiter zu führen. Eine Woche könne man gut in Isolation leben, sagt Wenk. Aber wenn die Situation länger anhalte, dann mache das etwas mit dem Menschen.

«Bei den verordneten Massnahmen – die notabene nötig sind – geht die seelische Gesundheit der Menschen oft unter.»

Beim Offenen Haus gingen mitunter Anrufe ein, bei denen die Anrufenden in Tränen ausbrachen, sie hätten keine Möglichkeit mehr, mit anderen Personen in Kontakt zu treten. Viele von ihnen seien nicht digital unterwegs. «Die Verordnungen treffen diese Personen am meisten.» Gerade auch deswegen sieht Wenk die Notwendigkeit, das Angebot der Seelsorge auf möglichst vielen verschiedenen Kanälen zu kommunizieren. «So wie Gott uns nicht im Stich lässt, wollen wir die Menschen auch nicht im Stich lassen.»

Die Solidarität der Menschen sei spürbar. Auch kirchenferne Personen hätten sich gemeldet, die helfen möchten. Was Wenk in diesen Tagen hilft, sei seine innere Haltung, welche aus dem Glauben gespiesen werde. «Ich bin auch dankbar, dass ich nicht alleine wohne und mit meiner Familie über Sorgen und Hoffnung sprechen kann.»