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Interview

«Projektitis», schlechtere Pensionskasse, immer komplexere Planungen: Spitzenbeamter rechnet mit St.Galler Politik ab

Der St.Galler Raumentwicklungschef Ueli Strauss-Gallmann macht sich nach 17 Jahren Amtsleitung selbstständig. Er ist unzufrieden mit der Personalpolitik des Kantons – und besorgt über die zunehmende Regeldichte in der Raumplanung.
Interview: Marcel Elsener, Adrian Vögele
Noch bis Ende November Kantonsplaner: Ueli Strauss-Gallmann in seinem St. Galler Amtsbüro. (Bild: Urs Bucher)

Noch bis Ende November Kantonsplaner: Ueli Strauss-Gallmann in seinem St. Galler Amtsbüro. (Bild: Urs Bucher)

Ueli Strauss-Gallmann, Sie liefen als Jäger am Olma-Umzug mit, samt Hunden. Ein Hinweis darauf, dass Ihnen die Raumplanung verleidet ist und Sie mehr auf die Pirsch wollen?

Ich gehe schon jetzt recht häufig auf die Jagd, trotz meines hohen Arbeitspensums. Dass ich als Kantonsplaner aufhöre, hat nichts mit der Raumplanung an sich zu tun.

Sondern?

Ich hatte je länger je mehr Mühe mit der internen Verwaltungsarbeit. Zurzeit läuft zum Beispiel zum dritten Mal innert der letzten 15 Jahre ein Projekt zur Verfahrensbeschleunigung. Überall muss ich in diese internen Projekte Ressourcen abdelegieren, die dann bei der eigentlichen Vollzugsarbeit fehlen.

Das kann noch nicht der einzige Grund für Ihren Abgang wenige Jahre vor der Pensionierung sein.

Es kommt dazu, dass St.Gallen im interkantonalen Vergleich ein guter Arbeitgeber war. In den letzten zehn Jahren ist er zurückgefallen. Ein negatives Beispiel ist das neue Lohnsystem, das uns Amtsleiter bei der Anstellung von Personal zu sehr einschränkt. Man ist weniger flexibel bei Verhandlungen, die Pensionskasse ist schlechter geworden, Leistungsprämien wurden gekürzt und so weiter. Das merkt man schnell, wenn man Stellen besetzen muss.

Der Kanton hat Personalrekrutierungsprobleme?

Das kann man so sagen. Wir haben keinen Handlungsspielraum mehr gegenüber der Privatwirtschaft, einige Ämter wie der Tiefbau haben Mühe, Spezialisten zu finden. Im Personalamt orientiert man sich bei den Kaufmännischen Berufen: Bei solchen Stellen haben wir 80 Bewerbungen, kein Problem, aber der Strasseninspektor als Spezialist ist seit zwei Jahren vakant. Auf solche guten Fachstellen hatten wir früher viele Bewerbungen. Heute kommt ein junger Projektleiter, der im Raum Zürich mit Firmenauto, Prämien und anderen Benefits arbeitete, nicht mehr nach St.Gallen. Wenigstens haben wir beim Kanton Spielraum bei den Arbeitszeitmodellen.

Wenn Sie Ende November aufhören, was liegt Ihnen auf dem Magen, was Sie nicht geschafft haben?

Eigentlich nichts. Oder doch, ein Frust bleibt: Dass wir es nicht fertigbringen, das Problem der fehlenden Durchgangsplätze für Fahrende zu lösen. Geplante Plätze in Thal und Gossau hat das Stimmvolk abgelehnt. Mich ärgern diese Vorurteile gegenüber Fahrenden. Wir haben in der Schweiz 35'000 Rätoromanen, an ihnen stört sich niemand. Aber die 35'000 einheimischen Jenischen und Sinti – von denen 5000 bis 7000 als Fahrende unterwegs sind – werden nicht akzeptiert und verurteilt .

Was geben Sie gern ab?

Die internen Verwaltungsgeschichten, diese «Projektitis», wie gesagt. Ich freue mich, nur noch für mich verantwortlich zu sein. Und dass ich meine Arbeit selber einteilen und verrechnen kann.

Was werden Sie vermissen?

Sicher das gute Personal, mein hervorragendes Team. Und den regelmässigen Kontakt mit den Gemeinden, die politische Komponente meiner Arbeit habe ich gern gemacht.

Ihre grösste Sorge nach 17 Jahren als Kantonsplaner?

Können wir in der Schweiz grössere Bauvorhaben überhaupt noch realisieren? Wir betreiben einen unglaublichen Aufwand, um rechtskonforme Verfahren durchzuführen, nehmen wir als Beispiel nur die Windenergieanlagen. Die Regeldichte hat extrem zugenommen, es wird bei unseren räumlichen Fragestellungen immer enger.

«Es wird enger. Die Planungen werden immer komplexer, die Verfahren aufwendiger.»

Ermüdungserscheinungen?

Die gibt’s zugegeben, ich habe nicht mehr immer den gleichen Elan, um die vielen verwaltungsinternen Diskussionen zu führen. Ich habe einige Amtsleiter erlebt, die am Schluss ihrer Karriere resignierten – ein Horrorszenario. Aber ich bin und bleibe gern Planer, Brückenbauer.

Wie kann man sich Ihre künftige Tätigkeit vorstellen?

Der Schwerpunkt meiner Beratertätigkeit werden sicher die Gemeinden sein, das dürfte 50 Prozent meiner Mandate ausmachen. Ich hoffe auf einige Aufträge beim Bund oder in anderen Kantonen, zum Beispiel schwierige Projektleitungen oder Expertenaufgaben.

Die Gemeinden sind mit dem heutigen Gesetzesdschungel überfordert?

Sicher teilweise. Ein Beispiel: Die Auszonungsgemeinden hätten uns gemäss Richtplanung bis Ende Oktober ihr Auszonungsprogramm liefern müssen. Von acht haben wir bisher eines bekommen. Die Planungen werden immer komplexer, die Verfahren aufwendiger. Ich zitiere da oft den früheren Kantonsingenieur Urs Kost, der sagte: «Als ich begann, brauchten wir für eine Umfahrungsstrasse zwei Jahre Planung, als ich ging, dauerte es zehn Jahre.» Meine Sorge ist es, dass die geforderten Planungsprozesse nur noch die grossen Gemeinden und Investoren bewältigen können.

Und fast alle brauchen Beratung – Sie reden auf Ihre künftige Mühle.

Ach, das erzähle ich seit Jahren. Aber klar ist der Zeitpunkt für raumplanerische Beratungstätigkeit sehr günstig. Ernsthaft: Die Gemeinden müssen von selber aktiv werden, Prozesse etwa mit Testplanungen starten und hernach Investoren suchen. Rorschach zum Beispiel hat das schon sehr früh gemerkt.

Sie beraten künftig auch Investoren?

Sicher werde ich Mandate von Investoren übernehmen, ich wurde auch schon kontaktiert. Ich verstehe mich als Moderator, als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Ich werde, auch wenn ich für Investoren arbeite, bei heiklen Punkten immer den Austausch mit Kantons- und Gemeindebehörden suchen.

Welche Gemeinden, welche Investoren werden Sie denn beraten?

Namen kann ich noch keine nennen, aber es zeichnet sich bei den Gemeinden zurzeit ein Schwerpunkt im Süden des Kantons ab. Bei den Investoren sind es grössere Bauherren im Raum St.Gallen und aus der Kiesabbaubranche, die meine Hilfe beanspruchen.

Würden Sie auch ein Mandat für die Umweltverbände annehmen?

Natürlich, warum nicht? Ich hatte auch mit ihnen immer gute Kontakte.

Andere Baustelle: Ein politisches Amt hat Sie nicht mehr gereizt?

Doch, einmal, jetzt in Wittenbach war es für mich nochmals ein Thema. Aber ich fühlte mich mit 59 Jahren zu alt für ein doch sehr vielbrauchiges Exekutivamt. Ein Legislativamt würde ich mir sofort überlegen. Mit der Nichtwahl in Herisau hatte der Entscheid nichts zu tun.

Um in der Politik zu bleiben: Sie tragen die Pläne für neue Autobahnanschlüsse im Kanton mit. Geben Sie dem politischen Druck nach?

Für mich ist klar: Autobahnausbauten kommen nur dann in Frage, wenn sie auf die Siedlungsentwicklung abgestimmt sind. Siehe Beispiel Wil-West: Dort kam zuerst der politische Ruf nach einem Anschluss, doch wir sagten: Wenn schon, dann machen wir gleich ein neues Gewerbegebiet für die ganze Region, mit einer sauberen Verkehrsplanung.

Der Autobahnausbau ist wohl pragmatisch, aber nicht fortschrittlich. In Skandinavien gibt es bereits E-Bike-Schnellstrassen.

In diese Richtung denken wir natürlich auch: Der Anteil des Velo- und öffentlichen Verkehrs muss weiter steigen. Aber wir können nicht die Arme verschränken und sagen, wir bauen die Strassen nicht mehr aus. Auch der ÖV ist zu einem grossen Teil an die Strasse gebunden. Sowieso nerven mich diese ideologischen Diskussionen. Man darf nicht einfach ÖV gegen Autoverkehr ausspielen. Die Realität ist komplexer.

Die rasante Bebauung der Schweiz dauert an. Die Zersiedlungs-Initiative, die im Februar 2019 zur Abstimmung kommt , will dies bremsen. Haben Sie dafür Verständnis?

Die Initiative ist zu radikal und kommt zu früh. Jetzt müssen wir zuerst abwarten, wie die neuen Planungsinstrumente der Kantone wirken. Bei uns in St.Gallen haben die Gemeinden mit dem neuen Baugesetz gute Möglichkeiten, Bauland zu mobilisieren, ohne neu einzuzonen.

Überall wird über kantonsübergreifende Infrastrukturen diskutiert. Gibt es im Jahr 2050 noch Kantone?

Ja, ich denke schon. Ich glaube nicht, dass wir in der Schweiz eine Reform hinkriegen, die Kantone auflöst. In der Ostschweiz würde man Ausserrhoden und St. Gallen vielleicht noch eher zusammenbringen als Ausserrhoden und Innerrhoden. Aber auch das ist utopisch.

Förster, Planer, Berater

Ueli Strauss-Gallmanns berufliche Karriere begann in Wald: Nach dem Studium der Forstwissenschaften an der ETH arbeitete er als Kreisförster in seinem Heimatkanton Schaffhausen. Danach war er im Kantonsforstamt und im Amt für Umwelt des Kantons St. Gallen tätig. 1999 wurde Strauss Kantonsförster in Zürich, kehrte aber 2001 nach St. Gallen zurück – als Kantonsplaner. Ende November verlässt er die Verwaltung und wird selbstständiger Berater für Raumplanung. Der 59-Jährige ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in Wittenbach. (av)

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