«Das Abstimmungsresultat ist kein Freipass»: Die St.Galler Festspiele dürfen auf dem Klosterplatz bleiben – die Betreiber sollen aber sensibler vorgehen

Die Bühne im Sommer auf dem Klosterplatz bleibt. Doch die Motion, die sie verbannen wollte, erhielt im Kantonsrat grossen Zuspruch.

Sandro Büchler
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Der Klosterbezirk aus Luft: Die St.Galler Festspiele sollen hier weiter Gastrecht geniessen können. Das hat der Kantonsrat beschlossen.

Der Klosterbezirk aus Luft: Die St.Galler Festspiele sollen hier weiter Gastrecht geniessen können. Das hat der Kantonsrat beschlossen.

Bild: Urs Bucher (5. Juni 2019)

Stadtpräsident Thomas Scheitlin atmet auf: «Der Klosterplatz ist ein zentraler Ort des städtischen Lebens, der auch in angemessenem Umfang für Veranstaltungen zur Verfügung stehen soll.» Genau dies wollte aber der Wiler SVP-Kantonsrat Erwin Böhi in einer Motion im Kantonsrat per Gesetz verbieten. Insbesondere die Belegung durch die Festspiele ist ihm ein Dorn im Auge. Das sperrige Stahlkonstrukt in den Sommermonaten sei ein «massiver und störender Eingriff» in den Stiftsbezirk St.Gallen und «unvereinbar» mit dem Unesco-Weltkulturerbe. Die Festspiele sollen andernorts stattfinden – nur nicht auf dem Klosterplatz.

Am Dienstag, Punkt 11 Uhr, haben zwar 62 der 120 Kantonsräte die Motion «Klosterplatz schützen anstatt kommerzialisieren» abgelehnt. Doch überraschend stimmten immerhin 45 Kantonsräte der Motion zu, vier enthielten sich ihrer Stimme und neun waren nicht im Saal. Das Ja zur Motion hätte de facto ein Verbot von kommerziellen Veranstaltungen sowie Bühnen, Tribünen oder Verkaufsständen zur Folge gehabt.

Arno Noger, FDP-Kantonsrat und Präsident der Ortsbürger.

Arno Noger, FDP-Kantonsrat und Präsident der Ortsbürger.

Bild: Regina Kühne

Dies hätte wohl nicht nur das Ende der Festspiele bedeutet, auch andere Veranstaltungen wären betroffen gewesen, etwa das «Aufgetischt». «Für den Weihnachtsbaum und die Christkindgeschichte wäre es auch schwierig geworden», sagt Arno Noger, FDP-Kantonsrat und Präsident der Ortsbürger. «Das hätte sicher niemand gewollt, auch nicht der Motionär.»

Tourismusdirektor fordert mehr Volksnähe

Zwar sei die politische Diskussion jetzt vom Tisch, sagt Noger.

«Das Abstimmungsresultat ist aber kein Freipass für die Festspiele.»

Er versteht den hohen Ja-Stimmen-Anteil als Fingerzeig. Die Debatte im Rat habe gezeigt, dass die Theaterproduzenten noch sorgfältiger abwägen müssen zwischen Weltkulturerbe und kommerzieller Nutzung. Besonders sensibel müssten sie beim Bühnenbild, der Auswahl und dem Kontext des Stücks sein.

Thomas Kirchhofer, St.Galler Tourismusdirektor.

Thomas Kirchhofer, St.Galler Tourismusdirektor.

Bild: Mareycke Frehner

Ähnlich äussert sich Thomas Kirchhofer, der St.Galler Tourismusdirektor. Bei der Art und Weise wie die Tribüne eingepackt wird, ortet er Verbesserungspotenzial.

«Es gibt elegantere Lösungen, die der barocken Kirche mehr Rechnung tragen.»

Für viele wirke der Bau wie ein Fremdkörper, der zudem hermetisch abgeriegelt werde. An die Adresse des Theaters plädiert Kirchhofer deshalb für mehr Volksnähe. «Die Proben könnte man öffentlich zugänglich machen. Das hilft die Distanz zur breiten Bevölkerung zu vermindern.» Er blickt nach Bregenz. «Dort steht die ganze Bevölkerung hinter der Seebühne.» Den St.Galler Festspielen hafte aber noch immer ein elitärer Dünkel an.

Etrit Hasler, Kantonsrat und Stadtparlamentarier.

Etrit Hasler, Kantonsrat und Stadtparlamentarier.

Bild: Regina Kühne

Teile des Klosterplatzes seien durch Bühne und Tribüne bis zu drei Monate besetzt, sagt Kantonsrat und Stadtparlamentarier Etrit Hasler (SP). Er würde es daher begrüssen, wenn der Probebetrieb verkürzt würde. «Denn die Proben finden auf öffentlichem Grund statt.» Und selbst in einem Theaterhaus werde nicht so intensiv auf der grossen Bühne geprobt. Hasler beklagt ausserdem die Ungleichbehandlung zwischen den Kulturschaffenden.

«Ausser den Festspielen bekommt kein anderer Veranstalter Aufbauten vor dem Dom bewilligt.»

Nutzung wird unterschiedlich beurteilt

Werner Signer, Direktor des Theaters St.Gallen.

Werner Signer, Direktor des Theaters St.Gallen.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Mit Genugtuung hat Werner Signer, Direktor des Theaters St.Gallen, die Ablehnung der Motion aufgefasst. Die «spirituelle Ausstrahlung des Kraftortes Stiftsbezirk» entspreche dem Kerngedanken der Festspiele.

«Wir sind uns aber bewusst, dass Interventionen im öffentlichen Raum unterschiedlich beurteilt werden können.»

Seit den ersten Festspielen auf dem Klosterplatz 2006 unternehme man auch laufend Anpassungen am Konzept. «So ist beispielsweise der Platz während der Festspiele längst nicht mehr, wie noch in den Anfängen, abgeschlossen.»

Von Regen und «Leichen»

Die St.Galler Festspiele wurden 2006 erstmals durchgeführt. Seither finden sie im jährlich jeweils am Ende der Konzert- und Theatersaison während zwei Wochen statt. Im ersten Jahr präsentierten die Festspiele die Oper «Carmina Burana» von Carl Off. Danach folgten unter anderem Giuseppe Verdis «Giovanna d’Arco», «La Favorita» oder «Il trovatore». Dieses Jahr wird mit «Stiffelio» wieder eine Verdi-Oper gezeigt. Die Festspiele kämpften immer wieder mit Komplikationen. So wie 2016, als die Premiere von «Le Cid» wortwörtlich ins Wasser fiel. Theaterdirektor Werner Signer sprach von einem traurigen Ereignis. Oder 2013, als die Requisiten fehlten. Die «Leichen» gingen verloren, tauchten in Como wieder auf und wurden noch rechtzeitig geliefert. (ren)