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St.Galler Bus ohne Fahrer davongerollt: Chauffeur teilweise freigesprochen

Letzten Sommer ist ein Bus der St.Galler Verkehrsbetriebe an einer abschüssigen Strasse ins Rollen geraten. Der Fahrer war nicht am Steuer. Am Mittwoch musste er sich vor dem St.Galler Kreisgericht verantworten.
Adrian Lemmenmeier
Die Bushaltestelle Berneggstrasse in St.Gallen. Hier rollte der Bus vergangenen Sommer ohne Fahrer die Strasse hinunter.

Die Bushaltestelle Berneggstrasse in St.Gallen. Hier rollte der Bus vergangenen Sommer ohne Fahrer die Strasse hinunter.

Ein führerloser Bus gerät ins Rollen. Der Chauffeur rennt hinterher. Drei Frauen springen aus einer offenen Tür auf das Trottoir und verletzen sich dabei. Dem Chauffeur gelingt es derweil, durch das Fenster die Handbremse zu betätigen. Der Bus kommt zum Stillstand.

Diese Szene ereignete sich letzten Sommer auf der Gottfried-Keller-Strasse in St.Gallen. Die Staatsanwaltschaft hat daraufhin einen Strafbefehl gegen den Busfahrer erlassen. Strafbestand: Verletzung der Verkehrsregeln sowie pflichtwidriges Verhalten bei einem Unfall. Zum einen habe der Fahrer sein Fahrzeug nicht gegen das Wegrollen gesichert. Zum andern habe er später nicht die Polizei benachrichtigt – sondern nur die Leitstelle der VBSG, welche die Ambulanz verständigte. Der Chauffeur hat diesen Strafbefehl angefochten. Am Mittwoch ist es am St.Galler Kreisgericht zur Verhandlung gekommen.

Wegen defekter Tür die Stromzufuhr unterbrochen

Wie aber ereignete sich der Unfall? Am 27. Juni 2018 lenkte der Chauffeur den Bus von St.Georgen abwärts in Richtung Stadt. An der Haltestelle Berneggstrasse zeigte sich ein technisches Problem: Die zweite Tür liess sich nicht vom Fahrersitz aus öffnen. Der Chauffeur betätigte daraufhin die sogenannte Feststellbremse (mechanische Handbremse) und ging zur defekten Tür, um diese manuell zu öffnen. Er betätigte den Nothahn, stiess die Tür auf, schloss sie wieder und setzte sich zurück auf den Fahrersitz.

«Dabei habe ich wohl die Feststellbremse gelöst», sagte der Fahrer vor Gericht. Weil die Tür aber immer noch nicht richtig funktionierte, stellte der Fahrer den Motor ab, um das System des Busses neu zu starten. Da auch dies nichts half, entschloss er sich, die Stromzufuhr des Busses zu unterbrechen. Dazu schaltete er den Batteriehaupthahn aus. Dieser befindet sich allerdings auf der linken Aussenseite des Busses. Der Fahrer verliess also das Fahrzeug, ging auf die linke Seite und drehte den Haupthahn. Nun kam der Bus ins Rollen. Denn die elektronische Haltenstellenbremse, die sich automatisch einschaltet, wenn eine Tür geöffnet ist, löste sich, weil die Stromzufuhr unterbrochen war. Und die mechanische Feststellbremse hatte der Chauffeur zuvor nicht angezogen.

«Das war grob fahrlässig»

Vor dem Kreisgericht gab der VBSG-Chauffeur denn auch vollumfänglich zu, dass er den Bus nicht ausreichend vor dem Wegrollen gesichert habe. «Das war grob fahrlässig. Immer wenn man den Fahrersitz verlässt, muss man die Feststellbremse betätigen. Heute würde mir das nicht mehr passieren.» Nicht einverstanden zeigte sich der Fahrer aber in Bezug auf den zweiten Punkt der Anklageschrift, nämlich dass er gemäss Staatsanwaltschaft als Fahrer hätte die Polizei rufen sollen. Dass er dies nicht getan habe, entspreche den gängigen Abläufen der VBSG bei einem Unfall.

«Wir müssen uns immer bei der zentralen Leitstelle melden und schildern, was passiert ist.»

Danach liege es an den zuständigen Personen in der Leitstelle, ob die Polizei benachrichtigt werde oder nicht. So sei er geschult worden, sagt der Angeklagte. «Und so würde ich auch wieder handeln.» Statt die Polizei hatte die Leitstelle die Ambulanz gerufen. Die drei Frauen hatten sich beim Absprung aus dem Bus leicht verletzt.

Der Verteidiger des Fahrers argumentierte, die klare Regelung der VBSG mache durchaus Sinn. So könne man verhindern, dass sowohl der Fahrer als auch die Zentrale Polizei, Ambulanz oder Feuerwehr anfordere. Oder schlimmer: dass es in einer Stresssituation beide versehentlich unterlassen. Die Verteidigung beantragte deshalb, den Angeklagten vom Vorwurf des pflichtwidrigen Verhaltens bei einem Unfall vollumfänglich freizusprechen.

«Es geht nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit»

Diesem Antrag folgte das Gericht. «Die Pflicht des Fahrers war es, die Leitstelle zu informieren», hiess es in der mündlichen Begründung. Der Chauffeur dürfe darauf vertrauen, dass die Leitstelle nötigenfalls die Polizei informiert. Schuldig gesprochen wurde der Fahrer aber, weil er den Bus nicht vor dem Wegrollen gesichert hatte. Die Strafe beläuft sich auf eine Busse von 200 Franken. Die Staatsanwaltschaft hatte 400 beantragt. Die Verfahrenskosten wurden zur Hälfte dem Angeklagten, zur Hälfte dem Staat auferlegt. Dieser beteiligt sich auch zur Hälfte an den Verteidigungskosten des Angeklagten. Schon während der richterlichen Befragung betonte der Chauffeur: «Es geht mir nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit.» Mit dem Ausgang der Verhandlung zeigt der sich der Mittfünfziger denn auch hoch erfreut.

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