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Interview

St.Galler Afrika-Korrespondentin: «Wenn es hier knallt, ist es kein Feuerwerk»

Anna Lemmenmeier (34) ist seit einem Jahr für Radio SRF in Nairobi stationiert. Die St.Gallerin erzählt im Interview, wie nahe ihr Gewaltszenen gehen, wie sie als Journalistin über einen ganzen Kontinent berichtet und wie sie ihr Leben mit Mann und Kind in Kenia meistert.
Martin Oswald

Andere Korrespondenten berichten aus London oder Brüssel, Sie decken als Journalistin ganz Afrika ab. Wie können Sie das leisten?

Das ist in der Tat eine enorme Herausforderung. Es gibt so viele mögliche Geschichten, über die ich berichten könnte. So ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit Tag für Tag zu entscheiden, worüber ich nicht berichte. Um den Überblick zu behalten, konsumiere ich zahlreiche afrikanische Medien, wie auch die BBC oder Al Jazeera. Ich habe mir aber inzwischen auch ein Netzwerk aufgebaut, über das ich in vielen Ländern mit Experten oder Organisationen in Kontakt treten kann. Das ist entscheidend.

Wie oft reisen Sie für Ihre Geschichten tatsächlich an die Schauplätze?

In der Regel arbeite ich sechs Wochen in meinem Büro in Nairobi und bin anschliessend zwei Wochen lang unterwegs. In dieser Zeit sind die Arbeitstage sehr lang und es gibt keinen Feierabend und Freizeit. Da hilft manchmal eine Massage, die man hier an jeder Ecke bekommen kann. Nach diesen Reisen ist die Energie jeweils aufgebraucht.

Sie sind vor einem Jahr aus der Schweiz nach Nairobi gezogen. Ihre Tochter war da gerade mal zwei Jahre alt.

Das war in der Tat eine sehr intensive Zeit für uns alle. Familie werden, Mutter werden, Korrespondentin werden - das passierte alles miteinander. Sich als noch frische Eltern mit Kind in einem fernen Land und einer fremden Kultur zurechtfinden, war nicht nur einfach. Du hast kein Netzwerk, keine sozialen Strukturen, du kennst niemanden. Du weisst nicht, wo du bestimmte Produkte kaufen kannst, wo du Hilfe bekommst, wie du einen Kindergarten findest. Die Anfangszeit war nicht besonders lässig. Und dann noch gleichzeitig als Journalistin verantwortlich für die Berichterstattung aus Afrika zu sein - das alles war eine Herausforderung und ist es immer noch. Inzwischen ist so etwas wie Alltag eingekehrt, das macht Vieles einfacher.

Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Burkina Faso nach der Matura, ein Studienjahr in Ghana, diverse Reisen: Es scheint kein Zufall zu sein, dass Sie Afrika-Korrespondentin geworden sind?

Ich habe diesen Wunsch schon bei meinem Bewerbungsgespräch bei Radio SRF deponiert. Nur braucht es für einen solchen Job immer auch etwas Glück und Geduld. Das hatte ich. Vom Moment der Ernennung bis zur Abreise vergingen dann nochmals zwei Jahre. So konnte ich mich eingehend vorbereiten.

«Afrika war immer mein Ziel»

Dieser Kontinent hat mich schon in Jugendjahren fasziniert und ich habe mich durch Reisen und mein Geschichtsstudium intensiv mit Afrika befasst.

(Bild: Anna Lemmenmeier)

(Bild: Anna Lemmenmeier)

Vor ein paar Wochen zündete ein Selbstmordattentäter unweit Ihres Hauses eine Bombe. Bewaffnete Terroristen haben 18 Stunden lang im Gebäude herumgeschossen.

Das war ein Schock. Zuvor war es hier sechs Jahre lang ruhig um die islamistische Shebab-Miliz, der Terror lebte nur noch in der Erinnerung der Bevölkerung. Der Anschlag fing nachmittags um 15 Uhr an, drei Stunden später war ich im «Echo der Zeit» auf Sendung. Über unserem Haus kreisten Helikopter, ich wusste nicht, ob es meinem Mann und meiner Tochter gut geht und musste mich gleichzeitig auf meinen Radiobeitrag konzentrieren. Das war ein verrückter Moment. Man hörte Schüsse, wusste aber gleichzeitig nicht so genau, was läuft. Am nächsten Tag gab die Polizei das Gebiet frei und ich konnte mir vor Ort ein Bild machen und mit den Leuten reden.

«Dieser Anschlag ist uns als Familie sehr eingefahren.»

Bei anderen Anschlägen kannst du für dich entscheiden, nicht jedes Detail zu lesen. Hier war das anders. Einerseits durch die physische Nähe dieses Anschlags, andererseits durch meinen Job, der es ist, über dieses Ereignis zu berichten.

Am 26. Januar 2019 explodierte eine Bombe vor einem Kino in Nairobi. Wenige hundert Meter neben dem Wohnort von Anna Lemmenmeier und ihrer Familie. (Bild: Screenshot AP)

Am 26. Januar 2019 explodierte eine Bombe vor einem Kino in Nairobi. Wenige hundert Meter neben dem Wohnort von Anna Lemmenmeier und ihrer Familie. (Bild: Screenshot AP)

Gehört eine Portion Angst zu diesem Job einfach dazu?

Ich bin kein ängstlicher Mensch. Eine Freundin sagt gar über mich, ich hätte das Überlebens-Gen nicht. Doch die Arbeit hier auf dem afrikanischen Kontinent hat mich verändert. Ich wurde schon mehrfach Zeugin von Anschlägen und Gewalttaten und das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich war neulich an einer Demonstration. Da wurde auf Leute geschossen und sechs kamen ums Leben und ich war vor Ort. Da habe ich Angst. Oder neulich sass ich in einem Taxi. Plötzlich halten uns vier Polizisten an und reissen den Fahrer aus dem Wagen. Das ist schwierig zu verstehen und geht mir unter die Haut. Überall wo man hinkommt, gibt es Leid und Menschen erfahren Gewalt. Das so auszuhalten, macht mich manchmal sehr müde. Es ist harte Kost.

Wir Journalisten müssen auch aufpassen, dass wir uns nicht überschätzen, wenn wir immer wieder über schlimme Dinge berichten. Ich muss diese Erlebnisse aktiv verarbeiten. Da ist auch das persönliche Umfeld, die Familie sehr wichtig.

(Bild: Anna Lemmenmeier)

(Bild: Anna Lemmenmeier)

Ist es besonders schwierig, als junge, weisse Frau diesen Beruf in Afrika auszuüben?

Es hat Vor- und Nachteile. Während mich gewisse ältere Männer vielleicht nicht ernst genug nehmen, habe ich auf der anderen Seite guten Zugang zu anderen Frauen, die mir ihre Sicht der Dinge sehr offen anvertrauen. Während schon in der Schweiz Thema ist, dass zu wenig Frauen in wichtigen Positionen sind oder bei Veranstaltungen reden, ist das hier noch viel ausgeprägter. Auch der Bildungsunterschied zwischen Mann und Frau ist vielerorts noch immer gross.

Wie denken Sie in Nairobi über das beschauliche Leben in St.Gallen St.Georgen, wo Sie aufgewachsen sind?

Ich muss sagen; ich hatte schon eine sehr glückliche Kindheit. Wenn es draussen einen Knall gab, dann war entweder 1. August oder Fasnacht. Beim Anschlag auf Äthiopiens Präsidenten habe ich zuerst gar nicht verstanden, warum es hier knallt. Ich musste erst lernen, dass es sich hier um eine ernste Situation handelt, wenn es ‹chlöpft›.

Trotz alledem: Ich kann mir kein spannenderes Berichtsgebiet vorstellen und ich erlebe in meinem Alltag viel Inspirierendes, Schönes und Skurriles. Afrika ist Aufbruch, Gegensätze, Begegnungen und immer wieder ganz viel Überraschung.

Zur Person

Anna Lemmenmeier ist seit November 2017 Afrika-Korrespondentin für Radio SRF. Zuvor war sie fünf Jahre lang als Wirtschaftsredaktorin und Produzentin der Sendung «Heute Morgen» tätig.

Die St.Gallerin studierte in Genf Internationale Beziehungen, machte in Bern einen Master in Geschichte und Internationalem Recht und einen zweiten Master an der Universität in Ghana über Afrikanische Studien.

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