St.Gallens «Mr. Energie» ging der Pfuus aus: Harry Künzle hat genug von seinem Job – und übt Kritik am Stadtrat

Nach fast 25 Jahren bei Umwelt und Energie St.Gallen ist Harry Künzle in Pension gegangen – nicht ganz freiwillig.

David Gadze
Drucken
Teilen
Harry Künzle beim Blockheizkraftwerk im Bauch des Kehrichtheizkraftwerks St.Gallen.

Harry Künzle beim Blockheizkraftwerk im Bauch des Kehrichtheizkraftwerks St.Gallen.

(Bild: Hanspeter Schiess)

Harry Künzle ist in seinem Element: Das Treffen mit dem ehemaligen Leiter von Umwelt und Energie St.Gallen findet im Kehrichtheizkraftwerk (KHK) statt. Für das Bild hat er das Blockheizkraftwerk im Bauch des KHK gewählt. Die riesige Maschine mit 6400 PS – so viel wie eine Lokomotive – produziert Strom und Wärme für die städtischen Haushalte. Sie ist ein Symbol für seine Arbeit. Denn Künzle war für St.Gallen der «Mr. Energie». Er ist der Vater des städtischen Energiekonzepts 2050. «Bei dessen Entwicklung 2006 stellten wir uns die Frage, woher der Strom im Winter kommen soll, wenn eines Tages die Atomkraftwerke abgestellt werden.» Und warum der Helm? «Ich habe mich immer als Schaffer gesehen, als Architekt einer Vision, nie als Verwalter.»

Mit Energiefragen wurde Künzle schon früh konfrontiert:

«Zu Hause hatten wir eine Kohleheizung. Meine Mutter musste die Kohle im Keller holen. Da überlegt man gut, wie viele Räume man beheizt.»

Der Beruf als Berufung

Der Vater des Energiekonzepts hatte in seinem Job seinerseits eine Vaterfigur: alt Stadtrat Fredy Brunner. «Als ich bei der Stadtverwaltung angefangen habe und Dinge verändern wollte, bekam ich oft zu hören: Das geht nicht.» Dieser Satz sei ihm irgendwann so zuwider gewesen, dass er daraus das Motto «Geht nicht, gibt’s nicht» gemacht habe. Brunner habe dieses Motto von Anfang an mitgetragen. «Er stand hinter den Projekten, wenn er überzeugt von ihnen war – unabhängig davon, ob es Mehrheiten dafür gab oder nicht.» Ausserdem habe er seinen Dienststellen den «Verwaltungstouch» genommen und sie als Unternehmen geführt.

Mit derselben Überzeugung ging auch Harry Künzle immer seiner Arbeit nach. Er identifizierte sich mit seinem Beruf, der für ihn Berufung war. Mit dem Auto von seinem Wohnort Rorschacherberg nach St.Gallen zur Arbeit zu fahren, wäre für ihn nie in Frage gekommen. Dieselbe berufliche Hingabe erwartete er von seinen Mitarbeitern. Ihnen war es de facto untersagt, mit dem Privatauto zur Arbeit zu kommen, auch Rauchen war eigentlich tabu. «Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.»

Der Bevölkerung die Geschichte der Energiezukunft erzählen

Der Elektroingenieur, der seine Diplomarbeit am damaligen Technikum Rapperswil zum Thema Speicherung und Gewinnung von Wärme im Erdreich verfasste, stiess 1995 als Lärmschutzbeauftragter zur Stadtverwaltung. «Ich bin an der Zürcher Strasse aufgewachsen, noch lange vor der Eröffnung der Stadtautobahn. Ich wusste also, was Strassenlärm bedeutet.» 1999, als Künzle Energiebeauftragter der Stadt wurde, hätten alle Gemeinden rund um St.Gallen das Label «Energiestadt» gehabt, nur die Kantonshauptstadt nicht – «das war eine schlechte Botschaft». Er setzte sich dafür ein, das Zertifikat zu erhalten. Ein Teil davon war das Energiekonzept. Es sollte die Grundlage bilden, um der Bevölkerung die Geschichte der Energiezukunft erzählen zu können.

Nun lässt sich Harry Künzle frühpensionieren. Er könne es sich leisten, sagt der Vater dreier erwachsener Kinder. «Wir leben nicht auf grossem Fuss. Und wenn man jahrelang Suffizienz gepredigt hat, wird sie irgendwann Teil deines Lebens.»

Das fehlende Vertrauen des Stadtrats in die Verwaltung

Es gibt aber einen weiteren Grund: Er habe keine Energie mehr aus seiner Arbeit ziehen können, abends sei er oft erschöpft gewesen, erzählt der 61-Jährige. Symptome, die er nicht kannte.

«Das mag eine Alterserscheinung sein, es hatte aber auch mit dem Job als solchem zu tun.»

Denn er fühlte sich zunehmend wieder als Verwalter behandelt. Und das habe in erster Linie mit dem Stadtrat zu tun, sagt er unumwunden. Künzle spricht vom Zwang, jedes Detail schon im Voraus zu definieren, anstatt dies den Fachleuten zu überlassen. Er deutet das als Zeichen fehlenden Vertrauens in die Verwaltung. Auch Mut vermisste er im Stadtrat, namentlich beim Jugendlichenvorstoss zum Klimanotstand. «Warum war es nicht möglich, die Ausrufung ausdrücklich als Symbolakt zu beantragen und den Entscheid dem Stadtparlament zu überlassen? Vielleicht wäre es dann nicht zum negativen Stichentscheid gekommen.»

Nun will Harry Künzle vor allem Zeit mit seiner Frau verbringen und seinen Hobbys nachgehen. Er ist passionierter Modelleisenbähnler, arbeitete einst bei der Schindler Waggon AG. «Infiziert» habe er sich an der Paradiesstrasse, wo er die ersten Kinderjahre verbrachte. Von der Wohnung konnte er auf den Güterbahnhof blicken und beobachtete die letzte Dampflokomotive beim Rangieren.

Mehr zum Thema

Gold für St. Galler Energiewende

ST.GALLEN. Ein Kompliment für die Stadtsanktgaller Energiepolitik direkt aus Bundesbern: Das erweiterte Energiekonzept 2050 wird heute mit dem nationalen Preis «Watt d'Or» ausgezeichnet. Zusammen mit fünf anderen Projekten und Personen.
Reto Voneschen

«Clean Harry», Öko-Pragmatiker

ST.GALLEN. Harry Künzle ist der Vater des mit dem «Watt d'Or» preisgekrönten sanktgallischen Energiekonzepts. Der Leiter des Amtes für Umwelt und Energie ist kein grüner Missionar. Die Energiewende muss wirtschaftlich aufgehen.