Fast leere Gassen, geschlossene Geschäfte: Nach dem Lockdown ist das öffentliche Leben in der Stadt St.Gallen auf ein Minimum reduziert.

Fast leere Gassen, geschlossene Geschäfte: Nach dem Lockdown ist das öffentliche Leben in der Stadt St.Gallen auf ein Minimum reduziert.

Bild: Benjamin Manser

St.Gallen steht still: Ein Rundgang durch die Stadt nach dem landesweiten Lockdown

Am Tag eins nach der historischen Verkündung des Notstands ist der Alltag in der Stadt zum Erliegen gekommen.

David Gadze
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Entschleunigung. Dieses Mittel hat der Bundesrat im Kampf gegen das Corona-Virus der Schweiz verordnet und in Dosen verabreicht. Dem Verbot von Grossveranstaltungen folgte die Schliessung sämtlicher Schulen sowie weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens – und schliesslich die Erklärung des Notstands.

Das bedeutet: Ausser Lebensmittelläden, Take-aways und Apotheken bleiben alle Geschäfte bis auf weiteres geschlossen. Und so fühlt sich diese Entschleunigung am Dienstag, dem Tag eins dieses Notstands, wie Stillstand an. St.Gallen ist an diesem Tag zwar keine Geisterstadt – und doch ist die Stimmung gespenstisch. Beim Rundgang durch die Innenstadt spürt man: Das Corona-Virus hält die Welt in Atem, und die Gesellschaft hält auch in der Gallusstadt die Luft an. Fast überall. Das Leben ist jedenfalls ein anderes.




Bild: Benjamin Manser

Hauptbahnhof

Der Bahnhofplatz, die grösste ÖV-Drehscheibe der Ostschweiz, ist ein verlässlicher Pulsmesser für den Herzschlag der Stadt. Bereits am Morgen, kurz nach 8 Uhr, zeigt sich: Der Puls der Stadt ist tief. Ein Ruhepuls, wie an einem Sonntag. Dabei ist er um diese Zeit normalerweise sehr hoch, der Bahnhofplatz ein Ameisenhaufen. Doch jetzt sind nur wenige Leute unterwegs. Die Rathausunterführung ist praktisch leer, die Hälfte der Geschäfte geschlossen. Nachdem der Zug aus Zürich eingefahren ist, füllt sie sich für einen kurzen Moment, dann ist wieder Ruhe. Auch die Züge sind merklich leerer.

So leer wie schon lange nicht mehr: Die Rathausunterführung am Bahnhof St.Gallen.

So leer wie schon lange nicht mehr: Die Rathausunterführung am Bahnhof St.Gallen. 


Bild: Benjamin Manser

Marktplatz

Der Marktplatz wirkt noch trister als sonst. Viel Grau, wenig Menschen. Im Blumenstand packen die Verkäuferinnen die übrig gebliebenen Pflanzen ein, sie kommen zurück in die Gärtnerei. Der Obst- und Gemüsestand von Peter Wetli ist hingegen geöffnet. Während die Wochenmärkte bis auf weiteres ins Wasser fallen, dürfen die Lebensmittelhändler des ständigen Markts ihre Produkte weiterhin verkaufen.

Doch die Situation ist für sie eine Herausforderung. Man organisiere sich jetzt anders, sagt Wetli. Die Kunden müssen auch beim Anstehen Abstand halten können. Und ja, er spüre den Rückgang der Kundenfrequenzen. «Aber wir wollen den Betrieb aufrechterhalten, so lange wir können.»

Kathedrale




Bild: Benjamin Manser

«Loh dini Angst do ... nimm d Hoffnig mit», heisst es auf einem Plakat beim Westeingang der Kathedrale. Hier wollte die Cityseelsorge an vier Dienstagen eine Aktion durchführen: Passanten sollten mit Kreide ihre Ängste auf die Pflastersteine notieren und im Gegenzug ein Hoffnungszitat mit auf den Weg bekommen. Doch kurz vor dem Mittag ist niemand da. Ein Infoblatt macht darauf aufmerksam, dass die Aktion nicht wie geplant durchgeführt werden kann. Das Kantonsarztamt habe interveniert, sagt Matthias Wenk von der Cityseelsorge. Denn es sei nicht absehbar, wie viele Personen kommen würden, ausserdem würde die Kreide durch mehrere Hände gehen – das Ansteckungsrisiko ist somit zu hoch.

Die Cityseelsorge hat reagiert: Bis Samstag kann man auf www.kathsg.ch/hoffnung seine Ängste einreichen, das Team der Cityseelsorge schreibt sie entlang der Kathedrale auf den Boden. Und in der Kathedrale steht jemand von der Seelsorge für Einzelgespräche bereit. Die Hoffnung, sie soll nicht sterben.

Klosterviertel

Draussen auf dem Klosterplatz und dem Gallusplatz, die am Vormittag so gut wie ausgestorben waren, kommen derweil einige Leute zur Mittagspause. Doch dieser sonst so beliebte und belebte Treffpunkt ist auch jetzt spärlich besucht. Auf den Mäuerchen und Sitzbänken sowie vor der Schutzengelkapelle sitzt man zu zweit, zu dritt, zu viert. Social Distancing innerhalb der Grüppchen? Fehlanzeige. Man kommt sich nahe, näher jedenfalls, als vom Bund empfohlen. «Dann hole ich mir das Virus halt, ist mir egal», sagt ein Mann zu seinen Begleitern.

Die Stadt St.Gallen am ersten Tag des schweizweiten Lock-Downs wegen des Corona-Virus. Diese drei Mädchen geniessen das schöne Wetter bei den Drei Weieren.
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Dieser Mann schützt sich mit einer Maske.
Eine Frau schliesst ihr Geschäft in der St.Galler Innenstadt.
Die Stadt St.Gallen befindet sich im Ausnahmezustand: Eine Frau zündet in der Kathedrale eine Kerze an.

Die Stadt St.Gallen am ersten Tag des schweizweiten Lock-Downs wegen des Corona-Virus. Diese drei Mädchen geniessen das schöne Wetter bei den Drei Weieren.


Nik Roth

Drei Weieren

Als nach 16 Uhr die Sonne wieder hervorkommt, legt sich sogleich Frühlingsstimmung über St.Gallen. Und während unten die Stadt seit Dienstag in einem Dämmerschlaf liegt, erwachen die Drei Weieren in diesen Tagen aus dem Winterschlaf. Ein Mann dreht eine kurze Runde im Mannenweier, auf der Froschinsel sonnen sich zwei Enten.

Diese Oase hoch über der Innenstadt scheint jetzt erst recht ein perfekter Ort zu sein, um dem Alltag zu entfliehen. Es läuft Musik, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene lassen den Tag hier ausklingen. Eine Gruppe – auch älterer – Männer sitzt auf einem Bänkli. Ob sie keine Angst haben, sich mit dem Corona-Virus anzustecken? «Doch, schon», räumt einer ein. Aber man treffe sich halt jeden Tag an diesem Ort. «Hier oben ist die Welt noch in Ordnung», sagt ein anderer.

Die Drei Weieren erwachen in diesen Tagen aus dem Winterschlaf.

Die Drei Weieren erwachen in diesen Tagen aus dem Winterschlaf.

Bild: Nik Roth

Hauptbahnhof

Rund um den Bahnhofplatz steigt gegen 17 Uhr der Puls der Stadt wieder leicht an. Wer nicht im Homeoffice arbeitet, macht sich jetzt auf den Heimweg. An der St.-Leonhard-Strasse herrscht so etwas wie Feierabendverkehr. Auf dem Kornhausplatz halten viele Leute inne, nur eines der 14 Bänkli ist frei. Als um 17.25 Uhr der Zug nach Zürich den Hauptbahnhof verlässt, kehrt dort sogleich wieder Ruhe ein. Normalerweise ist es die Ruhe vor dem nächsten Sturm – der Abfahrt des nächsten Zuges. Doch die Ruhe bleibt.

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