St.Gallen
Dank ungewöhnlicher Spendenaktion mit Gutscheinen für Abfallsäcke: St.Gallen startet mit Festival in der Kultur durch

Nach Monaten, in denen in der Kulturagenda gähnende Leere herrschte, soll nun ein richtiger Startschuss fallen: Mit einem bunten Neustart-Festival an diversen Spielorten in der ganzen Stadt. Dieses findet im September statt ‒ anstelle der Museumsnacht.

Christina Weder
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Knapp 360 Gutscheine für Abfallsackgebühren hat Musiker und FDP-Politiker Karl Schimke mit seiner Spendenaktion gesammelt.

Knapp 360 Gutscheine für Abfallsackgebühren hat Musiker und FDP-Politiker Karl Schimke mit seiner Spendenaktion gesammelt.

Bild: Michel Canonica

Lange war es still im Kulturleben der Stadt. Kulturschaffende hatten aufgrund der Coronamassnahmen des Bundes kaum Auftrittsmöglichkeiten; das Publikum musste zu Hause bleiben. Nur langsam entspannt sich die Situation.

Nach einem Jahr Stillstand in der städtischen Kulturszene soll nun ein richtiger Startschuss fallen. Am 11. September geht von 11 Uhr bis in die Nacht hinein das sogenannte Neustart-Festival über die Bühne, wie das Organisationskomitee in einer Medienmitteilung schreibt. Das Festival findet anstelle der diesjährigen Museumsnacht statt: Am selben Datum, zur selben Uhrzeit, aber mit einem anderen und erweiterten Programm und mehr Kooperation. Die meisten Museen werden als Spielstätten offen stehen.

Ann Katrin Cooper, IG Kultur Ost.

Ann Katrin Cooper, IG Kultur Ost.

Bild: Arthur Gamsa

Fürs Festival haben sich der Verein Museumsnacht, die IG Kultur Ost und Musiker und FDP-Stadtparlamentarier Karl Schimke zusammengetan. Sie wollen die städtische Kultur in ihrer ganzen Vielfalt sichtbar machen. Denn das Bedürfnis nach Konzerten, Ausstellungen, Theateraufführungen, Lesungen und Performances sei nach einem Jahr Abstinenz sehr gross. «Ich glaube, es sind alle ausgehungert», sagt Ann Katrin Cooper von der IG Kultur Ost. Das Publikum solle wieder andocken können, nachdem die Kulturagenda so lange leer war.

357 Gebührengutscheine gesammelt

Die Idee geht auf Karl Schimke zurück. Er hatte im Frühjahr mit einer ungewöhnlichen Spendenaktion überrascht. Als die Stadt 45'000 Gutscheine für Abfallgebührensäcke an Stadtsanktgaller Haushalte verteilte und damit nicht mehr benötigte finanzielle Reserven abbaute, rief er dazu auf, die Gutscheine zu spenden. «Weniger Abfall, mehr Kultur» nannte er seine Aktion. Mit dem gesammelten Betrag wollte er Kulturschaffenden zu einer Auftrittsmöglichkeit verhelfen und ein Festival organisieren. Nun ist Schimke einen grossen Schritt weiter. Die Spendenaktion ist beendet, das Resultat liegt vor, das Festival nimmt langsam Gestalt an.

Dabei ist der Erfolg der Spendenaktion zunächst unter Schimkes Erwartungen geblieben. Von den 45'000 Gutscheinen à je 40 Franken, welche die Stadt verteilte, sind 357 gespendet worden. Das entspricht einem Betrag von 14'200 Franken oder 0,8 Prozent aller Gutscheine. Schimke hatte gehofft, dass ein Prozent aller Gutscheine zusammenkommt. Dennoch spricht er von einem «recht guten Ergebnis». Viele der eingereichten Gutscheine seien mit einem Kommentar versehen gewesen: «Super Idee» oder «Weitermachen» stand darauf. Das habe ihn motiviert, die Idee weiterzuverfolgen. Zudem gingen 2000 Franken Spendengelder ein. 4000 Franken stiftete das Kulturprozent der Migros Ostschweiz.

Mit grosszügiger Unterstützung von Stiftungen wurde der Betrag schliesslich um weitere 25'000 Franken aufgestockt. Das Budget fürs Festival beläuft sich damit auf rund 45'000 Franken. «Damit können wir etwas Einmaliges auf die Beine stellen», sagt Schimke. Der Betrag soll vollumfänglich für die Gagen der Kulturschaffenden aufgewendet werden. Man könne damit rund 90 Tänzerinnen, Musikern, Performance-Künstlern, Schauspielerinnen oder Slam-Poeten einen Auftritt ermöglichen.

Aufruf an Kulturschaffende: Sie können sich bis Anfang Juli melden

Nun ruft das Organisationskomitee lokale Kunstschaffende aus allen Sparten, aber auch Kulturinstitutionen dazu auf, sich mit ihrem Programm und ihren Ideen zu melden. Auf www.neustartfestival.ch können sie sich bis zum 5. Juli für eine Teilnahme am Festival anmelden. Das künstlerische Programm wird sich gemäss Medienmitteilung aus den eingegangenen Anmeldungen zusammensetzen und an jenen Spiel- und Auftrittsorten stattfinden, die sich als Gastgeber zur Verfügung stellen.

Die Idee, den kulturellen Neustart aktiv zu gestalten, sei einzigartig in der Schweiz, sagt Ann Katrin Cooper. «Ich hoffe, dass damit eine lange Durststrecke zu Ende geht.» Für den 11. September wünscht sie sich ein unkompliziertes, dezentral organisiertes Festival mit buntem Programm. Dass viele verschiedene Kulturinstitutionen am Festival mitwirken, wertet sie als Zeichen der Solidarität. Das Publikum soll wieder geniessen können – nicht über den Livestream, sondern im persönlichen Austausch. «Das ganze kulturelle Spektrum soll zum Ausdruck kommen, das es in unserer Stadt gibt und auf das wir so lange verzichten mussten.»

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