ST.GALLEN
Das geheime Leben des Stubentigers und was sonst noch dieses Jahr im Naturmuseum St. Gallen zu sehen ist

Nach dem Eichhörnchen zieht ein anderes Lieblingstier der Schweizerinnen und Schweizer ins Naturmuseum St.Gallen ein: die Katze. Ab Herbst macht sie es sich dort gemütlich, sofern Corona das zulässt.

Diana Hagmann-Bula
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Ist nicht nur Schmusetier: Das St.Galler Naturmuseum zeigt das Wesen der Katze als Ganzes auf. Ab Herbst.

Ist nicht nur Schmusetier: Das St.Galler Naturmuseum zeigt das Wesen der Katze als Ganzes auf. Ab Herbst.

Bild: Lotfi Cherif / Eyeem

Diese Knopfaugen! Der wuschelige Schwanz! Und wie flink es sich bewegt! Alle haben es lieb, das Eichhörnchen. Kein Wunder, hat es dem Naturmuseum St.Gallen trotz Coronaverunsicherung einen guten Herbst beschert. Über 600 Personen lösten an Spitzentagen seinetwegen einen Eintritt. 13000 Besucherinnen und Besucher habe die Sonderausstellung seit Eröffnung Ende August dem Museum gebracht, den Besucherrückgang so immerhin ein bisschen wieder gutgemacht, sagt Museumsdirektor Toni Bürgin.

Wegen der coronabedingten Schliessungen im vergangenen Frühling und nun seit dem 21. Dezember verzeichnete das Naturmuseum St.Gallen Ende Jahr 43 Prozent weniger Gäste als 2019, einem Spitzenjahr. Auch dem Eichhörnchen hat das Virus doch noch das Handwerk gelegt. Es begeistert nun virtuell statt im Museum. Toni Bürgin und sein Team haben Ausstellungstexte, Kurzvideos und den Wettbewerb online gestellt.

Flexibles Jahresprogramm

Die aktuellen Umstände seien eine Herausforderung, sagt Bürgin. Entmutigen lassen, will er sich dennoch nicht, lieber flexibel bleiben, neue Formate ausprobieren. Statt Schulführungen anzubieten, rüstet das Naturmuseum Lehrkräfte nun mit Unterrichtskoffer aus. Referate und Vorträge finden auf Zoom statt.

30 Personen hätten vor ein paar Tagen online die Ausführungen über das Projekt Stadtwildtiere verfolgt. «Fast so viele wie sonst live», sagt Bürgin. Trotz der Ungewissheit hat er sich entschieden, ein Jahresprogramm aufzustellen. Von dynamischer, rollender Planung, spricht er. Bedeutet: Vielleicht ändern sich die Daten noch.

Haus- und Raubtier zugleich

Nach dem Eichhörnchen soll ein anderes Lieblingstier Menschen ins Museum locken. Bürgin freut sich auf die Wanderausstellung «Die Katze – unser wildes Haustier», eine Co-Produktion der Naturmuseen Thurgau und Olten: «Als unsere Kinder klein waren, hatten wir auch zwei dieser Tiere.» 1,5 Millionen Katzen leben als Haustiere in der Schweiz, gelten als sanft, verschmust, anhänglich.

Kaum draussen, ist es vorbei damit. Dort zeigen sie ihre andere Seite, dort beginnt das andere, fremde Leben der Katzen. Jenes, von dem die Besitzer wenig wissen (wollen). Und vor dem sie sich oft ekeln. Dann, wenn der elegante, anmutige Stubentiger ihnen Maus und Vogel, Blindschleiche und Eidechse vor die Füsse legt. Die Katze sei das häufigste Raubtier in der Schweiz, so Bürgin.

«Sie frisst nicht nur Whiskas.»
Toni Bürgin, Direktor des St. Galler Naturmuseums.

Toni Bürgin, Direktor des St. Galler Naturmuseums.

Bild: Lisa Jenny

Katzenliebhaber und Naturschützer geraten sich deswegen immer häufiger in die Haare. «Man muss diese Diskussion führen, aber nicht militant. Also nicht gleich fordern, dass alle Katzen wegzuschaffen seien», sagt Bürgin. Die Ausstellung gibt beiden Seiten Raum, erklärt, woher die Katze kommt, greift ihre Biologie und Lebensweise auf. Sie vergleicht sie mit Wildkatzen und dem (deutlich zahmeren) Hund.

Fast lebendige Präparate

Höhepunkt ist für Bürgin jedoch eine Ausstellung, die schon letztes Jahr hätte stattfinden sollen, aber verschoben werden musste wegen der Pandemie. Ab dem 27. Mai sind Tierpräparate von Ernst Heinrich Zollikofer zu sehen. Üblicherweise lagern sie in der unterirdischen Schatzkammer des Naturmuseums, in den klimatisierten Räumen im Bauch des Gebäudes. Dort befinden sich 350'000 Objekte, 500 davon hat der St.Galler Tierpräparator Zollikofer geschaffen.

«Ein Meister seines Fachs», betont Bürgin. Die 100 aussagekräftigsten wählten er und sein Team für die Eigenproduktion «Aus Meisterhand - Tierpräparate von E. H. Zollikofer» aus, ergänzen sie mit Fotografien von Sebastian Köpcke und Volker Weinhold, Einträgen aus Notiz- und Tagebüchern Zollikofers, Werkzeugen und Präparationsmaterial.

Fast wie echt: Hasen, wie der St.Galler Präparator Ernst Heinrich Zollikofer sie sah.

Fast wie echt: Hasen, wie der St.Galler Präparator Ernst Heinrich Zollikofer sie sah.

Bild: pd

Zollikofer sei zwar Präparator, aber auch Forscher gewesen. «Er hat seit seiner Jugendzeit Tiere genau beobachtet und etwa den Mauerläufer, der sich fast nur von Spinnen ernährt, gezüchtet», erzählt Bürgin. Diese Beobachtungsgabe sowie die zeichnerischen Fähigkeiten halfen Zollikofer bei der Arbeit. Bürgin:

«Seine Präparate wirken wie aus dem Leben gegriffen. Obwohl sie heute über 100 Jahr alt sind, fallen sie neben modernen Dermoplastiken nicht ab.»

Zollikofer konnte noch nicht auf Kunststoffformen zurückgreifen können, damals in den 1880er- und darauffolgenden Jahren. Er arbeitete mit gepresstem Torf sowie Holz und wickelte mit Holzwolle Präparate. Hauptsächlich Vögel, aber auch Säugetiere wie Mäuse und Maulwürfe. Im Alter von 71 Jahren verstarb Zollikofer. An einer Berufskrankheit, heisst es in einigen Quellen.

Präparate wurden damals mit Arsenikseife imprägniert, die sie vor Insektenfrass schützte. «Gesund war das Mittel nicht, aber die einzige Todesursache wohl ebenso wenig», sagt Bürgin. Den Tagebüchern sei zu entnehmen, dass Zollikofer zur Kur musste. «Er rauchte Pfeife. Vielleicht hatte er grundsätzlich Mühe mit der Lunge.»

Corona zeigt, wie wichtig die Natur ist

Zuerst wird es im Naturmuseum jedoch wieder um das Ei gehen. Die jährliche Sonderausstellung soll am 16. März eröffnen. Inklusive lebenden Kaninchen, Hühnern und schlüpfenden Küken. Die Begeisterung, die sie jeweils auslösen, zeigt, wie beständig das Kerngeschäft des St.Galler Museums eigentlich und trotz Corona ist. Die Natur, sie erfüllt und füttert einen jetzt, wo vieles andere wegfällt, noch mehr als sonst.

www.naturmuseumsg.ch/aktuell/jahresprogramm