Sternmarsch und Kundgebung im St.Galler Stadtpark erinnert an den Frauenstreik: Gleichstellung noch lange nicht Realität

Am 14. Juni 2019 gingen auch in der Stadt St.Gallen im Rahmen des nationalen Frauenstreiktags rund 4000 Personen auf die Strasse. Ein Jahr später, am Samstag, erinnerten 300 Personen an die Grossveranstaltung - und bekräftigten die «bei weitem noch nicht erfüllten» Forderungen von damals.

Reto Voneschen
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Zwei Kundgebungen gleichzeitig: Am Vadian-Denkmal trifft der Frauenstreik auf die erste Black-Live-Matters-Kundgebung in St.Gallen.

Zwei Kundgebungen gleichzeitig: Am Vadian-Denkmal trifft der Frauenstreik auf die erste Black-Live-Matters-Kundgebung in St.Gallen.

Bild: Sandro Büchler (13.6.2020)

Die Szenerie im Stadtpark am Samstag, 14.45 Uhr, wirkt sehr friedlich. Sie wirkt wie ein grosses Sommerfest denn eine politische Demonstration. Verteilt über die grosse Wiese neben dem Frauenpavillon sitzen und stehen kleine Grüppchen. Vor allem Frauen, darunter einige Männer. Dazwischen tollen Kinder. Vorherrschende Farbe ist violett.

19 Bilder

Bild: Benjamin Manser

Vom Rand her tönt Musik über den Rasen. Vor der Bar hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. Ab und zu erreicht wieder ein Gruppe des Sternmarsches, der um 14 Uhr in den Quartieren der Stadt gestartet ist, den Park. Lärmend, bunt. Die Gruppe aus dem Lachen-Quartier wird von einer Königin mit riesiger violetter Krone angeführt.

An die Hauptforderungen des Frauenstreiks erinnert

Das war die eine Seite der Kundgebung zum Frauenstreik: Es war ein lustvolles Treffen von Frauen, die sich schon vor einem Jahr auf der Strasse für Gleichstellung und Gerechtigkeit engagiert hatten. Auf der anderen Seite wurde von Rednerinnen aus der organisierenden Kerngruppe daran erinnert, dass die Forderungen des Frauenstreiks von Politik und Wirtschaft bisher nur zum kleinsten Teil erfüllt worden sind.

Die Kundgebung zum Frauenstreik im St.Galler Stadtpark.

Die Kundgebung zum Frauenstreik im St.Galler Stadtpark.

Bild: Stadtpolizei St.Gallen
(13.6.2020)

Der Frauenstreik habe vor einem Jahr viel in Bewegung gebracht. Man sei mit den damals aufgestellten Forderungen aber noch bei weitem nicht am Ziel. Die Bilanz sei im Gegenteil ernüchternd:

«Der Kampf und das Engagement für Gleichstellung und Gerechtigkeit für alle bleibt nötig wie eh und je.»

Erinnert wurde an Hauptforderungen des Frauenstreiks. Nämlich erstens: Frauen müssten in der Sprache, die die Realität abbilden sollte, sichtbar werden. Das sei heute - gerade in den Medien - nicht der Fall. Immer noch dominiere das männliche Geschlecht; Frauen seien mitgemeint, würden aber nicht erwähnt. Bund, Kantone und Gemeinden, aber auch die Medien müssen der geschlechtsneutralen Sprache zum Durchbruch zu verhelfen.

Gewalt an Frauen als Problem der ganzen Gesellschaft

Zweitens: Gewalt gegen Frauen müsse endlich aufhören. Gesetzlich sei sie heute verboten, also illegal. Und bei Gewalt seien die Täter natürlich nicht immer Männer, die Opfer auch nicht immer Frauen. In drei Vierteln der Fälle seien Gewaltopfer aber weiblich. Zudem würden nur 20 bis 25 Prozent der Gewalttaten überhaupt angezeigt. Die Zahlen zeigten, dass es bei diesem Thema endlich Taten brauche.

«Nein heisst Nein!» Parole an einem Baum im Stadtpark.

«Nein heisst Nein!» Parole an einem Baum im Stadtpark.

Bild: Benjamin Manser (13.6.2020)

Gesetze müssten durchgesetzt, Prävention ernsthaft an die Hand genommen werden. Um sexualisierte Gewalt wirksam bekämpfen zu können, brauche es einen Kulturwandel und dabei seien alle gefordert: Nicht die Opfer seien das Problem, die Täter seien es. Und Gewalt sei nicht das Problem von Opfern oder Frauen allein, sie sei auch und vor allem ein Problem der Männer.

«Kapitalistisch-patriarchales System» mit falschen Prioritäten

Auch bei der Gleichstellung seien nur wenige Forderungen aus dem Frauenstreik von Politik und Arbeitgebern aufgegriffen worden, hiess es drittens. Sehr schnell sei die Politik nach der Coronakrise wieder in die «alte Normalität» zurückgefallen: 60 Milliarden gebe es zur Befriedigung von Forderungen der Wirtschaft. 2 Milliarden gingen an den Flugverkehr. Für die Kinderbetreuung hingegen gebe es gerade einmal 65 Millionen.

Das seien die falschen Prioritäten. Es sei Zeit für einen grundlegenden Wandel. Das kapitalistische und patriarchale System führe in die Sackgasse, wenn es die Mittel fürs Gesundheitswesen, für Soziales oder für die Renten verknappe. Das habe die Pandemie gezeigt: Wenn die Nachbarländer ihr bei uns arbeitendes Gesundheitspersonal abgezogen hätten, wäre das Schweizer Gesundheitswesen zusammengebrochen.

Eine Gruppe des Frauenstreik-Sternmarsches unterwegs in der Marktgasse.

Eine Gruppe des Frauenstreik-Sternmarsches unterwegs in der Marktgasse.

Bild: Benjamin Manser (13.6.2020)

Es sei jetzt Zeit Gegensteuer zu geben, wurde an der Kundgebung zum Frauenstreik im St.Galler Stadtpark gefordert. Drei Viertel der Stellen in systemrelevanten Bereichen seien durch Frauen besetzt. Sie verdienten im Schnitt deutlich weniger als Männer in technischen Berufen oder im Management, bei Versicherungen oder Banken. Das müsse sich ändern: Das Lohnniveau gerade beim Pflegepersonal müsse angehoben, sein Image aufgewertet werden. Durch Taten, nicht nur durch Worte.