Stephan Eicher in Pentorama Amriswil: Grandiose Pflicht, etwas unentschlossene Kür

Der Schweizer Chansonnier Stephan Eicher hat am Freitagabend im Pentorama Amriswil gespielt. Das Konzert beginnt als Wohnzimmerwohligkeit und endet im Grosskaraoke. 

Michael Hasler 
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Stefan Eicher startet seine Tournee im Pentorama Amriswil.

Stefan Eicher startet seine Tournee im Pentorama Amriswil.

Michel Canonica

Sieben Jahre und etliche Prozesse in Frankreich gegen seine dortige Plattenfirma hat Stephan Eicher gebraucht, um am Freitagabend in Amriswil mit neuen Songs seine Tournee starten zu können. Natürlich war der akustisch wunderbar ausgewogene Saal im Pentorama auf den digitalen Ticketportalen im Vorfeld restlos ausverkauft.

Als Hors d‘oeuvre gibt es für das altersmässig etwa dem auf die Sechzig zusteuernden Gastgeber entsprechende Publikum ein etwas arg pathetisch dahinträllerndes Klaviergeperle von Eichers Bandpianisten Reyn Ouwehand. Der Übergang zum eigentlichen Konzert passiert in der Folge fliessend. Das Sextett halbkreist sich um ein Mikrofon und a capella wird der namensgebende Konzepttitel des Albums, Homeless Songs, intoniert. Das ist hübsch aber etwas allzu brav, wie überhaupt die kommenden 20 Minuten, die Eicher als Kür bezeichnet. Kür deshalb, weil er konsequent Miniaturen und neues Material seines aktuellen Albums intoniert. Songs, für deren Publikation er gekämpft hat wie nie zuvor im Vorfeld einer neuen Tournee.

Der Start gerät etwas mau, das Konzert wird zu einem Entwicklungsroman. Manchmal etwas unentschlossen umschiffen die Arrangements der Auftaktsongs grosse Gefühle, schmerzhafte Brüche oder kerniges Leben. Nach einer halben Stunde reagiert Eicher mit einer kurzen Zäsur, bettet «Pas d'ami (comme toi)» inklusive Mitsingteil ins Konzert ein, welches nun an Fahrt, Griffigkeit und poetischer Kraft gewinnt.

Grossartige Multiinstrumentalisten

Die mit grossartigen Multiinstrumentalisten bestückte Band wechselt nun vom Trab in den Galopp – später sogar in den Jagdgalopp. Heidi Happy sticht aus dem Ensemble heraus und überragt gesanglich sogar immer wieder den Meister selbst.

Eicher wagt nun mehr, befreit sich aus der Wohnzimmerwohligkeit und tut das, was er wie kein anderer in der Schweiz kann: Geschichten erzählen. Am Ende steht der Saal, zwei ältere Frauen hallten sich nun die Ohren zu - und das ist gut so. Denn Saal schwitzt nun beinahe, das Publikum steht, das Dezibelmeter jauchzt, die Gitarrenriffs auf der Bühne zersägen den Raum. Und vorne auf der Bühne gelingt Eicher nun nach einer etwas unentschlossenen Kür eine grandiose Pflicht. Keiner kann das in unserem künstlerisch überschaubaren Land so wie er – und nicht einmal seine ehemalige Plattenfirma kann dies trotz fehlender Songrechte einzelner seiner Hits verhindern.

Das Konzert endet deshalb, anders als erwartet, als Grosskaraoke: weil der Chansonnier die Rechte für «Déjeuner en paix» nicht mehr besitzt, bittet er ganz pragmatisch das Publikum, seinen Hit zu singen. Hundertkehlig trägt ihn jenes - und garantiert auch seine «Homeless Songs» – beseelt heim.