Staumeldungen sind überflüssig, sagt ein grosses deutsches Radio – FM1, Radio Top und SRF sind anderer Meinung

Der Deutschlandfunk schafft den Verkehrsservice ab. Er sei überflüssig geworden. In der Region urteilt man anders.

Sandro Büchler
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«Verkehrsmeldungen sind ein grosses Bedürfnis», sagt Philippe Pfiffner von Radio Top.

«Verkehrsmeldungen sind ein grosses Bedürfnis», sagt Philippe Pfiffner von Radio Top.

Bild: Getty

Ab dem 1. Februar verzichtet der Deutschlandfunk auf Staumeldungen. Nach über 40 Jahren verabschiedet sich der deutsche Radiosender mit landesweit mehr als zwei Millionen täglichen Hörern vom Verkehrsservice. Der Sender begründet den Verzicht laut dem Nachrichtenmagazin Stern mit veränderten Nutzungsgewohnheiten. «Durch die flächendeckende Verfügbarkeit mobiler Navigationssystem ist das Angebot für die meisten Hörerinnen und Hörer überflüssig geworden.»

In einer Umfrage unter 5000 Nutzern des Deutschlandfunks gaben zwei Drittel an, Verkehrsmeldungen seien «nicht wichtig» oder «weniger wichtig». Die freiwerdende Sendezeit will das Radio mit ausgebauten Nachrichtenformaten nutzen. Nach der Bekanntgabe kommentierte die links-grüne Berliner Tageszeitung Taz, Staumeldungen seien in Zeiten von Klimademos ohnehin anachronistisch, deren Abschaffung somit folgerichtig. «Obwohl die sachliche, gefühlt Minuten lange Aufzählung in ihrer Stupidität auch etwas Beruhigendes hat.»

Nie zur Diskussion gestanden

Braucht es heute noch Staumeldungen? «Definitiv», sagt Sacha Gamper, Programmleiter von FM1 und Radio Melody. «Nur schon wenn wir beobachten, wie stark der Morgen- und Feierabendverkehr in letzter Zeit zugenommen hat und von wie vielen Staus die Leute tagtäglich geplagt sind, wollen wir unseren Hörern hier einen möglichst guten Service bieten.»

Sacha Gamper, Programmleiter Radio FM1 und Radio Melody

Sacha Gamper, Programmleiter
Radio FM1 und Radio Melody

PD

Gamper stellt ein grosses Bedürfnis nach Staumeldungen fest. Dies zeigten die etlichen Whatsapp-Meldungen und Telefonanrufe auf die Verkehrshotline, die FM1 jeden Tag bekomme. Zwar überprüfe der Sender regelmässig sämtliche Programminhalte und analysiere die Bedürfnisse der Hörerschaft. Eine Streichung des Verkehrsservices sei aber noch nie zur Diskussion gestanden.

Radio Melody hingegen verzichtet auf Staumeldungen, «da es ein reiner Musiksender ist», sagt Gamper. «Die Leute schalten wegen der schönsten Schlager und den grössten Oldies ein und haben keine Erwartungen an einen Verkehrsservice.» Zudem sei Melody in den meisten Autos, ohne DAB-Radio, gar nicht empfangbar.

Radio Top will Verkehrsservice ausbauen

Dass Nachrichten zum aktuellen Verkehrsaufkommen durch die Dienste von Navigationsgeräte überflüssig werden, verneint auch Philippe Pfiffner, stellvertretender Geschäftsführer bei Radio Top.

«Gerade für bekannte Strecken wie den Arbeitsweg verwenden Autofahrer keine Navigationsgeräte und sind so auf Verkehrsmeldungen angewiesen.»

Zudem vermelde Radio Top nicht nur Staumeldungen, sondern auch Geisterfahrer oder gefährliche Gegenstände auf der Fahrbahn.

Von den Verkehrsmeldungen will sich auch Pfiffner nicht verabschieden. «Im Gegenteil.» Intern denke man bei Top gar über einen Angebotsausbau bei den Verkehrsmeldungen nach. Deren Sponsoring sei bei den Werbekunden zudem äusserst beliebt. Auch bei FM1 gibt es Werbung, bevor gemeldet wird, wo es auf den Strassen stockt. «Finanziell gesehen ist der Verkehrsservice nur ein kleiner Fisch. Davon machen wir unseren Service aber sicher nicht abhängig», sagt Sacha Gamper.

Auch beim gebührenfinanzierten Schweizer Radio und Fernsehen seien Staumeldungen unverzichtbar. «Sie gehören zum Grundversorgungsauftrag eines Service-Public-Unternehmens und sind im Programm von Radio SRF 1 und SRF 3 unbestritten», teilt eine Sprecherin mit. Gerade bei Pendlerinnen und Pendlern gehörten die Verkehrsmeldungen zu den relevantesten Einschaltgründen. «Unabhängig, ob im privaten oder öffentlichen Verkehr. Denn auch Störungen im Bahnbetrieb werden vermeldet.» SRF 2 Kultur, SRF 4 News und Musikwelle würden seit jeher auf Verkehrsmeldungen verzichten.

Blick auf die Strasse

SRF erachtet das Bedürfnis nach Staumeldungen in der Hörerschaft nach wie vor als sehr hoch. «Im Alltag erleben wir immer wieder Anrufe, die sich über ausbleibende Staumeldungen beschweren», sagt die Sprecherin. Zudem würden Umfragen die Nachfrage belegen. «Viasuisse, der Zulieferer der Verkehrsmeldungen von SRF, erwähnt dazu, dass auch neue Privatradios Verkehrsmeldungen in ihr Programm aufnehmen, da ihre Hörer das so wünschen.»

Der Sicherheitsaspekt im Strassenverkehr sei nicht ausser Acht zu lassen, sagt SRF weiter. Denn Navigationsgeräte oder mobile Apps würden den Blick weg von der Strasse lenken.

«Bei Radiomeldungen können
die Automobilisten den Blick auf
der Strasse halten.»