Geburtsvorbereitungskurs ohne Frauen: Starke Männer im Gebärsaal

Ängste rund um die Geburt und ein kühles Bier: Die St.Gallerin Andrea Lang plant einen Vorbereitungsabend nur für Männer.

Diana Hagmann-Bula
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Hilfreicher im Gebärsaal, als sie denken: Ein Kurs soll Männern das aufzeigen und ihnen Unsicherheiten nehmen. Bild: Getty

Hilfreicher im Gebärsaal, als sie denken: Ein Kurs soll Männern das aufzeigen und ihnen Unsicherheiten nehmen. Bild: Getty

Andrea Lang hat gerade wieder einem neuen Menschen auf die Welt geholfen. «Allen geht es gut, alle sind glücklich.» Als Doula begleitet die St. Gallerin werdende Eltern im Gebärsaal. Emotional, nicht medizinisch, zusätzlich zur Hebamme. «Der Mann hat sein viertes Kind begrüsst, zum ersten Mal hat er sich bei der Geburt sinnvoll und eingebunden gefühlt.»

Immer wieder erlebt Lang, wie hilflos sich Männer neben der Gebärenden fühlen. Deshalb plant sie nun einen Geburtsvorbereitungsabend unter Ausschluss der Frauen. Nur für werdende Väter. Männer, ihre Unsicherheiten rund um die Geburt und ein kühles Bier. «Die Männer sind für mich die wertvollsten Teammitglieder im Gebärzimmer. Sie verstehen ihre Frau besser als jeder andere und spüren, was sie braucht. Ob sie etwa nur einen Einbruch hat, oder tatsächlich am Ende ist und Schmerzmittel benötigt», sagt Lang. Der Abend solle Männer aufzeigen: «Ein sicherer Mann macht eine starke Gebärende.»

Wenn der Frust ein gutes Zeichen ist

An ihrem Männerabend lässt Lang Beckenanatomie beiseite, hält sich bei medizinischen Fakten kurz. Ihr geht es um Herz und Kopf, um Verständnis für die Frau im Ausnahmezustand. Elementar erscheint der 45-Jährigen, dass Männer den Ablauf einer Geburt kennen: die Eröffnungsphase, dann die Übergangsphase, in der die Schmerzen stark sind und die Geburt oft stockt.

«Reagiert die Frau frustriert, soll sich der Mann nicht einschüchtern lassen. Er kann diese Emotionen positiv werten. Sie zeigen, dass es nicht mehr lange dauert bis zur Austreibungsphase mit den Presswehen.»

Mitgeben auf den Weg will sie Männern zudem Gedanken wie: Nichts persönlich nehmen, was während der Geburt geschieht. Die Frau macht eine Grenzerfahrung, schiebt seine Hand dabei auch mal unsanft weg, wenn sie Distanz braucht. «Wird es dem Mann im Gebärsaal zuviel, kann er die im mentalen Training verankerten Wohlfühlbilder abrufen», sagt Lang. Steigt die Angst trotzdem hoch, rät sie den werdenden Vätern, den Gebärsaal kurz zu verlassen. Der Mann müsse sich nicht nur um die Partnerin kümmern, sondern auch um sich selber. «Er darf ohne schlechtes Gewissen essen gehen. Dafür kehrt er kraftvoll zurück.»

Bei herkömmlichen Geburtsvorbereitungskursen begleiten Männer ihre schwangeren Partnerinnen üblicherweise an ein oder zwei Abenden. Genügt das nicht, um Bedenken zu zerstreuen? Andrea Lang verneint. Sie erhofft sich mehr Fragen, andere, ehrlichere Gespräche, wenn Männer unter sich sind.

Braucht es dazu Bier? «Es steht für den kollegialen, entspannten Rahmen. Dafür, dass sich niemand für seine Ängste schämen muss.»

Lang erwartet nicht, dass sich der Kurs schnell füllt. «Es geht mir auch darum, auf das Thema aufmerksam zu machen.» Und noch eine Mission verfolgt sie damit: Immer wieder hört Lang Männer Geburtserlebnisse in grosser Runde aufbauschen. «Sie hat geschrien wie ein Tier», heisst es dann, gefolgt von lautem Lachen. «Solche Kommentare sind erniedrigend. Eine Gebärende muss die Kontrolle über ihren Körper abgeben, ist von Hormonen gesteuert. Mein Kurs beugt hoffentlich auch solchen Sprüchen unter Männern vor.» Auf der Gegenseite fordert sie Frauen auf, sich einzugestehen, dass es dem Partner widerstreben kann, sie zur Geburt zu begleiten. Weil ihm in Spitälern unwohl wird, er kein Blut sehen kann. «Heute ist der Druck, dass er dabei sein muss, fast zu gross.»

«Ein passendes Angebot in Zeiten der Gleichberechtigung»

Eine kleine Umfrage zeigt: Das Angebot spaltet die Gemüter. «Ohne die Anwesenheit von Frauen über das Thema Geburt zu reden, kommt mir schräg vor. Es gibt Dinge, die wir Männer bei aller Empathie nie ganz verstehen werden», sagt ein zweifacher Vater. Uwe Spirig, Präsident des St.Galler Vereins ForumMann, hält den Kurs für sinnvoll: «Heute beteiligen sich Männer immer häufiger an der Kindererziehung. Ihr Interesse für die Familie beginnt nicht erst, wenn das Kind da ist, sondern schon vor der Geburt.»

Isabell Ackermann, Chefhebamme der Frauenklinik am Kantonsspital St.Gallen, begrüsst den neuen Kurs ebenfalls: «In Zeiten der Gleichstellung ist ein solches Angebot angebracht.» Der Abend könne Männern die zu hohen Erwartungen an sich selber nehmen. «Nicht jeder muss seiner Frau das Kreuz massieren. Da und verständnisvoll sein, ist oft schon genug.»

Geburtsvorbereitung für den Mann, 15. November 2019, www.geborgen-gebären.ch