«Tarzan» aus Mogadiscio

Am Samstag besuchte der Stadtpräsident der somalischen Hauptstadt Mogadiscio seine Landsleute in der Ostschweiz. Weltpolitik machte Station im Adlersaal in St. Georgen.

Corinne Riedener
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Geschenke für den Stadtpräsidenten von Mogadiscio: Mohamoud Ahmed Nur am vergangenen Samstag mit einer in der Ostschweiz lebenden Somalierin im Adlersaal in St. Georgen. (Bild: Corinne Riedener)

Geschenke für den Stadtpräsidenten von Mogadiscio: Mohamoud Ahmed Nur am vergangenen Samstag mit einer in der Ostschweiz lebenden Somalierin im Adlersaal in St. Georgen. (Bild: Corinne Riedener)

Man stelle sich vor: Stadtpräsident Thomas Scheitlin könnte sein Haus nur in Begleitung bewaffneter Leibwächter verlassen. Und er müsste mit der Angst leben, dass ein Familienmitglied entführt werden könnte. Undenkbar in der sicheren Schweiz. Für Mohamoud Ahmed Nur ist das Alltag. 2011, kurz nach dem Amtsantritt als Stadtpräsident von Mogadiscio, der Hauptstadt Somalias, wurde das erste Attentat auf ihn verübt. Er entging knapp einer Autobombe. 2012 folgte das zweite Attentat.

Seit 2010 Stadtpräsident

Mohamoud Ahmed Nur wanderte 1993, einige Jahre nach Beginn des somalischen Bürgerkrieges, nach London aus. Dort lebt er bis heute zeitweise aus Sicherheitsgründen. In Grossbritannien arbeitete er als Personalberater. 2006 liess er sich für die Labour Party als Kandidat für einen Londoner Stadtratssitz aufstellen. Ohne Erfolg. Seit Herbst 2010 ist Mohamoud Ahmed Nur Stadtpräsident von Mogadiscio. Für die Einheimischen im gescheiterten Staat am Horn von Afrika wie für die somalische Diaspora gilt er als Held und Hoffnungsträger. Vergangenen Samstag kam Mohamoud Ahmed Nur auf Einladung des Somalischen Integrationsvereins Ostschweiz (Sivo) in den Adler-Saal nach St. Georgen. Möglich sei das geworden, weil Nur am Symposium an der HSG teilgenommen habe, erzählt Sivo-Präsidentin Leyla Kanyare.

Viele Erwartungen

Eigentlich hätte der Anlass am Samstag punkt 15 Uhr beginnen sollen. Der Ehrengast verspätet sich aber. Und das angekündigte Team des somalischen Universal TV ist noch nicht eingetroffen. Es steht, wie viele andere Gäste des Anlasses, im Stau. «Wir Somalier sind nicht berühmt für unsere Pünktlichkeit», lächelt Kanyare. «Es wird schon irgendwie klappen.» Sie ist sichtlich erleichtert, als sich der Saal gegen 16.30 Uhr endlich füllt. Man kann die Erwartung förmlich spüren. Somalische Flaggen und Fotos von Nur hängen an den Wänden. Die Männer tragen ihre besten Anzüge, die Frauen traditionelle Röcke und Kopftücher in allen Farben. Auf der Bühne singt Abdul Muri, der beliebteste DJ der somalischen Diaspora in der Schweiz, wie Kanyare verrät. Und dann kommt er: Mohamoud Ahmed Nur oder «Tarzan», wie der Politiker genannt wird. Zusammen mit seiner rechten Hand Cabdi Kaafi Hilowle Cismaan bahnt er sich den Weg zur Bühne, begleitet vom Blitzlichtgewitter und dem Jubel der rund 200 Gäste. Es folgen Umarmungen, Folklore und Gedichte. Dann richten «die Ältesten», und in der Integration Engagierte, Worte an die Festgemeinde.

Wiederaufbau am Anfang

Als Nur endlich aufsteht, wird es mucksmäuschenstill im Saal. Er ist sympathisch, leidenschaftlich und wortgewandt. «Somalia, ha nolato! – Lang lebe Somalia!», skandiert das Publikum immer wieder. Tarzan, der «Beschützer im Mogadiscio-Dschungel» erzählt von seiner Arbeit in der Hauptstadt. Die Rede ist von Korruption, vom Wiederaufbau und von den Tonnen von Abfall und Schutt, die er entsorgen lassen konnte. Von der Strassenbeleuchtung, die er wieder instand setzen liess. Von islamistischen Al-Shabaab-Milizen, die ihm und seiner Stadt das Leben schwermachen.

Standortmarketing in Somalia

Das grösste Problem Nurs: die Beschaffung von Geldern, um seine Ideen zu verwirklichen. «Insbesondere ausländische Investoren sind schwer zu begeistern.» Und plötzlich gibt's doch Parallelen zwischen dem somalischen Stadtpräsidenten und seinem St. Galler Amtskollegen: Mohamoud Ahmed Nur redet von Standortmarketing und Wirtschaftsförderung. Und noch eine Parallele: Zu Beginn seiner Amtszeit verteilte Thomas Scheitlin 50-Franken-Einkaufsgutscheine an die Stadtbevölkerung. Mohamoud Ahmed Nur organisierte ein Musikfestival und gründete ein Frauenbasketballteam…

«Kluge Köpfe fördern»

In seiner einstündigen Ansprache im Adlersaal macht Nur seinen Landsleuten Mut. Sie müssten schlechte Erinnerungen und Vorurteile gegenüber der Heimat beiseite schieben, selber einen Blick nach Somalia werfen. «Wir haben viel verändert. Wir müssen jetzt zusammenhalten und selbstbewusster werden», sagt er. Die Feindschaften zwischen den Clans müsse ein Ende haben. Nur so könne sich Land und Wirtschaft stabilisieren. Somalia sei ein reiches Land. Es gehe darum, die Wirtschaft wieder aufzubauen und «kluge Köpfe zu fördern».