ST.GALLEN: Sumo-Ringen im Feldli

In der Primarschule Feldli-Schoren besuchen Erst- und Zweitklässler bis zum Ende des Schuljahres einen Kurs im Sumo-Ringen. Bevor der Kampf beginnt, vertreiben sie böse Geister.

Katharina Brenner
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1. und 2. Klässler der Primarschule Feldli-Schoren lernen Sumo Ringen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

1. und 2. Klässler der Primarschule Feldli-Schoren lernen Sumo Ringen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

ST.GALLEN. Zwei Ronaldos und zwei Neymars sitzen am Dienstagmorgen in der Turnhalle der Primarschule Feldli-Schoren. Zumindest stehen die Namen der Fussballer auf den Trikots, die vier Erst- und Zweitklässler tragen. Doch heute geht es nicht um Fussball, sondern um Sumo. Bis zum Ende des Schuljahrs unterrichtet Oliver Paganini von der Judoschule Feldenkrais, Rehetobel, jeden Dienstag Sumo im Feldli. Es ist das gleiche Programm, für die Buben von acht bis neun, für die Meitli von neun bis zehn Uhr. An diesem Morgen findet der Kurs bereits zum zweitenmal statt.

Wasser für die innere Reinigung

«Erst spülen wir den Mund aus für die innere Reinigung», sagt Paganini. Der Lehrer und die 18 Buben tun so, als würden sie ein Glas vom Boden aufheben, einen Schluck nehmen und dann das Wasser ausspucken. Dafür wenden sie sich ab vom Seil, um das sie stehen. Es liegt in der Mitte der Halle und formt den Ring, in dem sie später kämpfen werden.

Als nächstes streuen die Schüler und der Lehrer Salz. «Echte Sumo-Ringer nehmen echtes Salz. Wir stellen uns vor, wir hätten welches», sagt Paganini. Manche Buben schütteln ihre Hände, andere machen ausladende Bewegungen mit den Armen. Das Ritual des Salzes sei zur äusseren Reinigung da, um die bösen Geister zu vertreiben, sagt Paganini. Es seien Gedanken wie: «Ich bin blöd. Ich bin schwach. Ich verliere. Ich bin dick.»

Mit voller Wucht auf den Boden

Anschliessend gehen alle in die Hocke und klatschen einmal. Dann heben sie die Arme und öffnen die Hände. Damit zeigen sie, dass sie unbewaffnet sind. «Jetzt kommt das Stampfen», sagt Paganini. Manche Kinder verlagern ihr ganzes Gewicht auf das eine Bein, heben das andere an und treten dann mit voller Wucht auf den Boden. Andere schwanken auf einem Bein, verlieren fast das Gleichgewicht. Wieder andere machen nur kleine, zaghafte Bewegungen.

Nach dem Stampfen geht es noch einmal in die Hocke, dann berühren die Schüler mit den Fäusten den Boden. «Und der Kampf kann beginnen», sagt Paganini. Die Buben und die Meitli rufen: «Ja!» Manche hüpfen vor Freude. Bevor je zwei Schülerinnen und zwei Schüler gegeneinander antreten, müssen sie die eben gelernten Rituale wiederholen: Wasser, Salz, Hocke, klatschen, Hände, stampfen, Hocke, Fäuste.

Nur wenige Regeln

Los geht's. Eine Schülerin packt die andere an den Oberarmen, die andere zieht sofort nach. Eng umklammert schieben sie sich durch den Ring, bis die erste am Boden liegt. Die nächsten beiden sind dran. Und so weiter, bis alle einmal gekämpft haben. Bei den einen geht es schneller, bei den anderen langsamer. Wer mit einem anderen Körperteil als dem Fuss den Boden oder den Boden ausserhalb des Rings berührt, hat verloren. «Weitere Regeln muss ich nicht erklären», sagt Paganini. Das möchte er auch gar nicht. Denn vor allem bei den Buben führe das häufig dazu, dass sie Ausnahmen und Schlupflöcher in den Regeln suchten.

Zweimal schreitet der Lehrer am Dienstag ein: einmal bei den Buben und einmal bei den Mädchen. Einmal feuern die Buben, die um den Ring sitzen, einen der Kämpfer an. Sie rufen seinen Namen. Die Mädchen machen dasselbe für eine Mitschülerin. Paganini sagt, das wolle er nicht hören. Niemand werde bevorzugt.

Es geht um Gerechtigkeit

«Für uns ist Fairness ein grosses Thema», sagt Klassenlehrerin Cécile Scheuber. Daraus sei die Idee entstanden, eine Kampfsportart zu lernen. Sie habe erst an Judo gedacht, aber die Regeln seien da zu komplex. Das bestätigt Judolehrer Paganini. «Bis die Kinder die Regeln begriffen hätten, wäre das Schuljahr vorbei.» Beim Sumo kämpfen sie bereits in dieser zweiten Stunde. Die Rituale sorgten für Ruhe und Konzentration, sagt Paganini. Deshalb komme es auch nicht zu Schlägen oder Tritten.

Frage an die Mädchen: Wie findet Ihr Sumo? «Cool» und «super», sagen sie. Und was gefällt ihnen am besten? «Das Kämpfen». Es sei das erste Mal, dass sie Sumo ringen. «Aber», fügt ein Meitli hinzu, «ich habe schon einmal mit meinem Bruder gekämpft.»

1. und 2. Klässler der Primarschule Feldli-Schoren lernen Sumo Ringen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

1. und 2. Klässler der Primarschule Feldli-Schoren lernen Sumo Ringen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Dem Gegner zeigen, dass man unbewaffnet ist: Die Kinder lernen von Oliver Paganini die Rituale des Sumo-Ringens – und was Fairness heisst. (Bild: Urs Bucher)

Dem Gegner zeigen, dass man unbewaffnet ist: Die Kinder lernen von Oliver Paganini die Rituale des Sumo-Ringens – und was Fairness heisst. (Bild: Urs Bucher)

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