Pilgerbleibe im Linsebühl

Der Jakobsweg führt auch durch St.Gallen. Wer hier ein Dach über dem Kopf braucht, findet es in der Herberge im Linsebühl. Ende dieser Woche schliesst der Verein dahinter seine achte Saison in der Stadt mit einem Gottesdienst ab.

Kathrin Reimann
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Seit acht Jahren finden Pilger aus aller Welt einen günstigen Schlafplatz in der Herberge über dem Velogeschäft an der Linsebühlstrasse. (Bild: Beat Belser)

Seit acht Jahren finden Pilger aus aller Welt einen günstigen Schlafplatz in der Herberge über dem Velogeschäft an der Linsebühlstrasse. (Bild: Beat Belser)

Wer kein Pilger ist, übersieht sie schnell. Viele wissen nicht einmal von ihrer Existenz: Dabei gibt es die St.Galler Pilgerherberge seit über sieben Jahren und bietet müden Pilgern eine einfache, aber gemütliche Bleibe mitten im Linsebühlquartier.

Pilger aus Korea, Polen, Kanada

Ins Leben gerufen wurde die Herberge von St.Galler Pilgern, darunter Josef Schönauer, der Präsident des Vereins Pilgerherberge St.Gallen und ein «infizierter Pilger der ersten Stunde». 2745 Pilger haben seit der Eröffnung in der umfunktionierten Wohnung übernachtet. Die meisten sind Schweizer oder Deutsche. «Wir haben aber auch Gäste aus Korea, Litauen, Polen, Amerika, Kanada oder Australien», sagt Schönauer. «Pilgern ist ein Hype, viele machen es, weil es in Mode ist», sagt der 63jährige Spitalseelsorger. So habe das Pilgerbuch von Komiker Hape Kerkeling viele Deutschsprachige zum Pilgern bewegt. «Den Herbergen hat er allerdings geschadet, die kommen äusserst schlecht weg im Buch.» Schönauer vermutet, dass jährlich 1000 Personen durch St.Gallen pilgern, von diesen übernachten aber nur 310 in der Herberge. «Viele starten von hier aus oder kommen völlig erschöpft bei uns an, weil sie sich für ihre erste Etappe von Rorschach nach St.Gallen zu viel vorgenommen haben.»

Mit Rollstuhl auf Jakobsweg

Wer in der Herberge übernachten will, braucht einen Pilgerpass und wird nach 16 Uhr von einem Hospitalero empfangen. Dieser freiwillige Herbergenbetreuer weist ihm dann ein Zimmer, entweder im Zweibett- oder in einem der beiden Vierbettzimmer, zu und hat meist auch ein offenes Ohr, wie Marie-Theres Zenhäusern – Hospitalera der ersten Stunde – weiss. «Manchmal erzählen die Pilger einem ihr halbes Leben, noch bevor sie unter der Dusche stehen.» Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein 19jähriger Pilger, der sich nach Abbruch seines Studiums auf den Weg machte, um zu ergründen, was er überhaupt mit seinem Leben machen wolle. «Das ist aber nur eine von vielen interessanten Begegnungen. Viele Pilger machen sich aufgrund einer Krise in einem Lebensbereich auf den Weg.» Andere würden einfach die Freiheit oder das Unterwegs- sein schätzen.

Josef Schönauer erinnert sich auch an eine Pilgerin im Elektrorollstuhl, die erst kaum in die Herberge hineinkam, und als sie dann weiterreisen wollte, merkte, dass ihre Batterie leer und sie nur die deutsche Steckdose dabei hatte. «Diese Frau hat es aber tatsächlich bis nach Santiago de Compostela geschafft.»

Frei von modernen Medien

An unerfreuliche Erlebnisse erinnert sich Schönauer indes kaum. «Wir hatten ab und zu Gäste hier, die gar nicht pilgerten, sondern nur an einer günstigen Übernachtung interessiert waren.» Dabei hält sich der Verein mit seinem Angebot bewusst im Hintergrund. «Die Herberge ist nicht angeschrieben, einzig die Muscheln an Fenster und Türe verraten, dass wir hier sind.» In der Herberge warten auf die Pilger eine Stube mit Informationen zur Stadt, ein Waschraum, eine Küche zum Selberkochen und die obligate Jakobsfigur darf auch nicht fehlen. Eine grosse Terrasse lädt ausserdem zum Verweilen bei gutem Wetter ein. Was man vergeblich sucht, sind Radio, Fernseher oder Internet. Finanziert wird die Herberge durch den Verein, welcher sich monatlich trifft und 150 Mitglieder zählt. Für die Wartung der Herberge sind 25 Freiwillige zuständig. Diese stammen vor allem aus der Region, aber auch aus Bregenz oder dem Zürcher Oberland.

Vom November bis zum April ist die Herberge jeweils geschlossen. Aus diesem Grund findet am 30. Oktober, 19.30 Uhr, ein regionaler Pilgergottesdienst in der Schutzengelkapelle am Klosterplatz statt.

www.pilgerherberge-sg.ch