Kritik an «unfairem Verfahren»

ST.GALLEN. Ein Basler Büro hat den Architekturwettbewerb für die Schulanlage St. Leonhard gewonnen. Im Internet gibt's jetzt massive Kritik am Auswahlverfahren. Für Stadtbaumeister Erol Doguoglu ist aber alles «mit rechten Dingen» zugegangen.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Die kritisierten Punkte am Siegerprojekt für die Schulanlage St. Leonhard: Auf beiden Seiten greife es in den Bereich geschützter Bäume (rote Punkte) ein. Zudem seien die Abstände zu Pestalozzi- und Kesslerstrasse sowie die Baulinie an der Davidstrasse (hell- und dunkelrote Flächen) nicht eingehalten. (Bild: Illustration: Ben Huser)

Die kritisierten Punkte am Siegerprojekt für die Schulanlage St. Leonhard: Auf beiden Seiten greife es in den Bereich geschützter Bäume (rote Punkte) ein. Zudem seien die Abstände zu Pestalozzi- und Kesslerstrasse sowie die Baulinie an der Davidstrasse (hell- und dunkelrote Flächen) nicht eingehalten. (Bild: Illustration: Ben Huser)

Das Projekt «joeandmary» für Sanierung und Ausbau des Schulhauses St. Leonhard im St. Galler Bahnhofquartier verletze zentrale Vorgaben aus dem Architekturwettbewerb. Während 37 andere Eingaben mit solchen Verstössen von der Preisverteilung ausgeschlossen worden seien, habe dieser Entwurf gewonnen, kritisiert ein Planer und Architekt, der am Wettbewerb teilgenommen hatte.

Kritik breit gestreut

So wie es gelaufen sei, hinterlasse das Verfahren einen «mehr als einen schalen Geschmack, vor allem was die Gleichstellung in der Beurteilung der Projekte betrifft», schreibt Ben Huser in seinem Internetauftritt (benhuser. wordpress.com). Die gleiche Kritik verbreitete er am Wochenende bereits auch über Twitter.

Konkret kritisiert Huser drei Punkte, die seiner Meinung nach Verstösse gegen die Wettbewerbsvorgaben darstellen. Das Projekt greife teils in den Bereich geschützter Bäume ein. Zudem seien die Strassenabstände des Neubaus gegenüber der Kessler- und der Pestalozzistrasse nicht eingehalten. Weiter überschreite «joeandmary» die vorgegebene Baulinie entlang der Davidstrasse.

Gute Argumente gegen Kritik

Schiebung bei einem Architekturwettbewerb der Stadt? Solche Vorwürfe gab es – meist nur in Architektenkreisen und hinter vorgehaltener Hand – in der Vergangenheit immer wieder einmal. Hat jetzt einer die Direktion Bau und Planung auf frischer Tat beim Schummeln erwischt? Was politisch äusserst brisant wäre.

Stadtbaumeister Erol Doguoglu argumentiert allerdings überzeugend gegen die Vorwürfe. Gestern dazu befragte externe Baufachleute, die unisono in der Zeitung nicht genannt sein wollen, fanden die Argumente des Stadtbaumeisters «nachvollziehbar».

Die Kritik an der Jurierung des Wettbewerbs für die Schulanlage St. Leonhard sei nicht haltbar, betont Erol Doguoglu. Die Annahmen des Kritikers, mit dem er per E-Mail Kontakt habe, basierten auf falschen Interpretationen. Das Projekt «joeandmary» erfülle die Kriterien des Wettbewerbs. Es sei nach einhelliger Meinung der Jury ein gelungener Ansatz zur Lösung der gestellten Aufgabe, und zwar einer, bei dem ebenerdig und nicht nach unten gebaut werde.

Verfahren im Glashaus

So, wie die Stadt ihre Architekturwettbewerbe durchführe, sei es auch nicht vorstellbar, dass jemand ein Lieblingsprojekt einfach durchwinken könne, ist Erol Doguoglu sicher. Resultate und Juryberichte seien öffentlich und würden interessenhalber immer von externen Fachleuten begutachtet. Auch der Bericht über die St. Leonhard-Jurierung sei im Internetauftritt der Stadt abrufbar. Dazu komme, dass ins Verfahren viele, auch externe Fachleute involviert seien. Dass eine Projektidee den technischen und rechtlichen Vorgaben entspreche, werde im Wettbewerb mehrfach und detailliert überprüft. Wenn da etwas schieflaufen würde, werde das angesichts der vielen Involvierten sehr schnell publik.

Viele Projekte mit Verstössen

Der Kritiker fasse den Jurybericht bezüglich Ausschluss von Projekten sehr grob zusammen. Dadurch entstehe ein falsches Bild, geht der Stadtbaumeister auf die konkreten Kritikpunkte ein. Man habe keines der 37 erwähnten Projekte wegen eines Verstosses gegen Vorgaben aus dem Wettbewerb geworfen.

Aufgrund von Verstössen gegen Strassenabstände und maximale Überschreitung der Baulinie an der Davidstrasse seien 18 Projekte von einem Preis ausgeschlossen worden. Rangiert habe man sie trotzdem. Eines sei auf dem fünften Platz gelandet. Bei 18 Projekten habe man Verstösse gegen geschützte Bäume festgestellt. Da der Baumschutz bei einer solchen Projektierung letztlich schwer zu beurteilen und zudem für Einzelbäume auch nicht absolut sei, habe die Feststellung an sich keine Folgen gehabt. Eines dieser Projekte sei auf Platz zwei gelandet. In der Endauswahl habe der weniger rücksichtsvolle Umgang mit geschützten Bäumen dann durchaus Einfluss gehabt.

Mäuerchen zählt nicht mit

Das Siegerprojekt «joeandmary» kann gemäss Stadtbaumeister Erol Doguoglu den Baumschutz einhalten. Das Gleiche gelte für die Abstände zur Kessler- und zur Pestalozzistrasse. Gegenüber der Kesslerstrasse sei das kein Problem. Und bei der Abstandsberechnung gegenüber der Pestalozzistrasse spiele – gemäss Baupolizei – eine zum Projekt gehörende Umfriedungsmauer keine Rolle. Dieses Detail habe man explizit abgeklärt, um sicher zu sein, dass das Projekt in dieser Beziehung bewilligungsfähig sei.

Dogouglu bestätigt, dass das Siegerprojekt die Baulinie gegenüber der Davidstrasse nicht vollständig einhält. Allerdings: Diese geringfügige Überschreitung sei gemäss Vorgaben des Wettbewerbs ausdrücklich möglich. Sie entspreche jener, die man vor Jahren beim benachbarten Haus Davidstrasse 38 toleriert habe. Sie sei damit kleiner als die heutige Überschreitung der Baulinie durch die bestehende Turnhalle von 1962. Der Neubau sei damit also sehr wohl bewilligungsfähig.

Aktuelle Nachrichten