Er stammt von einem Findelkind ab

Wolf Seelentag hat nicht nur die eigene Familiengeschichte erforscht. Er unterstützt auch Leute aus aller Welt dabei, ihre St. Galler Ahnen zu suchen. Und lebt dabei seinen Detektivtrieb aus.

Christina Weder
Drucken
Teilen
Familienforscher Wolf Seelentag mit einem Bürgerregister im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Familienforscher Wolf Seelentag mit einem Bürgerregister im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Für Wolf Seelentag ist das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde fast wie ein zweites Zuhause. Er weiss, wo was im Regal steht. Mit sicherem Griff zieht er gedruckte Bürgerbücher aus dem Regal oder schwere Bürgerregister mit handgeschriebenen Einträgen in alter Schrift. Es sind für ihn wichtige Quellen.

Seelentag betreibt Familienforschung. Als er noch als leitender Physiker am Kantonsspital St. Gallen arbeitete, war sie sein grösstes Hobby. Seit seiner Pensionierung vor drei Jahren ist er zu mindestens 30 Prozent damit ausgelastet. Seelentag erhält Anfragen von Personen aus aller Welt – aus Chicago, Paris und Hamburg. Er unterstützt sie dabei, ihre St. Galler Vorfahren ausfindig zu machen. Als Vizepräsident der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz hat er den morgigen Tag der offenen Tür zur Familienforschung im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen initiiert (siehe Zweittext).

Zu Hause hängt kein Stammbaum an der Wand

Seine eigene Familiengeschichte hat Wolf Seelentag intensiv recherchiert. Er stammt in sechster Generation von einem bayrischen Findelkind ab, das am 2. November 1792 – an Allerseelen – in einem kleinen Dorf bei Augsburg gefunden wurde. Daher wurde es vom Pfarrer auf den Nachnamen Seelentag getauft.

Er kenne alle Seelentags, die weltweit gelebt haben, sagt Wolf Seelentag – natürlich nicht alle persönlich. Seinen Stammbaum hat er trotzdem nicht zu Hause gerahmt an die Wand gehängt, wie man das von einem Genealogen erwarten könnte. «Der Stammbaum alleine interessiert mich nicht.» Es gehe ihm darum, diesen mit Leben zu füllen. Er will die Lebensumstände seiner Vorfahren recherchieren und setzt sich mit der lokalen und regionalen Geschichte auseinander – etwa mit der Frage, welches Leben Findelkinder vor 200 Jahren führten.

«Die Beschäftigung mit Familiengeschichtsforschung schafft einen persönlichen Bezug zur Geschichte», sagt Seelentag. Wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetze, denke anders über die Gegenwart nach. Auf dieser Basis bilde er sich auch seine Meinung zu heutigen politischen Ereignissen, indem er sich frage, wie bestimmte Probleme früher gelöst wurden.

«Die Toten laufen nicht davon»

Einsteigern, die nach ihren Vorfahren suchen, rät Wolf Seelentag, nicht gleich als erstes ins Archiv zu eilen, sondern zuerst einmal in der eigenen Familie nachzuforschen. Dazu gehört, das Familienbüchlein und alte Fotos herauszusuchen oder Oma und Opa zu fragen. «Man sollte zuerst mit den Lebenden sprechen, die Toten laufen nicht davon.» Je mehr Informationen man für die Forschung im Archiv mitbringe, desto erfolgversprechender werde diese. Wichtig sei auch, historische Schriften lesen zu lernen. Entsprechende Schriftenlesekurse führt das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde regelmässig durch. Das alles brauche Zeit. Für Seelentag ist klar: «Entweder ist einem der Aufwand zu gross, oder man wird süchtig.» Bei ihm war das zweite der Fall.

In der Familienforschung könne er seinen Detektivtrieb ausleben. Sie stellt ihm Rätsel, die er knacken muss. Sie ist wie ein Puzzle, dessen Teile er finden und richtig zusammensetzen muss. Wenn ihm das gelingt, sei es gleichsam eine Befriedigung und Bestätigung.

Auf der Suche nach den Ahnen könne jede Information hilfreich sein, auch wenn sie dem Laien noch so unwichtig erscheine. Wenn es darum geht, im Archiv Quellen zu finden, hätten übrigens jene besonders gute Chancen, deren Vorfahren in irgendeiner Art unangenehm aufgefallen sind. «Es gibt nichts Besseres, als eine Hexe oder einen Kriminellen als Vorfahren zu haben.» Die Justiz sei eine zuverlässige Quelle. Bei unauffälligeren Vorfahren findet man dagegen oft bloss den Geburts-, Heirats- und Sterbeeintrag.

Aktuelle Nachrichten