Die jüngste Höchste

Ihre Heimatstadt ist St. Gallen, ihre Herzenssprache Spanisch. Und sie mag Bücher, in denen Menschen sterben. Heute abend wird Franziska Wenk zur jüngsten Präsidentin in der Geschichte des Stadtparlaments gewählt.

Malolo Kessler
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Franziska Wenk mag Überraschendes wie die Kajak-Installation von Roman Signer im Union-Gebäude. (Bild: Hanspeter Schiess)

Franziska Wenk mag Überraschendes wie die Kajak-Installation von Roman Signer im Union-Gebäude. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie hat Menschen gerne. Es ist vor allem ihre Verschiedenheit, die sie fasziniert. Und es sind die Menschen, um die es ihr geht in der Politik. «Auch wenn viel über Finanzielles oder Bauliches gesprochen wird, schliesslich geht es immer um Menschen. Das geht manchmal ein wenig vergessen», sagt Franziska Wenk. Heute abend wird die Grüne zur Stadtparlamentspräsidentin gewählt, zur höchsten St. Gallerin.

Nicht ungern im Mittelpunkt

Das Amt sehe sie als Herausforderung, sagt Franziska Wenk, die mit 30 Jahren die jüngste Präsidentin in der Geschichte des Parlaments ist. Besonders freut sie sich auf die repräsentativen Aufgaben: An Veranstaltungen eingeladen zu werden, an die sie sonst nicht eingeladen würde. Menschen kennenzulernen, die sie sonst nicht kennenlernen würde. Im Mittelpunkt steht sie nicht ungern – «solange es mehr mit Inhalten als mit meiner Person zu tun hat».

Im Parlament nach dem Vizepräsidentinnen-Jahr hingegen für ein weiteres Jahr «auf's Maul zu hocken», könne wahrscheinlich bei gewissen Diskussionen schwierig werden. «Vor allem bei schulnahen Themen, bei Verkehrsdiskussionen, dem ganzen Velo-Auto-Hickhack.» Aber es gehöre halt einfach dazu.

Rückkehr nach Kolumbien

Franziska Wenk ist im kolumbianischen El Bordo geboren. Ihre Eltern – ihr Vater ist der stadtbekannte Halden-Seelsorger Charlie Wenk – haben dort für ein Entwicklungsprojekt gearbeitet. Die Familie kehrte zurück, als Franziska Wenk zweieinhalb Jahre alt war. «Obwohl ich mich nicht an diese Zeit zurückerinnern kann, ist Spanisch meine Herzenssprache geblieben», sagt sie. Mehr als 20 Jahre später ist sie dann in ihre zweite Heimat zurückgekehrt. «Es war wahnsinnig, die Leute haben mich auf der Strasse erkannt.» Sie lacht, ihre dunkeln Locken wippen auf und ab. Die Lebensfreude der Südamerikaner fasziniere sie nach wie vor. «Ihre Freude an kleinen Sachen. Dort braucht's weniger, um aus einer kleinen Begebenheit ein Fest zu machen.»

St. Gallen, die Provinzstadt

Nachdem sie das Lehrerseminar abgeschlossen und ein Jahr unterrichtet hatte, entschloss sie sich, in Fribourg Jura zu studieren. «Als Juristin kommt man mit so vielen Menschen in Kontakt, mit unglaublichen Lebenssituationen», sagt Franziska Wenk. «Es fordert mich heraus, Lösungen für Probleme zu finden. Das gefällt mir.» Nach dem Abschluss in Fribourg zu bleiben oder in eine andere Stadt als St. Gallen zu ziehen, sei nicht in Frage gekommen. Die Juristin ist stark mit ihrer Heimatstadt verbunden. «Mich stört, dass St. Gallen als Provinzstadt angeschaut wird, wo es doch so viel zu bieten hat.» Der grüne Ring etwa: «Dem sollten wir mehr Sorge tragen.»

Sie politisiert auf der Linie der Erklärung von Bern, ist seit 2006 im Vorstand des Vereins. Zur Politik gefunden habe sie nicht durch ihr Elternhaus, wie viele meinten. Dieses bezeichnet sie als «kein unpolitisches, aber kein parteipolitisches Haus». Zur Politik gefunden habe sie vor allem durch die Antiglobalisierungsbewegung ums Jahr 2000. Von der Globalpolitik kam sie zur Lokalpolitik: 2004 schaffte Franziska Wenk den Sprung ins St. Galler Stadtparlament. Eine politische Karriere plant sie aber nicht, will sie nicht planen. «Politik alleine wäre für mich ein zu schmaler beruflicher Weg.»

Ein fragender Mensch

Franziska Wenk hat Menschen gerne. Vor allem die, die hinterfragen. «Ich bin selbst auch ein fragender Mensch.» Manchmal hat sie es aber auch gerne, wenn Menschen sterben – in Büchern. «Ich bin ein Krimi-Fan.» Sie suche die Spannung, das Überraschende in Büchern wie im Leben. Und gerne auch in der Politik.