ST.GALLEN: Der Schneider und die Designerin

Cosimo Urgesi ist der letzte Feinmassschneider in der Stadt. Seit über 40 Jahren schneidert er modebewussten St. Gallern den schicken Zwirn auf den Leib. Jetzt gibt er sein Wissen an die St. Galler Designerin Ly-Ling Vilaysane weiter.

Katharina Brenner
Drucken
Teilen
Die Designerin Ly-Ling Vilaysane und der Feinmassschneider Cosimo Urgesi entwerfen Anzüge in ihrem gemeinsamen Atelier. (Bild: Michel Canonica)

Die Designerin Ly-Ling Vilaysane und der Feinmassschneider Cosimo Urgesi entwerfen Anzüge in ihrem gemeinsamen Atelier. (Bild: Michel Canonica)

ST.GALLEN. Es klingelt. Die Modedesignerin Ly-Ling Vilaysane drückt den Türöffner in ihrem Atelier an der Bahnhofstrasse 15. Auf der Treppe sind Schritte zu hören, dann betritt ein Mann den Raum. «Sind die Kleider im Flur von Ihnen?», fragt er. «Ja», sagt Vilaysane, die seien eben erst angekommen. «Der Wahnsinn. Wenn das meine Frau sehen würde», sagt der Mann und lacht. Dann geht er auf Cosimo Urgesi zu. Der Schneider teilt sich seit gut einem Monat das Atelier mit Vilaysane. Seine Brille sitzt weit unten auf der Nase. Er schaut über das Brillengestell hinweg statt durch die Gläser. Urgesi lächelt und grüsst den Mann. Der reicht ihm eine Tasche und sagt: «Da müssten Sie bitte etwas ändern.»

Ausbildung mit elf Jahren

Änderungen an Hemden, Hosen und Jacketts sind ein Teil von Urgesis Arbeit. Mass nehmen und Anzüge nähen ein anderer. 1945 in Brindisi geboren, am Absatz des italienischen Stiefels, machte er bereits als Elfjähriger eine Ausbildung zum Schneider. Seit 45 Jahren lebt er in St. Gallen. Gut 20 Jahre arbeitete er für die Feinmassschneiderei Kotschi. Seit 1997 ist er selbständig.

Heute ist Urgesi der letzte Feinmasschneider in St. Gallen. Feinmass bedeutet mehr als massgeschneidert: «Ich brauche über 80 Arbeitsstunden für einen Anzug» sagt Urgesi. Der ist dem Kunden dann nicht nur auf den Leib geschneidert, sondern auch fast vollständig in Handarbeit gefertigt.

Wie das geht, möchte die 35jährige gebürtige Appenzellerin Vilaysane von Urgesi lernen. Sie hat in Paris Modedesign studiert. Dort hat sie vor zehn Jahren ihr Label «aéthérée» gegründet. 2009 hat sie ihr Atelier für Damen- und Herrenmode an der Bahnhofstrasse eröffnet. Ihre Kreationen sind elegant mit verspielten Details.

Faire Produktionsbedingungen seien ein wichtiges Thema für sie, sagt die Designerin. Sie verwendet hauptsächlich natürliche Materialien von europäischen Herstellern. Produziert werden ihre Kleider in Widnau. «Meine Produktionsfirma in der Ostschweiz bietet den besten Service in der Branche», sagt Vilaysane. Sie garantierten ihr die bestmögliche Verarbeitung, die sie sich für ihre Kleider wünschen könne.

Spontane Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit mit Urgesi sei spontan entstanden. Sie habe mitbekommen, dass er ein neues Atelier sucht, und ihm dann einen Raum neben ihrer Boutique angeboten. Er hat gleich zugesagt. «Ich will mein Wissen an die Jungen weitergeben», sagt Urgesi.

Gemeinsam möchten sie eine Herrenanzuglinie anbieten. Sie solle traditionelles Feinmasshandwerk mit modernem Design verbinden, sagen Vilaysane und Urgesi. Feinmass hat seinen Preis. Ein vollständig in Handarbeit gefertigter Feinmassanzug beginnt bei Urgesi bei 6500 Franken. Der Halbfeinmassanzug bei Vilaysanes Label «aéthérée», der teils maschinell gefertigt wird, soll gemäss der Designerin ab 2900 Franken kosten.

«Noch nie habe ich mit so teuren Stoffen gearbeitet wie jetzt», sagt Vilaysane. Auf dem grossen Holztisch im Atelier liegt ein graukarierter Stoff. Er stammt aus einem 500 Jahre alten englischen Unternehmen.

Der Blick des Schneiders

Neben dem Tisch steht ein Torso, der bereits erste Teile eines Jacketts aus dem englischen Stoff trägt. Der Kragen fällt locker. «Herr Urgesi hat mir gesagt, das Jackett sei zu lang», sagt Vilaysane. Sie habe erst gedacht, mit der Naht stimme etwas nicht, dann habe sie verstanden, was er meint. Cosimo Urgesi spricht gebrochen Deutsch, Vilaysane kein Italienisch. «Manchmal dauert es ein bisschen. Aber wir verstehen uns gut, stimmt's, Herr Urgesi?» Herr Urgesi lächelt und nickt.