Den Stapler stören die Kilos nicht

Wer sich nicht im Fitnessstudio quälen, aber dennoch ein paar Kisten stemmen möchte, der findet an einem Hubstapler Freude: Mühelos hebt er gewaltige Lasten. Ein Selbstversuch auf dem unbekannten Riesen.

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Der Hubstapler im Selbstversuch: Schwere «Klumpenschuhe» sind Vorschrift. (Bild: Urs Jaudas)

Der Hubstapler im Selbstversuch: Schwere «Klumpenschuhe» sind Vorschrift. (Bild: Urs Jaudas)

Das viereinhalb Tonnen schwere Gefährt steht einsam vor der Staplerfahrschule Eurostapler auf dem Güterbahnhofareal. Unter dem schwarzen Ledersitz rattert bereits der Dieselmotor des gewaltigen Hubstaplers, der bis zu zweieinhalb Tonnen heben kann.

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Pius Gschwend, Geschäftsleiter von Eurostapler, sagt: «Jeder kann Hubstapler fahren lernen. Die einzigen Voraussetzungen dazu sind eine einwandfreie Wahrnehmung, ein Mindestalter von achtzehn Jahren und absolute Nüchternheit.» Nicht zu vergessen sind die klumpigen Sicherheitsschuhe, ohne die niemand das Staplerareal betreten darf. Das Schild «Interaktiver, biomechanischer Sicherheitsschuhtester» vor der Schranke zum Staplerareal steht für einen Gummihammer. Mit diesem trifft Pius Gschwend den Schuh mit voller Kraft. «Der Schuhtest ist nötig. Denn: Eine Staplergabel auf den ungeschützten Fuss – das wollen Sie nicht erleben.»

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Der Selbstversuch zeigt: Staplerfahren hat mit Autofahren fast gar nichts gemein. Flink und wendig reagiert der Stapler auf jede Bewegung des Lenkrads. Mit höchster Präzision vermag der Stapler schwerste Lasten zu heben, zu transportieren und wieder zu senken. Seine Schaltung besteht lediglich aus drei Gängen – Vorwärts-, Leer- und Rückwärtsgang –, die auf der linken Seite unter dem Steuer wie der Blinker beim Auto angebracht sind. Den Sicherheitsgurt über die leuchtend orange Weste festgezogen, lässt sich der Stapler gefahrlos auf dem gesicherten Areal testen. In der ungeübten Hand ruckt und rüttelt es.

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Der Stapler brummelt, denn er hat ein sensibles Gemüt. Mit dem Gaspedal werden seine Bewegungen zügiger. Wumm! Nach dem ersten Schreck lässt sich die Staplergabel mühelos unter die Holzkiste führen. Sie hebt die schwerfällige Box – für sie beinahe ein Leichtgewicht – ohne Probleme hoch. Spielend leicht tänzelt sie hinauf, hinunter, zur rechten und zur linken Seite. Nun will die Kiste zur anderen Seite des Areals transportiert werden. Der Staplerfahrerin bleibt nichts anderes übrig, als auf kleinstem Raum zu wenden. Für die Kraftmaschine kein Problem. Sie dreht sich beinahe an Ort um ihre eigene Achse. Zuerst fährt der Stapler langsam, dann mit etwas Druck auf das Gaspedal verblüffend schnell rückwärts bis zum anderen Ende des Areals.

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«Auch auf dem Hubstapler ist der Blick nach hinten beim Rückwärtsfahren Pflicht», erklärt der langjährige Staplerinstruktor Gschwend. «Ein Stapler wie dieser kostet etwa 50 000 Franken», sagt Pius Gschwend, während er die Maschine im Auge behält, deren Gabel unter der Holzkiste wieder zum Vorschein kommt. Alle Staplerfahrzeuge wurden vor fünf Jahren neu gekauft. «Es ist wichtig, dass die Ausbildung mit modernen Geräten erfolgt, da diese auch in den Betrieben verwendet werden», erklärt er.

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Lange Zeit fuhr Pius Gschwend Lastwagen, für welche sein Herz heute noch leidenschaftlich schlägt – besonders jene der schwedischen Marke Scania. Nach sechs Jahren Lastwagen fahren, wobei er sich immer frei und unbesorgt gefühlt hatte, musste er sich jedoch entscheiden: Ehe oder Lastwagen. Pius Gschwend entschied sich für seine Frau, mit der er heute vier Kinder hat. Und für eine LKW-Fahrschule, die er im Jahr 1979 gründete. Seine Entscheidung bereut er bis heute nicht. Nur einen Traum hat er noch nicht zu Ende geträumt: «Noch einmal eine <Schwedenfuhr> machen und mit meinem Lastwagen gen Norden trucken.»

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Das Hubstapler-Diplom erhält man bei Eurostapler bereits nach einer viertägigen Ausbildung. Sie besteht aus einem Tag Theorie und drei Tagen Praxis. Übung macht den Meister – dieses Sprichwort scheint auch hier zu gelten. Schon nach einer Stunde Staplerschule ruckelt das Gefährt viel weniger, die Gabel fährt geschmeidiger und die Bewegungen verlaufen schneller. Wie eine zweite Hand fühlt sich die Gabel jedoch noch nicht ganz an.

Michèle Kalberer