Anarchisten im Salatbeet

ST.GALLEN. Eine Gruppe junger Autonomer besetzte kürzlich ein verwildertes Grundstück an der Fürstenlandstrasse. Die Nachbarn nehmen es gelassen. Genauso der Besitzer des Bodens.

Malolo Kessler
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Ein Biotop und viele Beete: Anarchisten haben aus dem einst verwahrlosten Grundstück einen Garten gemacht. Für jedermann. (Bild: Urs Bucher)

Ein Biotop und viele Beete: Anarchisten haben aus dem einst verwahrlosten Grundstück einen Garten gemacht. Für jedermann. (Bild: Urs Bucher)

Eine Vogelscheuche wacht über allem. Über den Salatköpfen, die in den Gartenbeeten spriessen. Über den Plastikstühlen, die da stehen, über der Hängematte, die hinter einem Gartenhäuschen hängt. Über Blumenkohl und Brombeeren. Bis vor rund zwei Monaten war das Grundstück an der Fürstenlandstrasse, gleich neben dem Aldi, verwildert und verwahrlost. Bis es eine Gruppe junger Anarchisten besetzte.

Das Land aufwerten

«Wir fühlten uns eingeengt», sagt einer von ihnen. Er sitzt unter einer abgewetzten Plane, die den Sitzplatz und die Feuerstelle überdeckt. Bierdosen stehen auf dem Tischchen in der Mitte, Tabak liegt da. «Für uns gab es nirgends Raum, in dem wir tun und lassen können, was wir möchten.» Die Anarchisten wollen weder sagen, wer sie sind, noch wie viele. Und auch nicht, woher sie kommen. Aber, was sie hier wollen. Aus dem Grundstück soll eine «blühende Oase» werden, «in der Blumen und Gemüse ohne Chemikalien gedeihen». Das Projekt nennen sie «Aktion grüner Daumen». Jeder, der wolle, könne vorbeikommen und mithelfen.

Vom brachliegenden Grundstück wusste die Gruppe schon länger. «Da dachten wir uns, bevor hier gar niemand etwas daraus macht, bevor es völlig verwildert, machen wir hier etwas.» So schrieb die anarchistische Gruppe einen Brief an den Grundeigentümer. «Darin stand, dass wir sein Land aufwerten.» Sie lachen. Am selben Tag, an dem der Eigentümer den Brief bekam, begannen sie bereits mit der Arbeit.

Keine Drogen, kein Gelage

«Ich war ziemlich überrascht, als ich den Brief bekommen habe», sagt Grundeigentümer Heiner Kreis. Er traf sich mit den jungen Anarchisten. «Ich wollte sie erst sehen, aber sie hatten das Grundstück ja sowieso schon besetzt.» Er stellte der Gruppe einige Bedingungen: keine Drogen, kein Gelage, keinen Abfall, keinen Ärger mit den Nachbarn. Von diesen habe er bislang nur positive Rückmeldungen bekommen. Ebenso die Anarchisten. «Die Nachbarn finden gut, was wir hier machen», sagt einer. Eine ältere Frau habe sogar einmal einen Dessert vorbeigebracht. «Vielleicht würden sie sonst nur in der Stadt herumhängen», sagt Heiner Kreis. «Daher finde ich es eigentlich gut, dass die Jungen hier etwas machen.»

Überbauung gescheitert

Auf der Parzelle des Unternehmers steht auch ein unbewohntes Haus. Verlottert, verdeckt von Sträuchern und Stauden, Brennnesseln und Brombeeren. Dieses Grundstück sowie ein ebenfalls verwahrlostes benachbartes Grundstück, das nicht Kreis gehört, war vor rund drei Jahren dem Stadtparlamentarier Thomas Meyer ein Dorn im Auge. Er reichte damals eine Einfache Anfrage ein, in der er unter anderem wissen wollte, ob ein Überbauungs- und Gestaltungsplan kein Thema sei.

In seiner Antwort schrieb der Stadtrat, dass Überbauungspläne bereits 2001 diskutiert worden seien. Das Bauprojekt scheiterte allerdings: Unter der Parzelle fliesst der Moosbach, der bei einer Überbauung offengelegt werden müsste. Seither verwildern die Grundstücke. Das könnte sich aber bald ändern – und nicht nur, weil die Anarchisten aufräumen. Laut Heiner Kreis hat sich ein Interessent das Kaufrecht für das Land gesichert. «Es ist also gut möglich, dass hier bald etwas geht.»

Bis die Baumaschinen kommen

Die Anarchisten wissen, dass ihr Gärtlein nicht für die Ewigkeit ist. Dennoch roden sie derzeit hinter dem verlotterten Haus. Dort will die Gruppe noch mehr Beete anlegen. Eine neue Oase, ein neues Anarchisten-Gärtlein schaffen. «Wir haben absolut keinen Besitzanspruch», sagen sie. Aber bis die Baumaschinen auffahren, bleiben sie.

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