Vom Grabmal zum Baustoff

ST.GALLEN. In vielen Gemeinden der Region stehen im Frühling Grabräumungen an. Ein Grossteil der Grabsteine bleibt auf dem Friedhof zurück. Sie enden als Skulptur, Gartenbänkli, Vogeltränke oder als Strassenbelag.

Noemi Heule
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Dieses Grab auf dem Friedhof in Wittenbach wird demnächst geräumt. Die Angehörigen werden angehalten, den Grabstein zu entfernen. (Bild: Ralph Ribi)

Dieses Grab auf dem Friedhof in Wittenbach wird demnächst geräumt. Die Angehörigen werden angehalten, den Grabstein zu entfernen. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Schild auf dem Friedhof weist darauf hin: Die Grabräumung steht bevor. Nach einer Totenruhe von 20 Jahren werden die Gräber in der Regel geräumt. Meist im Frühling oder Anfang Sommer, damit sie nicht neu bepflanzt werden müssen. Auf den Wittenbacher Friedhöfen werden die Grabfelder bereits Anfang März entfernt.

«Den meisten Angehörigen reichen 20 Jahre, um Abschied zu nehmen», sagt Sidi Eberhard vom Bestattungsamt Wittenbach. Natürlich gebe es immer einzelne, denen diese Frist zu kurz ist. Sie kann jedoch einzig bei einem Familiengrab auf Wunsch vertraglich verlängert werden – auf insgesamt bis zu 50 Jahre. Ansonsten werden die Hinterbliebenen aufgefordert, Grabschmuck und Grabstein zu entfernen.

Zu Kies zerkleinert

Die Mehrheit der Angehörigen kommt dieser Aufforderung nicht nach: Rund 90 Prozent der Steine verbleiben auf dem Friedhof. «Alles, was auf dem Grab zurückbleibt, wird entsorgt», sagt Eberhard. Für die Grabsteine bedeutet dies: Sie kommen in den Schredder. Dort werden sie zu Kies zerkleinert und als Strassenbelag wiederverwendet.

Anschliessend werden die Grabfelder oberflächlich geräumt und ein Rasen gesät. Unterirdisch wird die Erde dagegen nicht angetastet. Nach 20 Jahren seien Körper und Sarg vollständig verwest, sagt Eberhard. Trotzdem vergehen in der Regel einige Jahre, bis die Gräber erneut genutzt werden.

In anderen Gemeinden herrscht dieselbe Praxis: «Wir lassen buchstäblich Gras über die Sache wachsen, bevor die Gräber wieder geöffnet werden», sagt beispielsweise Patrik Strässle, Gemeindeschreiber in Andwil, wo im Mai ebenfalls Grabräumungen anstehen.

Urnen zersetzen sich nicht

Kindergräber werden in Wittenbach bereits nach 15 Jahren geräumt. Auch bei Urnengräbern gilt diese Frist. Sie machen momentan etwa 90 Prozent aller Bestattungen aus. Die Gefässe, meist aus Ton gefertigt, zersetzen sich in der Erde nicht und müssen daher ausgehoben werden. «Die Asche wird anschliessend in ein Gemeinschaftsgrab gestreut», sagt Anton Hauser. Er ist Friedhofsgärtner in Mörschwil, wo im Mai ebenfalls Gräber geräumt werden. Anders in Wittenbach: Spezielle Öko-Urnen zersetzen sich im Erdboden.

Andenken zu Geld machen

Zwar bleiben noch immer die meisten Grabsteine auf den Gräbern zurück, trotzdem würden diese immer öfters recycelt, stellt Eberhard fest.

Auch der Wittenbacher Bildhauer Marcel Robert-Tissot teilt diese Erfahrung. Viele Angehörige wollten die Grabsteine in der Familie belassen. Entweder in seiner ursprünglichen Funktion als Grabmal oder aber als Erinnerungsstück. Ob Gartenbänkli, Vogeltränke oder Skulptur: Der Stein wird im Garten ausgestellt oder Teile davon im Wohnzimmer exponiert.

Wird er als Grabstein wiederverwertet, schleift der Bildhauer die Inschrift ab und ersetzt sie. Allerdings sei dies nicht immer möglich: «Die Friedhofsreglemente schreiben jeweils eine Mindestdicke vor», sagt er. Nach dem Abschleifen seien viele Steine zu dünn für den Friedhof. Andere Angehörige dagegen wittern ein Geschäft. Immer wieder erhält Robert-Tissot Angebote von Hinterbliebenen, die den Gedenkstein sozusagen als Occasions-Modell zu Geld machen wollen. Auf solche Geschäfte gehe er jedoch nicht ein. Ohnehin bevorzuge er neue Steine, da sich der Aufwand einer Restaurierung oft nicht auszahlt. Es sei denn, die Angehörigen wollen das Grabmal zum Andenken behalten.