Tiefe Löhne, lange Tage

ST.GALLEN. Minimallöhne, schlechte Arbeitsbedingungen: Städtische Taxifahrer haben einen undankbaren Job. Daran ändert auch die von der Stadt beschlossene Plafonierung der Konzessionen wenig. Branchenkenner fordern weitere politische Massnahmen.

Tobias Hänni
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Für einen Lohn unter dem Existenzminimum arbeiten Taxifahrer täglich zehn bis zwölf Stunden. (Bild: Philipp Baer)

Für einen Lohn unter dem Existenzminimum arbeiten Taxifahrer täglich zehn bis zwölf Stunden. (Bild: Philipp Baer)

Zwischen 2000 und 3000 Franken pro Monat verdient ein Taxifahrer in der Stadt. Wenn er Glück hat und nicht nur Kurzstrecken fährt ein bisschen mehr. Brutto. Dafür muss er sich täglich zehn bis zwölf Stunden hinters Lenkrad klemmen, sechs Tage die Woche, manchmal auch sieben. «Bei einer Arbeitszeit von acht bis neun Stunden kommt man nicht mehr über die Runden», sagt ein Taxifahrer, der seit über dreissig Jahren Kundschaft von A nach B befördert. Vor 20 Jahren habe man in der Branche noch das Dreifache verdienen können. «Die Konkurrenz ist zu gross, um genug zu verdienen», sagt ein anderer Fahrer.

Tatsächlich hat sich die Zahl der Taxis seit der Liberalisierung der Branche 1994 mehr als vervierfacht: Von 42 auf 180 Fahrzeuge. Der Stadtrat hat deshalb die Beschränkung der Taxibewilligungen auf 145 Fahrzeuge beschlossen (Tagblatt vom 7. Juni).

«Rückgang dauert Jahre»

Für Beobachter der Taxibranche ist diese Massnahme zwar ein erster Schritt, um das Überangebot zu senken. Er geht ihnen aber zu wenig weit. Etwa Iman Nahvi. Der Masterstudent in Banking und Finance an der Universität Zürich beschäftigt sich seit einem Jahr mit dem St. Galler Taximarkt. «Die Verkleinerung der Taxiflotte dauert mit der normalen Fluktuation mehrere Jahre», sagt der 25jährige St. Galler, dessen Vater seit zehn Jahren in der Branche tätig ist. Und bis die Zahl der Taxis sinke, werde sich an den tiefen Löhnen und den langen Arbeitstagen wenig ändern.

Mehr Taxis, weniger Lohn

Die schlechten Arbeitsbedingungen hängen für Nahvi direkt mit der Liberalisierung zusammen. «Die meisten Fahrer haben keinen Fixlohn, sondern erhalten 40 bis 50 Prozent des Umsatzes, den sie erwirtschaften», erläutert er. Je mehr Taxis es gebe, desto kleiner werde dieser Umsatz. «Um doch etwas zu verdienen, müssen die Chauffeure immer länger arbeiten.» Auf der anderen Seite hätten die Unternehmen im liberalisierten Markt einen enormen Anreiz, ihre Flotte ständig zu vergrössern. «Ein Unternehmen, das ein günstiges Fahrzeug kauft und einen Fahrer auf Vollprovision anstellt, hat praktisch kein wirtschaftliches Risiko», analysiert Nahvi. Egal wie viel Umsatz ein Chauffeur einfahre, die Firma gewinne immer. Nahvi will ab Juli das Unternehmen seines Vaters neu ausrichten. Mit einem fixen Grundlohn für Fahrer und Autos der Energieeffizienzklasse A.

Branchenweite Vorgaben

«Würde jedes Taxiunternehmen ein solches Konzept verfolgen, wäre die Branche sozialer und ökologischer», ist Nahvi überzeugt. Deshalb fordert er vom Stadtrat branchenweite Mindestlöhne und Vorgaben zum Treibstoffverbrauch der Fahrzeuge. Neben einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einem tieferen CO2-Ausstoss würden die Massnahmen zu einem Rückgang der Taxis führen. «Mit Grundlöhnen und höheren Investitionskosten für die Fahrzeuge haben die Taxifirmen keinen Anreiz mehr, eine möglichst grosse Flotte zu unterhalten», sagt Nahvi.

Auch Thomas Wepf, Regionalleiter der Gewerkschaft Unia Ostschweiz, sieht ein Eingreifen der Politik als notwendig an. «Anfang Jahr wollten wir mit Taxifahrern eine gewerkschaftliche Organisation aufbauen», sagt Wepf. Der Versuch sei nicht zuletzt daran gescheitert, dass es in der Branche viele Einzelunternehmer gebe. Zudem seien die Fahrer weniger an einer Gewerkschaft, sondern an mehr Standplätzen interessiert gewesen. «Für dieses Anliegen ist die Unia nicht der richtige Gesprächspartner», sagt Wepf.

«Pensionierung oder Tod»

Bei der Stadt werden die Regulierungsvorschläge unterschiedlich bewertet. «Branchenspezifische Mindestlöhne machen auf Gemeindeebene keinen Sinn», sagt Heinz Indermaur, Direktionssekretär Soziales und Sicherheit. Dies führe unter anderem zu einer Zersplitterung der regionalen Arbeitsmärkte. «Wie erklärt man etwa einem Gossauer Taxifahrer, dass er aufgrund anderer Lohnregelungen weniger verdient als sein St. Galler Kollege?» Wenn überhaupt, dann müssten solche Massnahmen auf kantonaler oder nationaler Ebene eingeführt werden. Die Forderung nach umweltfreundlicheren Taxis hingegen ist für Indermaur ein guter Ansatz. «Wir werden die Idee prüfen», sagt er. Allerdings aus ökologischen, nicht sozialpolitischen Gründen.

Für die Taxifahrer hat die Stadt das Problem mit der Konzessionsbeschränkung noch längst nicht gelöst. «Welche Firma gibt schon freiwillig die Bewilligung ab?», fragt ein Fahrer. Wenn einer der Fahrer zu arbeiten aufhöre, werde einfach ein anderer eingestellt. «Die Zahl der Taxis geht nur zurück, wenn sich die selbständigen Fahrer pensionieren lassen – oder sterben», sagt der Mann.

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