Pflanzendünger aus Olma-Urin

«Aurin» ist ein Recycling-Flüssigdünger für Pflanzen. Hergestellt worden ist er aus Urin, der an der Olma 2015 auf dem Unteren Brühl in einem Pissoir gesammelt wurde. Was nach einem Aprilscherz klingt, ist eine wahre Innovation.

Daniel Wirth
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Genossenschaftspräsident Dölf Sutter auf dem Unteren Brühl mit einer Flasche Flüssigdünger «Aurin». (Bild: Urs Bucher)

Genossenschaftspräsident Dölf Sutter auf dem Unteren Brühl mit einer Flasche Flüssigdünger «Aurin». (Bild: Urs Bucher)

Dölf Sutter ärgerte sich «grün und blau», als in den Spalten des «St. Galler Tagblatts» während der Olma 2014 über Wildpinkler und genervte Markthändler berichtet wurde. Der Präsident der Genossenschaft Unterer Brühl, die heute Freitag, 10.30 Uhr, im Festzelt auf dem Unteren Brühl öffentlich ihr 25jähriges Bestehen feiert, wurde eingeladen, in einer Arbeitsgruppe mitzuwirken, die das Olma-Wildpinkler-Problem lösen sollte. Ab diesem Zeitpunkt war Dölf Sutter voll im Thema. Er ist seit vielen Jahren Abonnent der Zeitschrift «umwelt», die vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) viermal im Jahr herausgegeben wird. In einem dieser Hefte hatte der pensionierte Zimmermeister gelesen, dass aus Urin Pflanzendünger hergestellt werden kann. Das wollte Sutter ausprobieren. Er nahm Kontakt auf mit der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag), einem Forschungsinstitut der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) in Dübendorf. Dort wurde Sutter freundlich empfangen und erhielt Support.

2000 Liter Urin gesammelt

Bald ging Sutter an die Umsetzung seiner Idee. Nach Rücksprachen mit der Olma-Leitung und dem Gartenbauamt der Stadt orderte er für die Olma 2015 bei einer spezialisierten Firma einen Pissoir-Container, der auf dem Unteren Brühl aufgestellt wurde – im Bereich des Zeltes von «FM1 today», des Fondue-Stüblis und des Walliser Stalls. Sutter wusste ganz genau, dass es dort keinen Ablauf hat – also musste er den Urin des Sechs-Mann-Pissoirs sammeln. Zu diesem Zweck liess er einen dreiteiligen 3000-Liter-Kunststofftank heranführen, den er diskret hinter einer Plache aufstellte. Am letzten Tag der Olma waren in diesem Tank 2000 Liter Urin. Dölf Sutter rechnet vor: «An elf Tagen urinierten rund 10 000 Männer in unserem Pissoir.» Denn im Durchschnitt löse ein Mann zwei Deziliter Wasser, wenn er ein Pissoir aufsuche. Gut möglich aber, dass es an der Olma auch etwas mehr ist – der Bierkonsum wäre dafür bei den meisten wohl auch gross genug.

In Dübendorf produziert

Wie mit der Eawag abgesprochen, wurde der an der Olma gesammelte Urin nach Dübendorf transportiert. In einem speziellen Verfahren wurden aus den 2000 Litern Olma-Urin 60 Liter Flüssigdünger «Aurin» hergestellt und in 120 Halbliter-Flaschen abgefüllt. Der Dünger kann mit der hundertfachen Menge Wasser verdünnt werden.

«Unser Körper scheidet den grossen Teil der Nährstoffe mit dem Urin aus. Indem wir Urin separat sammeln, können wir wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Kalium zurückgewinnen», heisst es auf der Homepage der Eawag. In Südafrika forscht das Institut schon seit einiger Zeit mit Spezialtoiletten (www.vuna.ch) an der Herstellung von Recycling-Dünger.

«Aurin» fürs Gartenbauamt

Dem Präsidenten der Genossenschaft Unterer Brühl schwebt vor, dass der aus Olma-Urin produzierte Pflanzendünger dereinst vom Gartenbauamt der Stadt eingesetzt wird. «Wir sind offen dafür», sagt Christoph Bücheler, Leiter des Gartenbauamtes. Er findet die Idee «grandios», wie er sagt. Er könne sich vorstellen, «Aurin» in der städtischen Anzucht-Gärtnerei einzusetzen. «St. Galler Urin für St. Galler Schnittblumen und Topfpflanzen», sagt Dölf Sutter. Sein Enthusiasmus ist ansteckend. Auch Olma-Direktor Nicolo Paganini kann Sutters Idee nur Gutes abgewinnen, wie er sagt. Das sei nun wirklich kein «Seich». Paganini freut, dass das Verfahren im Oktober an der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung vorgeführt wird.