Leere Kirchen kosten auch

Die Katholische Kirchgemeinde St. Gallen befürchtet auf längere Sicht sinkende Einnahmen und Personalmangel. Eine Arbeitsgruppe will sich nun unter anderem mit der Frage beschäftigen, ob Kirchen künftig vermietet werden sollen.

Rafael Rohner
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Wie geht es weiter? Die Katholische Kirchgemeinde St. Gallen macht sich Gedanken über die Zukunft. Im Bild die Kirche in Bruggen. (Bild: Urs Bucher)

Wie geht es weiter? Die Katholische Kirchgemeinde St. Gallen macht sich Gedanken über die Zukunft. Im Bild die Kirche in Bruggen. (Bild: Urs Bucher)

Finanzielle Sorgen hat die Katholische Kirchgemeinde St. Gallen derzeit nicht. Noch nicht. Denn der Kirchenverwaltungsrat befürchtet, dass sich dies auf längere Sicht ändern wird. Die Zahl der Mitglieder und damit auch die Steuererträge sind rückläufig. Und der Unterhalt der Kirchen und Pfarreiheime ist teuer. Darüber hinaus dürfte sich der Personalmangel weiter verschärfen. Um auf diese Entwicklungen reagieren zu können, wollen sich die Katholiken grundsätzlich Gedanken über die Zukunft machen. Eine Arbeitsgruppe soll in einem Konzept «Kirche 2025 bis 2030» mögliche Wege aufzeigen.

Kein Tabu ist dabei auch die Frage, ob Kirchen künftig an Dritte vermietet werden sollen, wie Gunnar Henning, Vizepräsident des Katholischen Kirchenverwaltungsrats, sagt. Zunächst gehe es aber darum, Grundlagen zu schaffen und Informationen zusammenzutragen. Henning erwartet einen längeren Prozess.

Pfarreien spezialisieren sich

Untersucht werden etwa die Altersstrukturen der Kirchbürger, der Zustand der Gebäude und die Organisation der Gemeinde. Zurzeit ist die Kirchgemeinde St. Gallen mit ihren rund 29 800 Katholiken in elf Pfarreien eingeteilt. Langfristig stellt sich die Frage, ob alle erhalten werden können.

Roman Rieger, Leiter der pastoralen Arbeitsstelle, stellt fest, dass die Leute mobiler geworden sind und zunehmend auch Angebote über Pfarreigrenzen hinaus nutzen. Der Dom etwa übernehme mehr und mehr eine Zentrumsfunktion. Als möglichen Ansatz sieht Rieger eine Spezialisierung der einzelnen Pfarreien. Die Pfarreien Halden oder auch Riethüsli legten etwa besonderen Wert auf ökumenische Zusammenarbeit, während im Dom das hohe Niveau der Kirchenmusik ausstrahle. Andere Pfarreien profilieren sich mit Angeboten für Familien. Auch sollen laut Rieger neue, gesamtstädtische Angebote geschaffen werden, welche Menschen ansprechen, die sich in den Pfarreien nicht wohl fühlen.

Das Thema weckt Emotionen

Trotz dieser Ideen ist offen, ob in einigen Jahren alle Kirchen in der Stadt noch ausreichend genutzt und finanziert werden können. «Die Kirchbürger verbinden mit den Kirchen starke Emotionen», sagt Roman Rieger dazu. Man wolle daher vorsichtig vorgehen. Zudem müsse man diese Frage letztlich mit dem Bischof diskutieren.

Laien vermehrt einbeziehen?

Die Nutzung von Kirchen und Pfarreiheimen durch Dritte sei ein Dauerthema, sagt auch Kirchenverwaltungsrat Gunnar Henning. Es gebe andernorts Beispiele, wo in Kirchen Bibliotheken, Museen oder Restaurants eingerichtet wurden.

In St. Gallen ist man davon noch weit entfernt. Eine Ausnahme bildet eine ehemalige Neuapostolische Kirche am Rosenberg, in der sich die Stadtschule einquartiert hat. Als wenig geglücktes Beispiel gilt hingegen der Verkauf der Kirche St. Leonhard vor gut zehn Jahren an eine Privatperson (Tagblatt vom 12. Januar). Dennoch sagt Gunnar Henning: «Sollten wir die Kirchen dereinst nicht mehr bezahlen können, müssen wir uns Alternativen überlegen.» Noch vor den Finanzen käme aber wohl der Personalmangel zum Tragen. Es stelle sich die Frage, was in Zukunft noch wo angeboten werden kann. Ein möglicher Weg sei der vermehrte Einbezug von Laien, sagt Henning weiter. Wobei man bedenken müsse, dass Freiwilligenarbeit ebenfalls eher rückläufig sei. Derzeit seien etwa die Altersheime mit Seelsorgern noch gut abgedeckt. Doch auch hier könnte es bald an Nachfolgern fehlen.

Als Vorbild zur Vermietung von Kirchenräumen könnte der Kirchgemeinde die Praxis bei den Pfarreiheimen dienen. Die Katholiken vermieten diese häufig an Vereine oder andere Gruppierungen. In einem Reglement über die Benützung aus dem Jahr 2004 heisst es: «Die Räume können für überpfarreiliche Anlässe oder Veranstaltungen Dritter zur Verfügung gestellt werden, sofern diese nicht mit dem Zweck der Pfarreiheime in Widerspruch stehen.» Zur Benützung von Kirchen und Kapellen fehlt ein ähnlicher Passus.

Der Prozess steht am Anfang

Noch im Januar wird der Kirchenverwaltungsrat gemäss Kirchenverwalter Magnus Hächler zusammenkommen und die Arbeit am Konzept «Kirche 2025 bis 2030» aufgleisen. Der Prozess stehe erst am Anfang.