Das Mittelalter ist ganz nah

Die Umgestaltung der südlichen Altstadt wird seit Beginn von Archäologen begleitet; auf bedeutsame Funde sind sie nun auch unter dem Pic-o-Pello-Platz gestossen. Sie zeugen vom Gewerbe und der Wohnkultur des Hochmittelalters.

Sarah Schmalz
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Die Archäologen bei der Arbeit auf dem Pic-o-Pello-Platz. Sie sind auf ein Häuschen aus dem Hochmittelalter gestossen. (Bild: Jonny Schai)

Die Archäologen bei der Arbeit auf dem Pic-o-Pello-Platz. Sie sind auf ein Häuschen aus dem Hochmittelalter gestossen. (Bild: Jonny Schai)

Die St. Galler Altstadt ist eine archäologische Fundgrube, dennoch blieb sie bis vor fünf Jahren praktisch unerforscht. Zu lange habe man sich in der Gallusstadt auf die klösterlichen Schriften fokussiert, hielt der archäologische Jahresbericht 2009 fest. Seither hat sich einiges getan.

Geschichte unter dem Asphalt

Nicht zuletzt deshalb, weil die Kantonsarchäologie 2008 im Umfeld von Gallusplatz und Manor bedeutsame Funde gemacht hat: Unter anderem kamen bei Aushubarbeiten Teile der Klostermauer zum Vorschein sowie Teile der alten «Wetti», des offenen Wasserreservoirs, aus dem die durch die Gassen führenden Kanäle versorgt wurden. Für den Archäologen Erwin Rigert war klar: «Das Mittelalter beginnt direkt unter dem Asphalt.»

Die Umgestaltung der südlichen Altstadt wurde deshalb als erstes städtisches Grossprojekt von Beginn weg archäologisch begleitet, Erwin Rigert übernahm die Projektleitung.

Aufsehen erregte der spektakuläre Fund eines 1000jährigen Sarkophags: offenbar das Grab einer wichtigen Persönlichkeit aus dem Umfeld des Klosters. Die Entdeckung alter Friedhöfe sowie einer Latrine mit einem Durchmesser von 3,9 Metern sind weitere Highlights.

Der Pic-o-Pello-Platz war ursprünglich nicht Teil des städtischen Sanierungsplans. Doch der Quartierverein Gallusplatz sowie der Kunst- und Kulturverein Pic-o-Pello setzten sich erfolgreich für eine Umgestaltung ein. Seit gut sechs Wochen sind die Bauarbeiten im Gang, auch hier sind Rigert und sein Team im Einsatz.

Das Haus neben der Brücke

Die älteste Ansicht des heutigen Pic-o-Pello-Platzes liefert der Frank-Plan aus dem Jahr 1596. Dieser zeigt: Damals lag der Ort ausserhalb der Stadtmauern. «Im Bereich des auslaufenden Stadtgrabens», sagt Rigert. Ein kleines, unscheinbares Häuschen ist auf dem Plan eingezeichnet, direkt neben der Brücke, die über den Graben zum Müllertor führte.

Rigert vermutet, bei den Ausgrabungen auf eben dieses Häuschen gestossen zu sein. Das freigelegte Mauerwerk, das derzeit jeder Vorbeigehende bestaunen kann, stamme aus dem 13. Jahrhundert. Man sei ausserdem auf das Vorgänger-Haus aus dem 12. Jahrhundert gestossen.

Ausserhalb der Stadtmauer war im Hochmittelalter das Gewerbe angesiedelt. In der Mülenenschlucht standen, wie es der Name vermuten lässt, viele Mühlen. So wurden denn auch an der Ausgrabungsstätte Mühlensteine entdeckt. Woher diese genau stammen, sei aber nur schwer feststellbar, sagt Rigert.

Eine Eisenschmiede?

Auch auf Metallreste stossen die Archäologen unter dem Pic-o-Pello-Platz. Diese lassen vermuten, dass im Haus selbst oder irgendwo in der Nähe einst eine Eisen- oder Bronzeschmiede beheimatet war.

Und die mittelalterlichen Böden geben noch einiges mehr Preis: Scherben und Knochen, Keramikgefässe und Kacheln zeigen, dass hier nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt wurde. Offenbar nicht allzu schlecht: Neben den Alltagsgegenständen entdecken die Archäologen auch Exotisches. Farbiges Glas etwa, welches laut Rigert wohl aus der Ferne importiert wurde, und eine Scherbe aus Bernstein. Es ist ein wertvoller Fund, auf den die Kantonsarchäologen unter dem Pic-o-Pello-Platz gestossen sind. Denn er gibt einen seltenen Einblick in die Wohn- und Gewerbekultur des Hochmittelalters.

Dabei sei die Stadt einmal voller solcher archäologischer Schätze gewesen, sagt Rigert. «Vieles wurde aber wegen mangelnden Bewusstseins bereits zerstört.» Auch die Begleitung des Projekts «Neugestaltung südliche Altstadt» wurde von den Kantonsarchäologen zu Beginn nicht als optimal beurteilt: «Da oft mehrere Bautrupps gleichzeitig arbeiteten, war die archäologische Begleitung schwierig, ja fast unmöglich: Zahlreiche Gräben wurden gleichzeitig angelegt, geöffnet oder geschlossen.» Das Projekt habe sich dann aber sehr positiv entwickelt, betont Rigert. «Die Stadt zeigte sich konstruktiv.» Der Kantonsarchäologie will diese denn künftig auch mehr Gewicht geben: Sie wird nun bereits während der Planung grösserer Bauvorhaben mit einbezogen und kann während des Bewilligungsverfahrens Stellung nehmen.

Archäologe Erwin Rigert. (Archivbild: Michel Canonica)

Archäologe Erwin Rigert. (Archivbild: Michel Canonica)