Dürfen Schulleiter die Hausaufgaben eigenmächtig abschaffen? Im Fall Feldli-Schoren hat der Stadtrat nichts dagegen

Ein FDP-Politiker stellte kritische Fragen zum Experiment der Primarschule Feldli-Schoren und wollte vom Stadtrat wissen, ob Schulleiter die Ufzgi eigenmächtig abschaffen dürfen. Doch der Stadtrat sieht keinen Grund zur Aufregung.

Christina Weder
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Ob mit oder ohne Hausaufgaben: Wegen der Coronakrise müssen derzeit alle Primarschulkinder zu Hause arbeiten.

Ob mit oder ohne Hausaufgaben: Wegen der Coronakrise müssen derzeit alle Primarschulkinder zu Hause arbeiten.

Bild: Ralph Ribi

Die Primarschule Feldli-Schoren hat die Hausaufgaben versuchsweise für ein Jahr abgeschafft. Das Experiment sollte eigentlich bis zu den Sommerferien dauern. Doch wegen der Coronakrise ist es zur Zeit auf Eis gelegt. Das bestätigt Schulleiter Ralf Schäpper auf Anfrage. Noch bis zum 11.Mai geht an den Primarschulen der Fernunterricht weiter. Bis dahin müssen die Kinder zu Hause lernen und Aufträge lösen.

Ralf Schäpper leitet die Primarschule Feldli-Schoren.

Ralf Schäpper leitet die Primarschule Feldli-Schoren.

Bild: Lisa Jenny

Das bleibt nicht ohne Folgen. Schäpper sagt, der Fernunterricht verstärke die Chancenungleichheit, die er und sein Lehrerteam mit dem Hausaufgabenexperiment bekämpfen wollten. Kinder, deren Eltern arbeiten oder aus bildungsfernen Schichten stammen, seien in dieser Situation besonders benachteiligt. Sobald sich der Schulalltag wieder normalisiert, will Schäpper das Experiment wieder aufnehmen. Ob die Evaluation wie geplant vor den Sommerferien durchgeführt werden kann, sei aber noch offen.

Stadtrat gibt dem Schulleiter Rückendeckung

Unterdessen hat sich der Stadtrat mit dem Thema auseinandergesetzt. Er hat eine Einfache Anfrage des FDP-Stadtparlamentariers Andreas Dudli beantwortet. Dieser zweifelte an der Rechtmässigkeit des Experiments und fragte deshalb den Stadtrat: «Dürfen Schulleiter die Hausaufgaben überhaupt eigenmächtig abschaffen?» Weiter wollte er wissen, ob Hausaufgaben zwingend seien und inwiefern der Stadtrat in das Experiment involviert war.

Das war er offenbar nicht, wie aus der Antwort des Stadtrats hervorgeht. Er habe sich nicht vorgängig mit der Hausaufgabenpraxis im Schulhaus Feldli-Schoren befasst, schreibt der Stadtrat. Nun gibt er Schulleiter Ralf Schäpper und seinem Team Rückendeckung. Denn nach Ansicht des Stadtrats hat die Primarschule Feldli-Schoren dafür gesorgt, dass die Ziele von Hausaufgaben erreicht würden trotz des Verzichts darauf.

Lehrplan gibt Maximum für Hausaufgaben vor, aber kein Minimum

Dabei verweist der Stadtrat auf die Vorgaben des kantonalen Bildungsdepartements. Der Lehrplan Volksschule streicht zwar die Bedeutung von Hausaufgaben hervor und legt die zeitlichen Maximalwerte dafür fest. Er beinhaltet gemäss Stadtrat aber «keine explizite Vor­gabe, dass diese auch erteilt werden müssten». Zudem verzichtet das kantonale Bildungsdepartement darauf, den Schulen vorzuschreiben, in welcher Form sie Hausaufgaben aufgeben müssen. Es hat die Lehrerteams aber damit beauftragt, die Hausaufgabenpraxis in ihrem Schulhaus bis 2021 zu vereinheitlichen.

Diesem Auftrag sei die Primarschule Feldli-Schoren nachgekommen, findet der Stadtrat. Das Lehrerteam habe festgestellt, dass herkömmliche Hausaufgaben oft nur mit Unterstützung und wenig Motivation gelöst würden. Es habe deshalb entschieden, auf diese zu verzichten. Anstelle der Hausaufgaben hat es eine 20-bis 30-minütige Lernzeit eingeführt. Während dieser lösen die Kinder selbstständig Aufträge, die Hausaufgaben entsprechen. Sie tun dies aber nicht zu Hause, sondern im Schulzimmer.

Anstelle der Hausaufgaben zu Hause lösen die Kinder im Schulzimmer - unter Aufsicht einer Lehrperson - Aufgaben.

Anstelle der Hausaufgaben zu Hause lösen die Kinder im Schulzimmer - unter Aufsicht einer Lehrperson - Aufgaben.

Bild: Lisa Jenny (22.1.2020)

Dass dafür Unterrichtszeit eingesetzt wird, hält der Stadtrat für «effizient». Ihre Lernfortschritte dokumentieren die Kinder in einem Heft, das sie einmal wöchentlich den Eltern vorlegen. Dadurch bleiben diese auf dem Laufenden, was in der Schule gerade ansteht.

Gemäss Stadtrat erfüllt die Primarschule Feldli-Schoren mit dieser Praxis zwei zentrale Forderungen des kantonalen Bildungsdepartements: Das Lehrerteam fördert die Selbstständigkeit der Kinder. Und es ermöglicht den Eltern einen Einblick in den Schulalltag – trotz Verzicht auf klassische Ufzgi.

FDP-Politiker: «Stadtrat zieht sich aus der Affäre»

Der Stadtrat lässt sich nicht auf ein abschliessendes Urteil ein. Er schreibt: Falls eine Regelung wie jene in der Primarschule Feldli-Schoren nicht den Vorgaben entsprechen würde, dann wäre es die Aufgabe der kantonalen Behörden, der betreffenden Schuleinheit eine entsprechende Rückmeldung zu geben. Sie hätten die Aufsichtsfunktion.

Stadtparlamentarier Andreas Dudli zeigt sich auf Anfrage enttäuscht von der Antwort des Stadtrats auf seine Einfache Anfrage. Dieser ziehe sich aus der Affäre, findet er.

«Der Stadtrat schiebt die Verantwortung dem Kanton zu und tut so, als habe sich die Sache für ihn erledigt.»

Dabei müsste er bei einem so wichtigen Thema Verantwortung übernehmen, ist Dudli überzeugt. Zudem habe er keine Antwort auf seine Frage erhalten, ob es wirklich sinnvoll sei, dass jedes Schulhaus die Hausaufgabenpraxis anders regelt. Das könne nicht im Interesse einer Schulgemeinde sein, findet er: «Da müssten doch alle am selben Strick ziehen.»