Stadtplanung
«Eine Strasse ist eine Lebensader»: Wie die Strassen der Stadt St.Gallen in Zukunft aussehen könnten

Mal Parkplatz, mal Treffpunkt, mal Restaurantterrasse. Ist das die Strasse der Zukunft? Darüber diskutierten Bewohnerinnen und Bewohner sowie Experten im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Stadthorizonte».

Renato Schatz
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Von links nach rechts: Claudio Büchel, Florian Kessler, Maya Grollimund, Beat Rietmann, Marcel John und Markus Buschor.

Von links nach rechts: Claudio Büchel, Florian Kessler, Maya Grollimund, Beat Rietmann, Marcel John und Markus Buschor.

Bild: Stadt St.Gallen

Es gibt weltbekannte Songs über die Strassen von Städten. Ende der Sechziger sang Ralph McTell von den «Streets of London». Darin heisst es: «Und du willst mir sagen, du bist einsam und jeder Tag ist eine Last? Komm mit mir in die Hinterhöfe, weit weg von den Einkaufsmeilen.» Düstere Strassen in London.

Bruce Springsteen sang 1994 über die «Streets of Philadelphia». «Wirst du mich jetzt allein lassen?», fragt Springsteen in den gut drei Minuten, die ihn einen Oscar bescherten. Anschliessend: «Ich bin die Strassen auf und ab getigert, bis meine Füsse zu Stein wurden.» Düstere Strassen in Philadelphia.

Nun, was sänge zum Beispiel Manuel Stahlberger über die Strassen von St.Gallen? Oder die hoch talentierte Joy Marleen in ein paar Jahren? Wie sind die «Streets of St.Gallen»?

Spaziergang durch die Langgasse

Etwa 40 Leute wollen das herausfinden. Verteilt auf vier Gruppen gehen sie im Heiligkreuzquartier auf einen Spaziergang. Jede Gruppe wird von einem Experten geführt: Beat Rietmann ist Stadtingenieur, Florian Kessler Leiter der Stadtplanung, Marcel John Kantonsingenieur und Claudio Büchel im Institut für Raumentwicklung engagiert.

Die Langgasse ist eine der Hauptachsen in der Stadt St.Gallen. Entsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen.

Die Langgasse ist eine der Hauptachsen in der Stadt St.Gallen. Entsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen.

Bild: Benjamin Manser (17. November 2020)

Dass der Spaziergang der Langgasse entlangführt, ist kein Zufall. Die Strasse ist dicht befahren, «verkehrslastig», wie es im Jargon heisst. Vierspurig, dazu ein Streifen für die Busse. Es ist sechs Uhr, es ist laut. Feierabendverkehr. Motorengeräusche, quietschende Reifen, Hupen. Vor dem «Lemore», einem Kebabimbiss, steht ein grosser Baum. Büchel sagt fast entschuldigend zu seiner Gruppe: «Der Baum ist toll. Man hat’s wenigstens versucht.»

Claudio Büchel (2. v. r.) vom Institut für Raumentwicklung ist mit einer Gruppe unterwegs.

Claudio Büchel (2. v. r.) vom Institut für Raumentwicklung ist mit einer Gruppe unterwegs.

Bild: Stadt St.Gallen

Um halb sieben sitzen Rietmann, Kessler, John Büchel auf einer Bühne im Schulhaus Buchwald. Auch Stadtrat Markus Buschor sitzt vor den beiden Kameras, die den zweiten Anlass der Veranstaltungsreihe Stadthorizonte für jene filmen, die einer Risikogruppe angehören oder verhindert sind. Buschor ist Baudirektor und hält die Eröffnungsrede. Anschliessend referieren die vier geladenen Experten über Strassenkonzepte. Die Vorträge werden immer wieder durch Diskussionen in der Runde oder Fragen aus dem Publikum unterbrochen.

«Eine Strasse ist eine Lebensader»

Einmal fragt die Moderatorin, wie eine Strasse überhaupt zu definieren sei.

Buschor sagt: «Ein Lebensraum.»

Rietmann: «Eine Strasse ist auch ein Körper mit einem Innenleben, das man pflegen muss.»

«Eine Lebensader, die an Häuser grenzt», sagt Kessler.

Und Büchel: «Eine Strasse hat drei Funktionen, sie soll verbinden, erschliessen und auch Aufenthaltsort sein.»

Die Fülle der verschiedenen Antworten zeigt: Wenn es um Strassen geht, treffen unterschiedlichste Interessen aufeinander. Das Wort «Zielkonflikte» fällt. Autofahrerinnen wollen schnell von A nach B, Anwohner weniger Lärm, dafür mehr Platz, um sich begegnen zu können. Velofahrerinnen wollen Velowege. John sagt: «Es gibt keine Lösung, bei der alle zufrieden sind.» Ziel sei deshalb der «bestmögliche Kompromiss».

Stadtingenieur Beat Rietmann will die Kolumbanstrasse umbauen.

Stadtingenieur Beat Rietmann will die Kolumbanstrasse umbauen.

Bild: Urs Bucher

Rietmann zeigt die Suche nach diesem bestmöglichen Kompromiss anhand der Kolumbanstrasse, die parallel zur Langgasse verläuft. Die Strasse soll neu gestaltet werden, sie ist in einem schlechten Zustand, wurde mehrfach aufgerissen und entsprich nicht mehr den heutigen Anforderungen. «Es braucht einen Auslöser, um eine Strasse umzubauen. Das kann der schlechte bauliche Zustand sein oder eine Nutzungsänderung», sagt Rietmann.

Die Strasse ist mit 14,5 Metern verhältnismässig breit. Das Projekt sieht vor, die Fahrbahn um eineinhalb Meter zu reduzieren. Der gewonnene Raum soll für eine weitere Baumreihe genutzt werden. Rietmann: «Wie bei einer Allee.» Weiter werden die in der Strasse integrierten Querparkplätze gedreht, sodass sie längs liegen, was velofreundlicher ist. Auf der Kreuzung zur Heimatstrasse soll ein Platz mit «Aufenthaltsqualität» entstehen.

Die Kolumbanstrasse soll in Zukunft als Velostrasse eingerichtet werden. Für den Vortritt der Velos im Bereich der besagten Kreuzung sei eine gesetzeskonforme Lösung aber schwierig. Rietmann sagt: «Wir versuchen, eine Lösung zu finden.»

Die Strassen haben ein Platzproblem

Mehr Spuren, mehr Strasse soll es nicht geben. Markus Buschor spricht in der Eröffnungsrede immer wieder von «demselben Raum». «Mehr Menschen, mehr Interaktion, mehr Begegnung – auf demselben Raum.» Das ist die Ausgangslage. Und die Lösung? Irgendwann sagt Buschor:

«In Wien erledigen die Menschen 90 Prozent ihrer Einkäufe zu Fuss oder mit dem Velo.»
Stadtrat Markus Buschor, Direktion Planung und Bau.

Stadtrat Markus Buschor, Direktion Planung und Bau.

Bild: Michel Canonica

In einem Punkt sind sich alle einig: Zukunftsprognosen sind schwierig. An wem soll man sich also orientieren? Welchen Idealen folgt man? Claudio Büchels Antwort darauf: «Flächen zum Reagieren.» Er meint damit Plätze, die mal Parkplatz, mal Station für Velosharing, mal Vorplatz von einem Restaurant sein können.

Beim Apéro reden die Stadtsanktgallerinnen und Stadtsanktgaller, die gekommen sind, über ihre Strassen. «Wenn man von der St.-Leonhard-Strasse Richtung Osten fährt …», beginnt einer. Jemand anderes sagt: «Mit dem Velo die Heimatstrasse hoch, dann hat es doch auf der linken Seite …» Das sind ihre Strassen, sie kennen sie, die «Streets of St.Gallen». Wie sie in Zukunft aussehen könnten, davon haben sie eine erste Vorstellung mit auf den Weg bekommen.

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